July 26th, 2010
Normalerweise können Abonnenten die digitale Version des SPIEGEL schon am Samstagabend um 22.oo Uhr auf www.spiegel.de/meinspiegel abrufen. Dieses Wochenende aber war das anders. Aus redaktionellen Gründen hieß es: “Ich bin dann mal off”.
Es wäre schön gewesen, wenn es sich bei dieser unerwarteten Entschleunigung um den ferienzeitlichen Nachklang zur gleichnamigen Titelstory der vergangenen Woche gehandelt hätte.
Datenstress pur
Nach den elf Seiten literarisch-philosophischer Muße-Theorien, die von Susanne Beyer (41) im SPIEGEL Nr. 29 zusammengestellt worden waren, hätte ein wenig konsequente Muße-Praxis von Seiten der Magazinredaktion nicht schaden können.
Doch wen wundert’s, dass es am Sonntagabend um 23.00 Uhr, als der SPIEGEL Nr. 30 dann doch noch online ging, ganz anders kam: Datenstress pur!
Echtzeit-Krieg
91.731 Dokumente aus dem Datenpool des amerikanischen Militärs in Afghanistan. Die meisten davon als geheim deklariert.
“Meldungen der Truppe aus dem laufenden Gefecht” (Spiegel, Nr. 30, S. 72). “Der Krieg gewissermaßen in Echtzeit” (ebd.).
Wikileaks.org
Das in der Titelstory des SPIEGEL Nr. 30 (Protokoll eines Krieges, S. 70-81) ausgewertete Material umfasst einen Zeitraum von 2004 bis 2009.
Es ist seit Sonntag (25.7.2010) als digitales Archiv online recherchierbar auf der Internetplattform wikileaks.org.
Zeitgleich
Die New York Times, The Guardian und DER SPIEGEL hatten schon einige Wochen zuvor Einblick in die Datenflut.
Zeitgleich flankieren sie die Online-Publikation von WikiLeaks nun in Amerika, Großbritannien und Deutschland mit ihren Titelgeschichten.
Überlastet
Natürlich ist der WikiLeaks-Server jetzt überlastet.
Denn er steht plötzlich im Zentrum der Weltöffentlichkeit.
Muße nicht Nichtstun
Das führt zurück zum Thema von Susanne Beyer.
Sie hatte uns unter der Überschrift “Leben im Stand-by-Modus” (Spiegel, Nr. 29, S. 56-67) gerade noch so schön erläutert, dass Muße nicht Nichtstun bedeutet.
Den Mächtigen in die Suppe spucken
Den “Definitionen der Denker” (Spiegel, Nr, 29, S. 66) zufolge bestehe Muße darin, “sich in aller Ruhe und zweckfrei dem hinzugeben, was Freude mache und interessiere” (ebd.).
Für den einen heiße das “Klavierspielen” (ebd.), für den anderen sei es “ein Spaziergang” (ebd.) – und für den dritten besteht das “otium” ganz offensichtlich darin, “den Mächtigen in die Suppe zu spucken” (Spiegel, Nr. 30, S. 84).
Der Gründer
Julian Assange (39) ist der Gründer von WikiLeaks.
Er hat die geheimen “Afghanistan-Protokolle” (Spiegel, Nr. 30, Titelseite) ins Internet gestellt.
Wir leben alle nur einmal
Im Gespräch mit dem SPIEGEL teilt er den Redakteuren John Goetz (47) und Marcel Rosenbach (38) mit:
“Wir leben alle nur einmal. Deshalb sollten wir in unserer Zeit etwas Sinnvolles und Befriedigendes anstellen. Und ich mag es, den Mächtigen in die Suppe zu spucken. Diese Arbeit macht mir wirklich Spaß” (Spiegel, Nr. 30, S. 84).
Gott der Allmächtige
Der Mann aus Australien hat Physik studiert und eine Karriere als Hacker hinter sich:
“Er bewegte sich in den Rechnern anderer wie Gott der Allmächtige” (Spiegel, Nr. 30, S. 85).
Sicherheitsrisiko
WikiLeaks wurde 2007 online gestellt.
Seit 2008 wird es vom US-Militär als Sicherheitsrisiko klassifiziert.
Keine Gerüchte
Die Webseite sammelt und veröffentlicht “Material, das Unternehmen und staatliche Stellen als geheim einstufen. Ein Forum für anonyme Informanten. Keine Gerüchte, nichts Selbstverfasstes, nur Originaldokumente” (Spiegel, Nr. 30, S. 82).
Kein Gehalt
Und weiter erfahren wir im SPIEGEL: “Assange arbeitet wie besessen an der Datenbank” (Spiegel, S. 83). Ein Gehalt erhält er dafür nicht.
“Leute, die es gut mit ihm meinen, sagen, er brauche dringend ein paar Wochen Urlaub” (Spiegel, Nr. 30, S. 83).
Kein Urlaub
Aber das wissen wir jetzt besser. Muße ist nämlich nicht Urlaub von der Arbeit, sondern nur ein anderer Modus:
“Insofern müsste die Leistungsgesellschaft genau diesen Zustand eigentlich anstreben” (Spiegel, Nr, 29, S. 66).
Task Force 373
Ist das die Meta-Message, die uns der SPIEGEL in die Ferien hinein nachruft?
Mit Susanne Beyers “Ich bin dann mal off” (Spiegel, Nr. 29, Titelseite) reisen wir ab, und am Urlaubsort begrüßt uns die “Task Force 373” (Spiegel, Nr. 30, Titelseite)!
A very, very big story
Sicherlich, aus der Perspektive der Sicherheitsministerin von Großbritannien, Baroness Neville-Jones, ist das Ganze “a very, very big story”.
Und der Nationale Sicherheitsberater von Präsident Obama reagiert sofort und verurteilt die Veröffentlichung der Geheimdokumente, weil “sie das Leben von Amerikanern und ihren Partnern bedroht” (Statement of National Security Advisor Gen. James Jones on Wikileaks).
Nr. 2
In der Tagesschau wird das Thema heute (26.7.2010) als Nr. 2 gleich nach der Duisburger Love-Parade behandelt.
Aber der Unterschied zwischen den beiden Nachrichten ist signifikant.
Berichterstattungspflicht
Bei der Massenpanik in Duisburg handelt es sich um eine aktuelle nationale Tragödie mit 20 Toten, für die jetzt die Verantwortlichen gesucht werden.
In diesem Fall besteht journalistisch gesehen unmittelbare Berichterstattungspflicht.
Skandalwert
Die Veröffentlichung der “Afghanistan-Protokolle” hat keinen aktuellen Anlass. Die Ereignisse, auf die sich die Protokolle beziehen, liegen relativ weit zurück.
Und der Skandalwert besteht scheinbar weniger in den dokumentierten Inhalten als vielmehr im Sachverhalt der Veröffentlichung selbst.
Sommerloch
Ein Weltthema wird aus der Sache dadurch, dass die drei großen Zeitungen sich im Timing mit WikiLeaks abgesprochen haben, um auf diese Weise einen globalen Medienevent zu kreiren.
Mitten im Sommerloch.
Ein angemessenes Instrument?
Gehört das Material tatsächlich an die Öffentlichkeit? Ist die gewählte Form der massenmedialen Kampagne ein angemessenes Instrument?
Oder ist diese etwas stressige Art von Muße vielleicht doch nicht wirklich investigativ?
Fehlende Worte
Nun ja, als Medienphilosoph bin ich ja einiges gewöhnt.
Aber heute fehlen auch mir die Worte.
Mike Sandbothe
—
Update: Zur internationalen Debatte über die Veröffentlichung der geheimen Militär-Dokumente aus dem Afghanistan-Krieg siehe auch den SPIEGEL-Online-Artikel von Gregor Peter Schmitz: Datendesaster untergräbt Obamas Kriegspläne (27.7.2010).
July 18th, 2010
Der SPIEGEL-Redakteur Markus Grill (42) und seine Kollegin Veronika Hackenbroch (40) befassen sich in ihrer Titelstory “Homöopathie. Die große Illusion” auf zehn Seiten mit der populären Paradeform einer sanften Medizin.
Leider haben sie im Untertitel das Fragezeichen vergessen.
Das fehlende Fragezeichen
Der gesamte Textumfang beträgt 34955 Zeichen. Da sollte man meinen, dass das Fehlen dieses einen Zeichens doch keinen wirksamen Unterschied macht.
Aber es ist wie bei der Homöopathie. Kleine Ursachen können große Folgen haben.
Eine Krankheit der Profession
Mit Fragezeichen wäre aus dem journalistischen Virusträger ein medizintherapeutischer Heilungstext geworden.
So aber wird das spannende Titelthema von der Krankheit des professionalisierten Skeptizismus befallen.
Skeptiker und andere Menschen
Skeptiker sind Menschen, die meinen, dass der Zweifel ein Selbstzweck sei und nichts, das ihm nicht systematisch unterzogen wurde, Anspruch auf Gültigkeit habe.
Die englische Sprache stellt der skeptischen Grundhaltung eine Weltsicht gegenüber, die als “open minded” bezeichnet wird.
Chronisch-misstrauisch
Dementsprechend unterscheiden wir im Deutschen aufgeschlossene Menschen von skeptisch-verschlossenen bzw. chronisch-misstrauischen Zeitgenossen.
JournalistInnen gehören häufig (aber zum Glück nicht immer) zum letztgenannten Typus.
Der Fall Grill
Nehmen wir den Fall des SPIEGEL-Redakteurs Markus Grill. Er ist 42 Jahre alt und “Vater zweier Söhne” (Der Spiegel, Nr. 28, “Hausmitteilung”, S. 5).
Weiter erfahren wir über ihn, dass er “im Freundeskreis schon oft den Ratschlag bekommen hat: Leiden die Kinder unter irgendeinem Wehwechen, helfen kleine homöopathische Kugeln, die Globuli” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 5).
Nicht nur Vater
Aber Grill ist nicht nur Vater. Er zählt auch zu “den besten investigativen Journalisten Deutschlands” (Sonia Mikich).
Seine Spezialität ist die Enthüllung von Skandalen in der Pharmabranche. Dafür hat er dieses Jahr den Journalistenpreis des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin erhalten.
Wie die Pillen produziert werden
Deshalb hat er den Globuli-Ratschlag seiner Freunde auch nicht einfach ausprobiert, sondern erst mal eine professionelle Hintergrundrecherche gestartet:
“Grill ließ sich in Karlsruhe in den Gebäuden der Deutschen Homöopathischen Union (DHU) zeigen, wie die Wunderpillen produziert werden” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 5).
Grills Schüttelfrust
Dieser Besuch wurde zum Auslöser von Grills “Schüttelfrust”. Womit wir wieder beim fehlenden Fragezeichen sind.
Denn die in Handarbeit durch Schütteln eines Glaskolbens erzeugten Verdünnungsgrade können in der Homöopathie Dimensionen (”D”) erreichen, im Vergleich zu denen das fehlende Fragezeichen im Cover-Untertitel “Homöopathie. Die große Illusion” als grob stofflich erscheinen mag.
Homöopathische Verdünnungsgrade
“So kommt bereits bei D9 etwa ein Tropfen Wirkstoff auf den Inhalt eines Tanklasters. D23 entspricht bereits einem Tropfen Wirkstoff im gesamten Mittelmeer. Und D78 bedeutet, dass wenige Wirkstoffmoleküle auf alle Moleküle des Universums kommen” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 64).
“Daneben stellt die DHU auch Potenzen wie D200 und D1000 her.” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 64)
Keine Belege
Doch damit nicht genug.
“Je länger sich Grill und seine Kollegin mit der vermeintlichen Wundermedizin beschäftigten, desto größer wurde ihre Skepsis. Sie fanden weltweit keine überzeugenden Belege für die Wirksamkeit homöopathischer Zuckerkügelchen.” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 5).
Placebos
Das Fazit der Spiegelredakteure lautet daher, dass es sich bei homöopathischen Medikamenten um “Placebos” handelt.
Diese sollen einer “larvierten Form von Psychotherapie” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 66) den Anschein einer medizinischen Behandlung verleihen.
Am Zweifel zweifeln
Skeptiker haben ein Grundproblem. Ihnen fällt es schwer, am Zweifel zu zweifeln.
Skepsis macht in bestimmten Kontexten durchaus Sinn. Aber nicht in allen.
Wer das einsieht, ist fähig, am Zweifel zu zweifeln, d.h. diesen nicht als Lebenshaltung zu verabsolutieren, sondern intelligent, situativ und wohldosiert einzusetzen.
Wer heilt, hat Recht!
Der geheilte Skeptiker wird zum Pragmatisten.
Samuel Hahnemann (1755-1843), der Begründer der Homöopathie, hat den Grundsatz einer pragmatisch orientierten Arztpraxis einmal wie folgt formuliert: “Wer heilt, hat Recht!”
Heilungsorientierter Pragmatismus
Auch bei den LeserInnen des SPIEGEL ist der in diesem Zitat zum Ausdruck kommende heilungsorientierte Pragmatismus weit verbreitet.
So schreibt Peter Kuhn aus Genf in seinem Leserbrief: “Wenn der Patient sagt, es gehe ihm besser, dann kommt auch ein negativer Objektivierungsbeweis dagegen nicht auf” (Der Spiegel, Nr. 29, 19.7.2010, S.9).
Nicht ‘nur’, sondern ‘aha’
Und Dirk Houben aus Wuppertal geht noch einen Schritt weiter, wenn er formuliert:
“Ob nun in der Homöopathie, in der Psychotherapie oder der Schulmedizin, der Placeboeffekt läuft immer wacker mit, er wäre bei kluger Betrachtung aber nicht ein ‘Nur’, sondern vielmehr ein ‘Aha’” (Der Spiegel, Nr. 29, S. 9).
Medizinische Maschinerie
Was Houben meint, hat der in Seattle praktizierende Freiburger Komplementärmediziner Dietrich Klinghardt mit Blick auf die Schulmedizin einmal wie folgt auf den Begriff gebracht:
“Der Hauptgrund, warum die Schulmedizin überhaupt so oft wirkt, liegt im Placeboeffekt, der ausgelöst wird durch die ungeheuer eindrucksvolle medizinische Maschinerie” (Dietrich Klinghardt, Lehrbuch der Psychokinesiologie, S. 33).
Farbige Pillen und weiße Kittel
Insofern kann man sagen, dass die meisten Skeptikerargumente, die sich in dem Spiegel-Artikel von Grill und Hackenbroch finden, Argumente sind, die sich auch auf die Schulmedizin anwenden lassen.
Denn: “‘Rituale’ wie Blutdruckmessen, ‘Symbole’ wie farbige Pillen, weiße Kittel und die ehrliche und liebevolle Bemühung des Arztes tun ihre Wirkung” (Klinghardt, ebd., S. 33).
Verantwortung in Medizin und Naturwissenschaft
Und das ist auch gut so. Denn in der Medizin geht es um Heilung und nicht um die Verabsolutierung des Zweifels.
Das gilt übrigens auch für eine verantwortungsvolle Form von Naturwissenschaft.
Revolution statt Blockade
Sie nimmt die Erfahrungen ernst, die ÄrztInnen und PatientInnen machen und blockiert mit ihren alten Wissensbeständen nicht den Fortschritt der Forschung.
Denn das, was wir heute zwar erfahren, aber noch nicht erklären können, markiert den Raum, in dem sich sich zukünftige wissenschaftliche Revolutionen ereignen.
Mike Sandbothe
May 9th, 2010
Wofür und wogegen Alice Miller gekämpft hat und wie erfolgreich sie dabei in the long run war, lässt sich an den Nachrufen zeigen, die in diesen Tagen aus Anlass ihres Todes erschienen sind.
Zwischen Freud und Oprah
In seinem Nachruf in der New York Times beschreibt William Grimes Alice Miller als “missing link zwischen Freud und Oprah” (William Grimes, Alice Miller, Psychoanalyst, Dies At 87, New York Times, 26.4.2010).
Diese im ersten Moment etwas überraschende Einordnung geht zurück auf eine Buchbesprechung, die 2002 in der New York Times Book Review zu Millers Buch Evas Erwachen (englischer Titel: The Truth Will Set You Free) erschienen ist.
Nutzerfreundlich
Die Autorin dieser Besprechung, Daphne Merkin, begründet ihre provozierende Freud-Miller-Winfrey-Genealogie mit einem guten Argument.
Alice Miller, so die Rezensentin, sei es gelungen, “die subtilen Gefährdungen der emotionalen Entwicklung aus den abgekapselten Praxisbüros der Therapeuten in einen größeren, nutzer-freundlichen Kontext zu bringen” (Daphne Merkin, “If Only Hitler’s Father Had Been Nicer“, in: The New York Times Book Review, 27.1.2002).
Kulturtherapie
Da ist was dran.
Tatsächlich haben die 13 Bücher von Alice Miller und ihre Webseite www.alice-miller.com einen weit über den akademisch-therapeutischen Bereich hinausgehenden Einfluss erlangt.
Miller hat Kulturtherapie betrieben. Und zwar in 30 Sprachen. Sie war weltweit überaus erfolgreich.
Gefährliches Terrain
Zugleich hat sie sich damit viele Feinde gemacht.
Wer das öffentliche Medium des Buches in großen Auflagen nutzt, um Menschen bei der Heilung ihrer privaten Kindheitstraumen zu helfen und dabei zugleich an einer heilsamen Transformation der kulturellen Öffentlichkeit arbeitet, begibt sich auf ein gefährliches Terrain.
Was ich damit meine, zeigt sich in den Nachrufen von FAZ und SPIEGEL.
Deutungsmonismus und fehlende Selbstanwendung
Christian Geyer unterstellt Miller einen “Deutungsmonismus, der an Wahn grenzt” (Christian Geyer, Misshandlung überall, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.4..2010).
Philipp Oehmke und Elke Schmitter werfen ihr vor, “dass sie ihr eigenes Instrumentarium auf das größte Trauma ihres Lebens nicht anwenden konnte” (”Mein Vater, ja, diesbezüglich“, Interview mit Martin Miller, Sohn der verstorbenen Autorin Alice Miller, in: DER SPIEGEL, Nr. 18, 3.5.2010, S. 140).
Literatur und Philosophie als Symptome
Was meint Geyer mit “Deutungsmonismus”? Hier seine Erläuterung:
“Einwände, dass man doch nicht gegen die Lebensberichte Kinderleid unterstellen dürfe, parierte Miller mit dem Hinweis, das Leid sei immer dort am schlimmsten, wo es abgespalten, verdrängt und also heute nicht mehr erinnert werde. Der Gesunde ist demnach unter den Kranken derjenige, der am schlimmsten dran ist. Wer sein frühes Leid bestreite, fliehe vor ihm. Und diese Flucht finde ihren Ausdruck in Formen der Selbstentfremdung, die sich unter anderem als Philosophie oder Literatur tarnten.”
Ungeschminkt totalitär?
Das genau ist der heikle Punkt. Miller hat grosse Teile von Kunst, Literatur und Philosophie als Symptome gelesen und sich demgegenüber für heilende Formen von Kultur ausgesprochen.
Geyer nimmt ihr das übel und folgert: “Von diesem Punkt an nimmt der Pathologiezusammenhang, den Miller behauptet, einen ungeschminkt totalitären Zug an.”
Millers Trauma
Ähnlich in der Zielrichtung, aber in der Strategie ganz anders: die SPIEGEL-AutorInnen. Sie nehmen sich Millers Sohn vor.
Und der gibt zu: “Was meiner Mutter zugestoßen ist, hat sie nie richtig erzählt” (DER SPIEGEL, Nr. 18, 3.5.2010, S. 140)
Vom Vater geschlagen
Damit aber nicht genug.
SPIEGEL-ONLINE bringt die Quintessenz des Gesprächs, das Oehmke und Schmitter mit Martin Miller geführt haben, schon einen Tag vor Erscheinen des Blatts wie folgt auf den Begriff: “Sohn von Alice Miller wurde vom Vater geschlagen” (SPIEGEL-ONLINE, 2.5.2010).
Das ist Bildzeitungsniveau.
Was treibt die JournalistInnen?
Was treibt die JournalistInnen von SPIEGEL und FAZ so mit der verstorbenen Autorin umzugehen?
Oehmke und Schmitter sind scheinbar eigens nach Zürich gereist, um Millers Sohn nach dem Tod der Mutter die privaten Lebensgeheimnisse zu entlocken.
Kultivieren statt therapieren
Und Geyer wusste es schon vorher:
“Alice Miller gehörte zu den bewundernswert Besessenen. Ihre Antriebskraft verdankte sich einer lebenslangen Verstörung, die sie als Quelle ihrer Produktivität nicht etwa therapieren, sondern kultivieren wollte” (Misshandlung überall, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.4.2010).
Millers polnische Kindheit
Alice Miller wurde 1923 unter ihrem Mädchennamen Alicja Rostowska in Lemberg (damals Polen) als Tochter jüdischer Eltern geboren.
Über die von Geyer sogenannte “lebenslage Verstörung” weiss Millers erste amerikanische Lektorin, Jane Isay, in der Huffington Post folgendes zu berichten:
Aus dem Warschauer Ghetto geschmuggelt
“Ihre Familie lebte in Warschau und wurde ins Ghetto gebracht als die Deutschen kamen. Die Tochter wurde aus dem Ghetto herausgeschmuggelt und lebte unter falschem Namen bei einer christlichen Familie als öffentliche Christin und geheime Jüdin. In manchen Nächten ist sie in das Ghetto zurückgeschlichen und hat ihrer Familie Lebensmittel gebracht. Aber sie konnte ihre Familie nicht retten” (Jane Isay, How I Found Alice Miller, And Lost Her, Huffington Post, 28.4.2010
Als Kind missbraucht
William Grimes weist in der New York Times darauf hin, dass Miller in ihrem semi-autobiographischen Buch Das verbannte Wissen (1988) enthüllte, “dass sie als Kind missbraucht wurde und dies mit Hilfe des spontanen Malens entdeckt habe” (William Grimes, Alice Miller, Psychoanalyst, Dies At 87, New York Times, 26.4.2010).
Ihre erste Sammlung von therapeutischen Aquarellen hat Alice Miller 1985 unter dem Titel Bilder einer Kindheit veröffentlicht. Die zweite folgte 2006 unter dem Titel Bilder meines Lebens.
Das spontane Malen
Miller hat in ihrem Leben eine Vielzahl unterschiedlicher Therapien bei unterschiedlichen TherapeutInnen absolviert.
Erst das spontane Malen hat ihr geholfen, ihre eigenen Traumen zu artikulieren. Einen Einblick in diesen Prozess geben die beiden Bücher.
Standards des seriösen Journalismus
Warum haben Geyer, Oehmke und Schmitter diese Sachverhalte übersehen bzw. aussen vor gelassen?
Welche Gründe gibt es dafür, dass manche JournalistInnen sich offensichtlich bis heute derart an Alice Miller reiben, dass sie die Standards des von ihnen sonst gepflegten seriösen Journalismus auf irritierende Weise ausser Kraft setzen?
Nur wenige nicht traumatisiert
An Geyers Totalitarismusvorwurf ist ein Quäntchen Wahrheit.
Es stimmt, dass Miller der Ansicht war, dass es nur wenige Menschen auf diesem Planeten gibt, die in ihrer Kindheit nicht auf diese oder jene Art traumatisiert wurden.
Unbewusste Opfer und bewusste Überlebende
In ihrem Buch Abbruch der Schweigemauer (2003) schreibt sie:
“Die Grenze in der Bevölkerung verläuft eigentlich nicht mehr zwischen einst mißhandelten und nicht mißhandelten Menschen (weil die meisten von uns noch im System von Strafen aufgewachsen sind), sondern eher zwischen den unbewußten ehemaligen Opfern und den bewußten Überlebenden der sogenannten ‘erzieherischen’ Gewalt.” (S. 11).
Mangel an authentischer Liebe
Unter “Misshandlung” versteht Miller nicht nur sexuelle oder physische Gewalt, sondern auch alle Formen seelischer Grausamkeit bzw. Demütigung.
Als Basisphänomen sieht sie dabei den Sachverhalt, dass das Kind nicht die authentische Liebe von den Eltern bekommt, die es als der kleine Mensch, der es ist, in seinem schlichten Sein verdient hätte.
Narzisstische Aufmerksamkeitsökonomie
Das Drama des begabten Kindes besteht vor diesem Hintergrund darin, dass es versucht, sich die Liebe, die es nicht auf einfache und authentische Weise erfahren durfte, nachträglich und kompensatorisch durch besondere Leistungen zu verdienen.
Das ist der psychologische Ursprung dessen, was in der Mediengesellschaft als narzisstische Aufmerksamkeitsökonomie Gestalt gewinnt.
JournalistInnen entscheiden
JournalistInnen sind Menschen, die nicht selbst in den Fokus medialer Aufmerksamkeit treten. Aber sie entscheiden, wer wann welche kompensatorische Aufmerksamkeitsliebe durch die Medien erhält.
Insofern leben sie von dem, was Miller aufzulösen und zu heilen versuchte.
Die Schutzpatronin
Alice Miller hat immer viel Wert gelegt auf den Unterschied zwischen Erziehung und Therapie auf der einen Seite und Begleitung sowie Zeugenschaft auf der anderen.
Die Mehrzahl der Nachrufe begleiten das Publikum im Prozess des Abschiednehmens von einer grossen Autorin: “Alice Miller – Die Schutzpatronin“. Sie legen Zeugenschaft ab von einem erfüllten und für viele Menschen lebensrettenden Werk: “Der Mut, den Apfel zu essen“.
In Liebe
Andere versuchen, Miller im Tod noch zu erziehen.
Ihnen würde es sicherlich gut tun, Millers Werke mit Respekt zu lesen und sich auf sich selbst zu besinnen. In Liebe.
Mike Sandbothe
May 2nd, 2010
Klaus Brinkbäumer (43) und Thomas Schulz (37) sind ehrlich. Sie erklären, was sie tun. Sie machen Reklame. Für das iPad von Apple.
Wie lässt sich das iPad personalisieren?
“Es soll die Leser locken, endlich für die digitalen Ausgaben zu bezahlen, vielleicht mehr als für die Print-Ausgabe” (S. 77).
Wie lässt sich das iPad personalisieren? Wie lässt sich über Apple schreiben? Die Antwort bündelt sich in Steve Jobs (55), dem Besitzer von Apple und Erfinder des iPad.
Apples Produkte loben
Aber: “Es ist nicht ganz einfach, sich Jobs zu nähern, weil Apple so gut wie nie mit Reportern spricht, falls diese nicht zuerst Apples Produkte gelobt haben” (S. 69)
Das hat für den SPIEGEL zuletzt Ferdinand von Schirach (46) getan (DER SPIEGEL, Nr. 15, “Die Kunst des Weglassens”).
Keine Einblicke
Und doch: “Der deutsche Firmensprecher Georg Albrecht schrieb: Apple ‘gibt leider keine Einblicke in sein Innenleben…So gern ich so eine Story unterstützen würde, weiß ich, dass wir hier Ihnen keine Gesprächspartner anbieten können’” (S. 69).
Was also tun?
Jobs ist kein netter Mensch
“Es gibt Leute, die Apple verlassen haben.” Die kann man interviewen.
“Und auch Leute, die heute für Apple arbeiten, reden über Apple, wenngleich unter falschem Namen, denn Jobs ist kein netter Mensch” (S. 69). So entsteht ein SPIEGEL-Feature.
Das Inhaltsverzeichnis
Steve Wozniak: “Der Gründer” (S. 69). Andy Hertzfeld: “Der Zauberer” (S. 71). Hartmut Esslinger: “Der Künstler” (S. 71). John Sculley: “Der Feind” (S. 73). Pamela Kerwin: “Die Männerversteherin” (S. 73). Michael More, David Sobotta: “Die Soldaten” (S. 76).
Aber das allein reicht noch nicht, um ins Herz der Sache, sprich: ins Zentrum der iPad-Personalisierung, also in die Intimsphäre von Steve Jobs vorzudringen.
Das Geständnis
Zum Glück gibt es jenen “Juni-Tag von Stanford” (S. 67):
“Es war heiß, kein Schatten im Stadion von Stanford, die Studenten hatten gesoffen, sie grinsten und kicherten, und darum dauerte es, bis sie verstanden, dass dort ein Herrscher der westlichen Welt zum Geständnis schritt” (S. 67).
No big deal
Steve Jobs hat an diesem Tag “drei Geschichten” (S. 67) erzählt.
Klaus Brinkbäumer und Thomas Schulz lassen die LeserInnen über die Details der Überlieferungsgeschichte im Unklaren. Sie erzählen einfach nur Jobs’ stories nach. “No big deal” (S. 67).
Die Mutter
Die erste Geschichte handelt davon, “wie seine Mutter ihn aufgab, wie er adoptiert wurde, wie er sein Studium abbrach” (S. 67).
Die Liebe
In der zweiten Geschichte erzählt Jobs, “dass er als 20-Jähriger gefunden habe, was er liebe, Apple, sein Lebenswerk, und dass er als 30-Jähriger entlassen wurde, doch weitermachte in der Computerwelt, weil er sie liebte” (S. 67).
Die Krankheit
Die dritte Geschichte dreht sich um seinen “Bauchspeicheldrüsenkrebs, unheilbar” (S. 78). So lautete die anfängliche Diagnose.
“Die Ärzte führten die Schläuche ein, entnahmen Tumorzellen, untersuchten sie, dann weinten die Ärzte. Eine Operation könne ihn wohl doch heilen, er sei eine seltene Ausnahme” (S. 78).
Be insanely great
Das war 2004. “Fünf Jahre später fehlte er wieder. Er brauchte eine neue Leber” (S. 78)
“Be insanely great” (S. 72), lautet das Lebensmotto dieses Mannes. Kommentar überflüssig. Oder vielleicht doch nicht?
Recht haben
Als junger Mann habe er ein Zitat gelesen, wissen Brinkbäumer und Schulz zu berichten. Es lautet:
“Wenn du jeden Tag lebst, als sei es dein letzter, wirst du irgendwann recht haben” (S. 78).
Alice-Miller.com
Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Steve Jobs seine Geschichten auf www.alice-miller.com publiziert hätte statt die Studierenden in Stanford damit zu belasten.
“Er hasst die eigenen jungen, gesunden Angestellten” (S. 76).
Seine leibliche Schwester Mona beschreibt ihn in ihrem Roman A Regular Guy als “Narziss, der verlangte, dass seine Geliebten Jungfrauen zu sein hatten” (S. 76).
Jobs’ Liebe zum Job
Für Alice Miller (1923-2010) wäre wohl klar, wie die drei Geschichten von Jobs zusammen hängen.
Er empfängt keine Liebe im Elternhaus, lernt sich selbst nicht zu lieben, liebt statt dessen Apple und bringt die Welt dazu, es ihm gleich zu tun.
The body never lies
Aber das alles behebt den Mangel im Inneren nicht. Jobs’ Liebe zum Job ist keine Liebe zu Jobs.
Ohne authentische Selbstliebe versagt der Körper irgendwann den Dienst. The body never lies.
Philosoph oder Soziopath
Solche Interpretationen sind den SPIEGEL-Autoren vermutlich zu banal.
Sie schwanken zwischen “der Philosoph des 21. Jahrhunderts” (S. 67) und: “Steve Jobs gilt als diabolisch, als Soziopath, und er hat diesen Ruf zu Recht” (S. 67).
Poesie? Ethik? Küchenpsychologie?
Als Genrezuschreibung für Jobs’ stories schlagen Brinkbäumer und Schulz vor: “War das Poesie? Ethik gar? Küchenpsychologie?” (S. 67)
Vermutlich war es der Hilferuf eines einsamen und emotional schwer verletzten Menschen.
Keine gute Therapeutin
Er ist “Zen-Buddhist und Vegetarier” (S. 78). Aber er hat offensichtlich keine gute Therapeutin, keinen helfenden und wissenden Zeugen.
Alice Miller ist am 14. April 2010 im Alter von 87 Jahren gestorben. Das iPad kommt Ende Mai auf den deutschen Markt.
Mike Sandbothe
Der Artikel von Klaus Brinkbäumer und Thomas Schulz ist unter dem Titel “Der Philosoph des 21. Jahrhunderts” auf SPIEGEL-Online als digitaler Volltext zugänglich. Die im Artikel ohne Quellenangabe referierte Stanford-Rede von Steve Jobs findet sich sowohl auf dem News-Sever der Stanford Universität als auch auf Youtube.
April 9th, 2010
Laut SPIEGEL gehört unser Umweltminister Norbert Röttgen “zu jener Gruppe, die Merkel-Spotting betreibt” (S. 25). Der Begriff ist wohl dem TrainSpotting und beides in der Sache dem BirdWatching nachempfunden.
Kanzler, Züge, Vögel
Der Autor des Artikels, Dirk Kurbjuweit, weiss über’s Merkel-Spotting folgendes zu berichten: “Man muss dafür ein Bild von sich als Kanzler haben” (S. 25).
Das ist beim Züge- und Vögelbeobachten zum Glück anders: die ausführende Person braucht von sich kein Bild als Zug oder Vogel zu haben!
SPIEGEL-Watching
Ehrlich gesagt, weiss ich auch nicht so genau, wie das beim MagazinSpotting oder SPIEGELwatching ist.
Aber ich setze auf die Analogie mit den Zügen und Vögeln.
Feature-Hopping
In dieser (nach)österlichen Woche kommt noch eine weitere Komplikation hinzu. Aus Mangel an Anziehungskraft ist es mir nicht gelungen, mein Spotting auf einen einzelnen SPIEGEL-Artikel zu fokussieren.
Deshalb: “SPIEGEL-Surfing”. Man könnte auch von Artikel-Zapping oder Feature-Hopping reden.
Minister für Weltrettung
Aber worum geht es? Ja, genau das war meine Frage als ich den SPIEGEL-Artikel “Die Rache des Maschinisten” über Norbert Röttgen gelesen habe. Oder anders gefragt: Wozu soll das gut sein?
Intellektuellen-Schelte?
Minister-Bashing?
Weltrettungs-Dämmerung?
Abgerutscht
Irgendwie ist es wohl all’ das zusammen und noch einiges mehr.
Kurbjuweit über Röttgen: “Er wurde Umweltminister, weil das im Herbst 2009 nach einer großen Aufgabe aussah. Die Klimakonferenz von Kopenhagen (…) ist jedoch gescheitert (…) und seither ist das ganze Thema abgerutscht. Röttgen darf sich nicht mehr als Minister für Weltrettung fühlen” (S. 25).
Die Wirklichkeit ist niemals naiv
Ich bin naiv. Deshalb finde ich, dass man als Medienmensch ein Thema wie dieses nicht einfach so ‘abrutschen’ lassen darf; zumal es da ja auch neben “den Themen” noch “die JournalistInnen” gibt.
Die sind doch nicht einfach nur ThemenSpotter und KampagnenWatcher. Die machen doch auch ein Stück weit selber die Musik. Wenn sie mutig sind und es wirklich wollen!
Obamas Säkularisierung
Wie gesagt, ich bin naiv. Aber im SPIEGEL-Kommentar von Klaus Brinkbäumer steht: “Die Wirklichkeit ist niemals naiv” (S. 87). Hm. Und wer definiert die? Vielleicht die triadische Geschichtsphilosophie von Herrn Brinkbäumer?
Über Aufstieg und Fall von “St. Barack” (S. 87), also des amtierenden US-Präsidenten, berichtet der SPIEGEL-Journalist wie folgt: “Nach Erscheinung und Kreuzigung erleben wir so etwas wie eine Säkularisierung” (S. 87).
Eine schlechte Angewohnheit
So konstruiert man Themenkarrieren. Statt ThemenWatching doch lieber CampaignCreating?
Aber ist das wirklich “die Wirklichkeit”? Oder nur eine schlechte Medienangewohnheit?
Mit dem Hammer
“Heilung ist nicht möglich.” Das erfahren wir auf S. 127. Es spricht der französische “Dandy-Philosoph” (S. 126) Bernard-Henri Lévy. Romain Leick hat ihn in Paris interviewt und das dann im SPIEGEL drucken lassen.
Lévy besichtigt Kriege und philosophiert “mit dem Hammer” (S. 127). Er wollte kein akademischer Philosoph werden.
Flickwerk-Philosophie
“Wirft man mir vor, zu nahe am Journalismus, an der Reportage, an der Literatur zu sein? Bitte – in der Flickwerkphilosophie hat auch der gute Reporter seinen Ehrenplatz” (S. 127).
Gar keine schlechte Idee! Während die Mehrzahl der JournalistInnen den Themenkarrieren hinterher rennt oder diese (je nach Medium) tatkräftig mitkonsturiert, machen die avantgardistischen PhilosophInnen den alten JournalistInnenjob und schreiben ordentliche Reportagen.
Prof. Dr. Papst
Und was wird aus dem Papst? Der “(UN)FEHLBARE” (SPIEGEL-Titel) ist ja immerhin der Aufmacher dieser SPIEGEL-Woche. Aber der Mann steht “mit leeren Händen” da (S. 74). Denn er ist ein “Intellektuellen-Papst” (S. 76). Ihm fehlt die Bodenhaftung, sprich: die Medienehrfurcht.
“Eine Zeitlang genoss er sogar das ungeteilte Wohlwollen des Feuilletons. Dennoch drang Benedikts Botschaft nicht durch. Der oberste Theologe, Prof. Dr. Papst, verlor den engen Kontakt zu seinen Schutzbefohlenen” (S. 78).
Metaphysische Zentralheizung
Das erfahren wir von Fiona Ehlers, Gregor Peter Schmitz, Ulrich Schwarz, Alexander Smoltcyk und Peter Wensierski. Und sie wissen auf zehn SPIEGEL-Seiten noch mehr über den Oberhirten und seine Schäfchen zu berichten:
“Die meisten seiner Landsleute haben sich in Wahrheit längst in einer privaten Glaubenswelt eingerichtet. Sie haben durchaus den Wunsch nach einer metaphysischen Zentralheizung, wenn’s kälter wird im Leben. Aber bitte ohne Institution und ohne Zumutungen” (S. 78).
In Anderer Glück sein eigenes finden
Gelten Schweizer auch als Landsleute? Irgendwie schon. Vor allem, wenn sie ihre Steuern in Frankfurt am Main bezahlen. Wie Josef Ackermann, “der Bösewicht” (S. 4). Er möchte, dass die Menschheit ihn so sieht, wie er sich selbst sieht. “Der Getriebene” (S. 58).
Der SPIEGEL ist gern behilflich und zitiert aus Ackermanns privater Glaubenswelt: “In Anderer Glück sein eigenes finden, ist dieses Leben Seligkeit – und anderen Menschen Wohlfahrt gründen, schafft göttliche Zufriedenheit” (S. 61).
Ein spirituelles Wesen
Auch Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio leistet einen Beitrag zum österlichen SPIEGEL-Thema.
Seiner Ansicht nach ist die Säkularisierung an ihr Ende gekommen. Und zwar, “weil der Mensch ein spirituelles Wesen ist, das sucht und sich nicht allein mit Konsum und Zweckrationalität begnügt” (S. 30).
Positive Grundeinstellung zur Religion
Nun bin ich selbst überrascht. Obamas Säkularisierung und die Wiederkehr der privaten Spiritualität gehen im Oster-SPIEGEL Hand in Hand.
Die politische Hoffnung auf die öffentliche Politik tritt zurück hinter die private Besinnung auf “die alten Werte der Gebirgswelt” (S. 61) und “eine positive Grundeinstellung unseres Verfassungsstaates zur Religion” (S. 30).
Minister für Entwarnung
Was aber wird aus den großen Weltkrisen? Sicherheitskrise. Ressourcenkrise. Klimakrise. Und, ach ja: Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Fiskalkrise.
Ganz einfach. Wir haben jetzt einen “Minister für Entwarnung” (S. 18). Das ist Thomas de Maizière.
Der Zusammenhalt der Gesellschaft
Von Simone Kaiser, René Pfister, Marcel Rosenbach und Holger Stark erfahren wir über ihn:
“In seinem ersten großen Interview sagte er, mit dem Begriff ‘innere Sicherheit’ könne er wenig anfangen. Seine Aufgabe sei vielmehr, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken” (S. 18).
Ein Land steht am Abgrund
Am Beispiel des Alltags einer griechischen Familie zeigt der SPIEGEL was passiert, wenn man das nicht tut: “Ein Land steht am Abgrund – und niemand hat es kommen sehen” (S. 48).
Der Bielfelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer aber sieht es kommen. Und zwar in Deutschland: “Wutgetränkte Apathie” (S. 70).
Nationale Demokratie-Entleerung
Mit der Fiskalkrise kämen Finanz- und Wirtschaftskrise nun auch bei den einzelnen BürgerInnen an. Die öffentlichen Finanzen bluteten aus. Langzeitarbeitslose würden zum Buhmann der Gesellschaft.
“Drei von vier Befragten sagen, dass sich Solidarität, Gerechtigkeit und Fairness in dieser Gesellschaft nicht mehr verwirklichen lassen” (S. 71). Woran liegt das?
Der autoritäre Kapitalismus
“Viele Menschen merken, dass die Demokratie die Kontrolle verliert gegenüber dem Kapital, das wiederum Kontrolle gewinnt und gnadenlos ausübt” (S. 71).
Und weiter schreibt Heitmeyer: “Der autoritäre Kapitalismus hat es geschafft, seine Verwertungskritierien ohne Widerstand der ganzen Gesellschaft überzustülpen” (S. 71).
Kulturpolitik heute
Ist das wirklich die rechte Zeit für ein Abdanken der öffentlichen Politik und eine Besinnung auf private Glaubenswelten?
Oder geht es heute kulturpolitisch nicht vielmehr darum, öffentliches Engagement und private Spiritualität auf neue Weise miteinander zu verbinden?
Nachhaltiger Journalismus
Wie sähen wirklich nachhaltig fungierende Öffentlichkeiten aus, in denen planetarische Themen wie der Klimawandel nicht einfach mal eben ‘abrutschen’? Und wie könnte Demokratie in transnationalen Institutionen neue Gestalt gewinnen?
Das sind Fragen, mit denen der SPIEGEL seine geneigten LeserInnen zu Ostern leider nicht konfrontiert. Warum eigentlich?
Mike Sandbothe
Einge der zitierten Artikel sind auf SPIEGEL-Online als digitale Volltexte zugänglich.
December 24th, 2009
Dirk Kurbjuweit (47), Gabor Steingart (47) und Merlind Theile (33) befassen sich im SPIEGEL-Titelfeature Nr. 50 mit dem “verlorenen Jahrzehnt” und der weitreichenden Frage “was die Welt aus einer Dekade der Unvernunft lernen muss” (Spiegelcover).
In ihrem Artikel führen sie vor Augen, wie ein kulturpolitisch tiefgreifender Journalismus in Zeiten des Übergangs Orientierung geben kann.
Schlimmer hätte es kaum kommen können
Die Autorin und die beiden Autoren sehen die “nuller Jahre” als strukturelle “Krisenjahre” (S. 153).
Ihre Grundthese über das erste Jahrzehnt des dritten Jahrtausends lautet: “9/11-Krise, Klimakrise, Finanzkrise, Demokratiekrise. Das alles summierte sich zu einer Gesamtkrise des Westens. Schlimmer hätte es kaum kommen können” (S. 153).
Journalistische Vorbildfunktion
Nun, natürlich hätte es noch schlimmer kommen können. Und außerdem hat es nicht nur den Westen getroffen. Aber ein wenig Dramatisierung muss im SPIEGEL selbst dann noch sein, wenn wirklich einmal authentisch gedacht wird. Und das geschieht in diesem Artikel.
Es wäre ein grosses Geschenk an den Immer-Noch-Kulturstandort Deutschland, wenn es dem SPIEGEL im neuen Jahrzehnt insgesamt gelingen wollte, die grossen Entwicklungen unserer Zeit ähnlich intelligent und vernetzt zu analysieren, wie es die drei JournalistInnen in diesem Artikel tun.
Vernetztes Krisendenken und globale Regierungsstruktur
Al Gore ist wohl einer der ersten gewesen, die darauf hingewiesen haben, wie wichtig es ist, die verschiedenen Krisen unserer Zeit in ihrem Zusammenhang zu sehen.
Tut man dies nicht, dann kann die vermeintliche Lösung der einen Krise (Beispiel: Wirtschaftskrise) zu einer Verschärfung der anderen (Beispiel: Klimakrise) führen.
Die journalistische Kultur
Der Blick auf das in Transformation befindliche Ganze motiviert nicht nur zum gezielten “Suchen nach einer globalen Regierungsstruktur” (S. 161).
Er zeigt auch, wie wichtig es ist, dass die journalistische Kultur eine globalisierte Form des vernetzten Denkens in ihr Selbstverständnis integriert.
Über nationale Verengungen hinaus
Mehr noch: In demokratischen Staaten (und nicht nur in diesen) darf es heute als eine zentrale Aufgabe der nationalsprachlich verfassten Medienwelten gelten, über die nationale Verengung der Politik im eigenen Land hinaus zu denken.
Der Artikel von Kurbjuweit, Steingart und Theile tut das auf überzeugende Weise.
Die politischen Strukturen fehlen
So stellen sie heraus: “Das erste Jahrzehnt hat gezeigt, dass die Welt zusammenwächst, dass die Abhängigkeiten zunehmen, aber dass die politischen Strukturen dafür fehlen” (S. 161).
Das bedeutet konkret: “Es gibt keinen wirksamen Mechanismus, der den Frieden erhält. Es gibt keine gemeinsame Finanzaufsicht. Es gibt kein weltumspannendes Regierungsgremium, das sich permanent um Klimaschutz kümmert” (S. 161).
Hoffnung auf das Netz
Für die drei SPIEGEL-AutorInnen erwächst Hoffnung auf Behebung dieser weltpolitischen Defizite aus einer “technologischen Entwicklung” (S. 154). Gemeint ist das Internet.
Dieses könne - so die AutorInnen weiter - ”eine Weltöffentlichkeit herstellen” und damit ein Fundament liefern “für die politischen Entscheidungen in einer Welt, die globales Regieren braucht” (S. 161).
Rollenverteilung strittig
Tatsächlich ist es kulturpolitisch von zentraler Wichtigkeit, den Zusammenhang zu sehen, der zwischen den großen Transformstionsbewegungen (Sicherheitskrise, Wirtschaftskrise, Klimakrise, Demokratiekrise) und der medientechnologischen Digitalisierung besteht.
Allerdings lässt sich über die Verteilung der Rollen diskutieren.
Das Internet als Mitverursacher der Krisen
Es gibt durchaus ernstzunehmende Argumente dafür, dass die grossen Krisen unserer Zeit in einem gewissen Maße zugleich auch Reaktionen auf die digitale Vernetzung sind.
Dann wäre das Internet nicht nur ein Teil der Lösung, sondern auch ein Teil des Problems. Vielleicht sogar ein Mitverursacher der Krisen.
Unser Gebrauch des Netzes
Genauer formuliert: eine bestimmte Art und Weise das Netz zu nutzen bzw. das Netz nicht zu nutzen hat mit zu einem Teil der Probleme geführt, vor denen wir heute stehen.
Mithilfe der digitalen Computerverbünde wurden zwar die globalen Märkte und Finanzströme eng verzahnt, aber nicht die globale Politik und der weltweite Journalismus.
Aus dieser Perspektive haben PolitikerInnen und JournalistInnen bis heute einen eklatanten Nachholbedarf in Sachen Globalisierung.
Kulturpolitischer Dornröschen-Schlaf
Vielleicht ist “das verlorene Jahrzehnt” vor allem deshalb verloren, weil weder die Politik noch der Journalismus aus der nationalsprachlich verfassten Buchdruckkultur schnell genug aufgewacht sind.
Anders als die BankerInnen und die globalen WirtschaftsführerInnen haben die PolitikerInnen und JournalistenInnen in vielen Ländern allzu lange versucht, die transnationale Mediendynamik durch die Verengung auf’s Nationale zu unterwandern.
Ein Hauch von Passivität
Ein Hauch dieser passiven Strategie findet sich selbst noch in dem sonst vorbildichen Artikel von Kurbjuweit, Steingart und Theile.
So werden die ”vier schweren Krisen” (S. 154) von ihnen nicht als Prozesse beschrieben, die in sich selbst utopische Veränderungspotentiale bzw. kulturpolitische Gestaltungsoptionen bergen.
Aus Sicht der Autoren ist es statt dessen in erster Linie die externe “technologische Entwicklung, die Hoffnung macht” (S. 154).
Das globale Gemeinwesen
Wieso das? Oder mit den Worten von Kurbjuweit, Steingart und Theile selbst gefragt: “Kann ein interaktives Medium ein Gemeinwesen beleben?” (S. 160)
Sicherlich nicht von allein. Es sind die Menschen, die mit Hilfe des technischen Mediums das Gemeinwesen einer globalisierten Demokratie gestalten.
Determinismus
So stellen sich die Dinge jedenfalls aus der Sicht eines aktiven Denkens und Handelns dar, das von den neuen Instrumenten einen verantwortungsvollen und selbstbewussten Gebrauch macht.
Demgegenüber gibt es bei den SPIEGEL-AutorInnen einen gewissen Rest deterministischen Denkens.
Die Rückkehr der Geschichte
Streckenweise projizieren sie ihre Hoffnungen allzu sehr auf die technische Eigendynamik des Internet oder eine fast schon religiös anmutende ”Rückkehr der Geschichte” (S. 161)
Doch diese ist genauso offen wie die Art und Weise, wie wir von den neuen technologischen Entwicklungen Gebrauch machen.
Menschen machen Geschichte
Menschen machen Geschichte und nutzen Medien zu diesen oder jenen Zwecken.
Es ist nicht “die Geschichte”, die handelt. Und es ist nicht “das Ínternet”, das die dringend benötigte globale Demokratie aus sich heraus hervorbringt.
Demokratische Staatengemeinschaften
Die Rettung der Demokratie durch Globalisierung der Politik wäre vor allem und in erster Linie eine Aufgabe der demokratischen Staatengemeinschaften. Zum Glück ist das auch den AutorInnen klar:
“Die ersten Länder, die den Klimaschutz ernst genommen haben, waren die Mitgliedstaaten der Europäischen Union, auch sie zu spät, aber immerhin: Sie sind Vorreiter geworden. Das heißt, dass ein wesentlicher Teil der westlichen Welt die Kraft zur Einsicht und zur Korrektur hat” (S. 161).
Vorreiter demokratischer Weltpolitik
Welche nationalen Parlamente werden Vorreiter dabei sein, sich selbst schrittweise ein wenig zurückzunehmen?
Welche Staaten werden dereinst als erste bereit sein, ihren Einfluß zugunsten eines demokratisch zu wählenden Weltparlaments ein Stück weit einzuschränken?
Was wir haben und was wir brauchen
Wir haben eine globalisierte Wirtschaft. Wir haben globalisierte Finanzströme. Wir haben eine globale Schuldenkrise der Nationalstaaten. Wir haben eine planetarische Klimakrise. Wir haben weltweiten Terrorismus und weltweite Migration.
Was wir brauchen ist ein verantwortungsbewusstes Weltbürgertum und eine globalisierte demokratische Politik.
Sich neu erfinden
Es tut gut, wenn JournalistInnen vor Augen führen, wie man global, langfristig und verantwortungsvoll denkt.
Es wäre noch schöner, wenn BürgerInnen und PolitikerInnen das zum Anlass nähmen, sich selbst in einem planetarischen Rahmen neu zu erfinden.
So könnte die Menschheit im kommenden Jahrzehnt vielleicht lernen, den globalen Problemen gemäß auf veränderte Weise demokratisch intelligent zu handeln.
Mike Sandbothe
Der Artikel von Dirk Kurbjuweit, Gabor Steingart und Merlind Theile ist unter dem Titel “Zeit der Exzesse” auf SPIEGEL-Online als digitaler Volltext zugänglich.
October 28th, 2009
Das Zitat von Hans-Ludwig Kröber (58), mit dem der ZEIT-Wissenschaftsredakteur Ulrich Schnabel (47) sein Interview überschreibt, lässt sich als eine mögliche Antwort auf die Leitfrage des gesamten Heftes lesen. Auf dem ZEIT-Cover Nr. 44 ist diese in fetten roten Lettern wie folgt formuliert: “Woher kommt das Böse?”
Immer noch “böse”
“Das Böse lebt in der Tat” klingt wie eine gut geerdete, recht pragmatische Antwort auf eine spekulative Frage. Kröber philosophiert nicht über das Wesen des Menschen, sondern sagt statt dessen etwas über sein Handeln.
“Man muss kein böser Mensch sein, um böse Taten zu begehen.” Das klingt unprätentiös. Und doch ist in diesem Satz noch immer vom Bösen die Rede.
Alternative Wortwahl
In der christlichen Welt ist der Begriff des Bösen von Religion und Metaphysik geprägt. Aufgrund der damit verbundenen Assoziationen ist es nicht einfach, ihn aus dem alten Denken gemäß Wesensbestimmungen in ein neues Denken gemäß Handlungskategorien zu übertragen.
Aber Kröber macht einen guten Übersetzungsvorschlag, wenn er schreibt: “Für den, der Böses erlebt – also Demütigung, Qual und Zerstörung -, für den ist dieses Erleben unauslöschbar.”
Nicht konsequent
Zwar mag die These von der Unauslöschbarkeit den meisten LeserInnen nicht unmittelbar einleuchten. Aber der pragmatische Vorschlag, die Rede vom Bösen durch die konkreten Bestimmungen “Demütigung, Qual und Zerstörung” zu ersetzen, wird vermutlich als hilfreich und klärend empfunden.
Körber setzt diesen Vorschlag jedoch nicht wirklich um. Wäre er konsequent, würde er in seinen Kernaussagen die alternative Wortwahl realisieren.
Unauslöschbar
Statt: “Das Böse lebt in der Tat” hieße es dann: “Demütigung, Qual und Zerstörung leben in der Tat”. Und der Satz “Man muss kein böser Mensch sein, um böse Taten zu begehen” würde ersetzt durch die alternative Formulierung “Man muss kein gewalttätiger Mensch sein, um zu demütigen, zu quälen und zu zerstören.”
Kröbers Grund dafür, dass er weiterhin vom Bösen spricht, hat vermutlich damit zu tun, dass er es für unverzichtbar hält, die Erfahrung von Demütigung und Grausamkeit als “unauschlöschbar” und “nicht relativierbar” zu klassifizieren.
Unmittelbares Erleben
Der Gerichtspsychiater definiert “das Böse als eine Wahrnehmungskategorie, eine Form des unmittelbaren Erlebens”. Und er fährt fort: “So wie wir etwas als schön oder eklig empfinden, so erleben wir auch ein bestimmtes Handeln – ob wir es wollen oder nicht – als böse.”
Demütigung, Qual und Zerstörung sind demgegenüber Worte, deren Anwendung stärker auf intersubjektive Deutungsverhältnisse verweist.
In Graden
Was als demütigend und als grausam empfunden wird, unterliegt kultureller und historischer Variabilität. Grausames und demütigendes Verhalten kommt in Graden.
Aus diesem Grund können die damit verbundenen Erfahrungen sowohl auf der Seite des Täters als auch auf Seiten des Opfers zumindest partiell therapierbar, löschbar, heilbar sein.
Eine Art innerer Arztkittel
Das aber ist eine Vorstellung, die dem Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie an der Berliner Charité nicht gefällt; was vermutlich wiederum ganz praktische Gründe hat.
Sein Beruf zwingt ihn dazu, sich immer wieder mit den Details und den Folgen von hochgradig demütigenden und extrem grausamen Handlungen auseinander zu setzen. Den Begriff des Bösen verwendet er dabei wie “eine Art inneren Arztkittel”.
Unterschiedliche Beispielsphären
Psychische und physische Gewaltausübung gegenüber Frauen, Schwarzen und Kindern war lange Zeit ein Teil der christlichen Kultur. Erst unter demokratischen Lebensbedingungen hat sich dies im Zeitalter der Aufklärung in den letzten beiden Jahrhunderten zu ändern begonnen.
Doch diese historischen Einstellungsveränderungen in der kulturellen Wahrnehmung von Gewalt laufen quer zu den Einzelfällen, mit denen der Gerichtspsychiater zu tun hat. Seine Beispielsphäre hat eine andere, eine radikalere Natur.
Nicht leicht, sitzen zu bleiben
Die folgenden Sätze geben Einblick in die berufliche Praxis der forensischen Begutachtung:
“Es gibt doch Einzelne, die so viel Hass und Vernichtungswillen aufgebaut haben, dass sie sich immer wieder Situationen suchen, in denen sie dies ausleben können. Selbst im späteren Erzählen töten sie ihr Opfer noch einmal genüsslich. Da ist es manchmal nicht leicht, sitzen zu bleiben und brav mitzuschreiben.”
Professionsspezifische Grenzen
Die problematische Seite des Gesprächs, das Ulrich Schnabel mit Hans-Ludwig Körber geführt hat, besteht in der Tendenz zur Verallgemeinerung.
Da Kröbers Verwendung des Wortes “böse” sich aus seiner individuellen Erfahrung mit Extremsituationen ergibt, stößt sein öffentlicher Beitrag zur Säkularisierung unseres moralischen Vokabulars an private und professionsspezifische Grenzen.
An manchen Stellen im ersten Teil seines Interviews gelingt es Schnabel das auch deutlich werden zu lassen. Im zweiten Teil jedoch überwiegen generalisierende Fragestrategien.
Kulturpolitische Risiken
Aus meiner Sicht macht das ZEIT-Gespräch einen Schritt in die richtige Richtung. Doch das Festhalten am Begriff des Bösen birgt kulturpolitische Risiken.
Zwar erscheint “das Böse” nicht länger als objektiver Tatbestand oder gar als personifizierte Instanz. Statt dessen aber wird die Fähigkeit, gewalttätige Handllungen als böse wahrzunehmen, der biologischen Verfassung der menschlichen Art zugeschrieben.
Minimalbedingungen
In diesem Sinn schreibt Kröber: “Sofern wir bestimmte Minimalbedingungen des Aufwachsens erleben, funktionieren wir in der Regel leidlich gut und tun uns gegenseitig kein Leid an.” Und weiter: “Am Reißbrett hätte man unsere Spezies kaum besser entwerfen können.”
Für mein Gefühl sind die kulturellen Rahmenbedingungen, die zu erfüllen sind, um Demütigung und Grausamkeit in menschlichen Gesellschaften zu verringern und Solidarität zu stärken, alles andere als minimal.
Kulturelle Plastizität
Es bedarf vielmehr demokratischer Institutionen und vielfältiger edukativer Aktivitäten im Bereich von Kultur, Medien und Politik, um die große Plastizität, die den Menschen evolutionär auszeichnet, in eine gewaltfreie Richtung zu orientieren.
Damit will ich nicht sagen, dass das Menschentier von Natur aus grausam ist. Vielmehr lassen sich auch gewalttätige Gesellschaften (und Menschen) als Ergebnis kultureller Formung beschreiben. Antidemokratische Institutionen, schwarze Pädagogiken und autoritäre Sozialisationsmethoden haben sich dabei als besonders wirksame Formungsinstrumente erwiesen.
Mike Sandbothe
Das Gespräch, das Ulrich Schnabel mit Hans-Ludwig Kröber geführt hat, ist als Volltext unter dem Titel “Das Böse lebt in der Tat” auf ZEIT-Online zugänglich.
September 13th, 2009
Auf der Titelseite des SPIEGEL Nr. 36 ist der langjährige Spiegeljournalist Jürgen Leinemann (72) abgebildet. Er hat Krebs und darüber ein Buch geschrieben. Der SPIEGEL druckt dreizehn Seiten aus dem am 17. September erscheinenden Werk als Titelgeschichte unter der Überschrift: “‘Gestern wollte ich wieder sterben.’ Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann über sein Leben mit Krebs” (SPIEGEL, Nr. 36, 31. August 2009, Titelseite).
Unbarmherzig bis in den Tod?
Eine Woche später, am 7. September, erscheinen die Leserbriefe im SPIEGEL Nr. 37. Das Spektrum der Kommentare reicht von “gesundheitspolitisch bedeutsam” (Nr. 37, S. 8 ) und “nach dem Lesen habe ich geweint” über “Wut” und “Feudalismus” bis zu “Herr Leinemann hat Privilegien, von denen die meisten nur träumen” und “eitel bis in den Tod”.
Tatsächlich bleibt der Autor auch in seiner vermutlich größten Daseinskrise dem Medium seines Lebens treu: “Jürgen Leinemann, jahrzehntelang SPIEGEL-Reporter, blickte mit Schärfe auf die Politiker des Landes – nun blickt er mit derselben Unbarmherzigkeit auf seine Krankheit.” (Nr. 36, S. 32).
Wie privat darf DER SPIEGEL werden?
Man darf vermuten, dass der SPIEGEL seinem hochverdienten Autor auf diesem Weg etwas zurück zu geben versucht. Öffentliches Schreiben als persönliche Krebstherapie. Fraglos eine sehr pragmatische Form des Journalismus. Unmittelbar wirkungsorientiert. Jedenfalls im Privaten. Und da liegt das Problem, auf das die meisten Leserbriefe reagieren. Wie privat darf der SPIEGEL (in seiner Titelgeschichte) werden?
Nun. Das Anliegen – so legt der ausführliche Untertitel nahe – ist ja nicht nur ein privates. Es geht nicht nur um Leinemann: “Was passiert, wenn der Krebs einen Menschen aus dem gewohnten Leben reißt? Fast eine halbe Million Deutsche erleben es jedes Jahr ” (S. 32).
Warum in der ersten Person?
Aber natürlich hat auch Hartmut Neumann aus Aachen einen wichtigen Punkt. Er fragt sich nämlich in seinem Leserbrief: “Warum schreiben Literaten und Journalisten so etwas in der ersten Person? Das Elend in der dritten Person (…) wäre für den Leser viel persönlicher.” (Nr. 37, S. 8).
Vermutlich liegt in diesem Übergang von der journalistisch kalten zur literarisch warmen Form die therapeutische Qualität des Artikels. Für den Autor jedenfalls. Kulturtherapie wäre auch in der dritten Person möglich. Selbsttherapie bedarf der ersten.
Arbeitsbesessenheit
Jetzt zum Text. Leinemann schreibt: “Es war Zeit, einen prüfenden Blick auf mein ganzes Leben zu werfen. Tatsächlich war ich erschrocken über die Liste schwerer Krankheiten und über die Leichtfertigkeit, mit der ich alle Warnsignale missachtet hatte, die mich zu Veränderungen meines Lebensstils, insbesondere meiner Arbeitsbesessenheit, hätten veranlassen sollen” (Nr. 36, S. 34).
Schreiben als Symptom? Journalismus und Besessenheit? Öffentliche Unbarmherzigkeit als Kompensation privater Selbstzweifel? Wie hängen Kultur, Journalismus, Krankheit und Therapie zusammen?
Flucht aus dem Leben
Dazu Leinemann in der dritten Person: “Normalerweise ist der Tod kein Thema in unserer Spaßgesellschaft” (S. 36).
Und weiter in der ersten: “Von meiner Kindheit an, über die Pubertät und Studentenzeit bis zu meiner Alkoholkrise in der Lebensmitte, war mir in depressiven Phasen oder in Druck- und Krisensituationen der Gedanke an eine Flucht aus dem Leben durch Selbstmord immer geläufig, allzu geläufig, wie ich heute finde” (S. 37).
Buchstabenmenschen
“Du bist ein homme de lettres” (S. 40) hatte der SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein einmal zu Leinemann gesagt. Was als Segen gemeint war, kann rückwirkend wie ein Fluch wirken.
Buchstabenmenschen sind “Leute, die durch Wörter zu dem wurden, was sie sind” (S. 40). Leinemann ist einer von ihnen. Er ist ein Mensch, der vom Medium der Sprache abhängig ist, dessen Droge das Reden und Schreiben ist.
Sprachlos
“Als ich erwachte war ich sprachlos. Ich war entsetzt, überwältigt. Hätte ich noch reden können, wären mir die Worte versiegt. Ich fühlte mich, als hätte man versucht, mich umzubringen” (S. 40).
Es war ein “Eingriff ohne Vorankündigung” (S. 40). Durchgeführt im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus in Berlin. Ein “Entlastungsschnitt”, weil die Luft- und Speiseröhre nach der Operation von Leinemanns Zungengrundkarzinom so angeschwollen war, dass es zu körperlicher Schwäche und geistiger Desorientierung kam.
Der Körper lügt nicht
Alice Miller hat vor ein paar Jahren ein Buch mit dem Titel “The Body Never Lies” (2005) geschrieben. Dieser Titel kam mir in den Sinn als ich den dramatischen Höhepunkt von Leinemanns Leidensgeschichte las.
Mit Tränen in den Augen. Denn schließlich bin ich selbst dreißig Jahre lang ein homme de lettres gewesen.
Eine hallende, weite Leere
“Wer wäre ich denn, wenn ich nicht mehr reden könnte?” (S. 41) “In diesen sprachlosen Nächten im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus wurde mir bewusst, dass der Rest meines Lebens grundlegend anders ablaufen würde als die ersten 70 Jahre” (S. 41).
“Eine hallende, weite Leere breitete sich in mir aus” (S. 40).)
Jenseits der Sprache
Diese Leere habe auch ich in meinem Leben kennen gelernt. Mittlerweile empfinde ich sie als durchaus positiv. Ich spüre darin den freien Raum, der sich eröffnet, sobald ein wohl konditioniertes Sprachtier entdeckt, dass es sich auch in anderen Medien als der Sprache selbst erschaffen kann.
Leinemanns Quintessenz aus der von ihm erlebten “Angst vor einem Leben ohne Sprache” (S. 41) liest sich so: “Das hat nicht nur mein Schreiben verändert, sondern auch meinen Blick auf die Politik und meine Profession. Ich habe mir so etwas wie ein inneres Geländer gezimmert” (S. 41).
Die Haltung des Journalisten
Das sieht so aus: “In seiner Haltung hat die Freiheit des Journalisten ihren Rückhalt. Für mich sind zwei Sätze als Leitlinien bestimmend geworden. Der erste heißt: Wirklichkeit ist alles, wo man durchmuss. Der zweite ist eine Gedichtzeile von Peter Rühmkorf: ‘Bleib erschütterbar und widersteh’” (S. 41).
Gibt es für den Autor Leinemann ein Jenseits seiner Autorschaft? Hat Leinemann sich selbst und die Welt unabhängig von der Macht der Sprache fühlen und lieben gelernt?
Sylt lieben
Auch meine erste Liebe habe ich auf Sylt entdeckt. Für das Meer und für ein Mädchen namens Corinna. Das war 1973. Bei Leinemann hieß sie Helga, war Chilenin und es geschah 1956.
Auf Sylt spielt auch die Schluss-Szene von Leinemanns Artikel, die ich unkommentiert zum Abschluss zitieren möchte.
Ich freute mich, dass ich lebte
“Das Wunderbarste waren die täglichen kurzen Spaziergänge am Meer. Am letzten Tag hing ein dünner Wolkenschleier über dem trägen Wasser, am Horizont im Südwesten leuchtete ein schmaler heller Streifen. Ich spürte, wie ich sentimental wurde, die Abschiedsstimmung und der flirrende Glanz des Meeres bewegten mich. Doch die Mühsal des Gehens im feuchten Sand ließ kitschige Weihegefühle nicht wirklich aufkommen. Schwer atmend blieb ich stehen und sah in die Ferne. Und ganz unvermittelt durchflutete mich eine warme Welle der Dankbarkeit – ich freute mich, dass ich lebte” (S. 44).
MIKE SANDBOTHE
Die Titelstory von Jürgen Leinemann ist unter dem Titel “Der Tod, mein Lebensbegleiter” auf SPIEGEL-Online als Volltext zugänglich.
August 13th, 2009
Ein gut informiertes und beweglich denkendes Autorenteam hat im SPIEGEL Nr. 33 einen intelligenten Coverbeitrag zum Thema “Netz ohne Gesetz. Warum das Internet neue Regeln braucht” (SPIEGEL-Titelseite) geschrieben.
Thomas Darnstädt (60), Frank Hornig (40), Martin U. Möller, Marcel Rosenbach (37) und Hilmar Schmundt (43) integrieren zentrale Elemente der aktuellen Internetdebatte und stellen sie in einen weltpolitischen Horizont: “Nur einer transnationalen Instanz kann es gelingen, Ordnung zu schaffen. Das Ziel: die globale Netzdemokratie” (S. 68).
Von nationalstaatlichen zu transnationalen Akteuren
Grundlegender Wandel in den medialen Strukturen einer Gesellschaft führt über kurz oder lang – das zeigt die Geschichte – auch zu grundlegenden Veränderungen in den politischen Systemen. Die Geschichte der modernen Demokratien war bisher eng verzahnt mit der Mediengeschichte des Buchdrucks und der Entwicklung der Nationalstaaten.
Die politisch zentrale Frage angesichts globaler Probleme wie der aktuellen Weltwirtschaftskrise und der langfristig wirkenden Klima- und Energiekrise lautet daher: Wie läßt sich das globale Medium Internet nutzen, um produktiv zur Entwicklung einer transnational organisierten Form von Demokratie beizutragen?
Ominöse Allianz
Ein besonderes Verdienst des Artikels von Darnstädt et.al. liegt darin, deutlich vor Augen zu führen, wie das Festhalten an den althergebrachten politischen Regelungsformen nationalstaatlicher Demokratien in der aktuellen Transformationssituation Gefahr läuft, das Gegenteil dessen zu erreichen, was intendiert ist.
In Deutschland – so die Autoren – “doktert eine ominöse Allianz aus Bundeskriminalamt und privaten Anbietern in einer Grauzone herum” (S. 73). Mit Blick auf den Vertrag zur Filterung von Kinderpornographie, den Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen in diesem Jahr auf den Weg gebracht hat, heißt es im SPIEGEL weiter:
“Erstmals in der Geschichte des Grundgesetzes würde gesetzlich eine Art Zensurbehörde eingerichtet” (S. 72).
Verfassungspolitische Konflikte ersten Ranges
Ein weiteres Beispiel des Autorenteams ist das Gesetz zur Neuregelung der Telekommunikationsüberwachung und anderer verdeckter Ermittlungsmaßnahmen. Es ist vor zwei Jahren von Innenminister Schäuble gegen großen öffentlichen Widerstand durch den Bundestag gebracht worden.
Mit diesem Gesetz verbunden sind sowohl die Pflicht von Internet- und Telefonprovidern zur “sogenannten Vorratsdatenspeicherung” (S. 71) als auch die Eröffnung von neuen Handlungsspielräumen, die das Bundeskriminalamt zur “heimlichen Online-Untersuchung” (S. 71) von privaten Computern erhalten hat.
Sowohl hinter von Leyens Vertrag als auch hinter Schäubles Gesetz verbergen sich – so die Autoren im Rekurs auf den Rechtssoziologen Gunther Teubner – “verfassungspolitische Konflikte ersten Ranges” (S. 71).
Zwietracht und Rechtsstreit
Weil nationalstaatliche Alleingänge zur gesetzlichen Kontrolle des globalen Mediums Internet schon von der Sache her eine Überforderung national organisierter Kontrollinstrumente darstellen, kommt es zu einer strukturellen Neigung der Akteure, die Macht des Staates über seine grundgesetzlich verankerten Grenzen hinaus zu erweitern. Das ist gefährlich für die Demokratie.
Zusätzlich verbinden sich mit diesem Vorgehen Phänomene der Desintegration des politischen Handlungssystems: “Zwietracht und Rechtsstreit: Das ist meist alles, was dabei herauskommt, wenn die Politik versucht, in die Netzwelt einzugreifen” (72). Das gilt jedenfalls für die nationalstaatlich organisierte Politik.
Eine Denkblockade durchbrechen
Wie aber könnte eine transnational organisierte Regelung der Internetkommunikation aussehen? Das ist die Gretchenfrage, der sich das SPIEGEL-Team im Schlussteil seines Artikels widmet.
Um die Frage überhaupt sinnvoll stellen und dann auch eine Antwort finden zu können, muss zunächst “eine Denkblockade durchbrochen werden: Recht und Ordnung ohne Staat scheinen bislang nicht vorstellbar” (S. 78). Dabei hilft den SPIEGEL-Autoren die New Yorker Soziologin Saskia Sassen.
Das Vakuum der transnationalen Politik
Sie sieht “den transnationalen Cyberspace als eines von mehreren Symptomen für die Entstehung einer neuen politischen Ordnung” (S. 80).
Das Vakuum transnationaler Politik wird derzeit nicht nur von globalen Wirtschafts- und Finanzunternehmen ausgefüllt, sondern auch von stärker demokratisch strukturierten Organisationen wie den NGOs (Greenpeace, Amnesty International u.a.), weltweit agierenden Instituten nach dem Muster der Weltgesundheitsorganisation oder völkerrechtlich ausgerichteten Instanzen wie dem Internationalen Strafgerichtshof.
Digitale Weltöffentlichkeit
Das Internet erscheint der Soziologin vor diesem Hintergrund als Medium einer “digitalen Weltöffentlichkeit” (S. 80). Es könne zuammen mit den erwähnten transnationalen Demokratie-Organisationen bei der Kontrolle “jener globalen Player” eine wichtige Rolle spielen, “die von den nationalen Demokratien nicht mehr zu beherrschen sind” (S. 80).
Daraus folgern die SPIEGEL-Autoren dann weiter: “Statt nationaler Räuber-und-Gendarm-Aktionen im Weltraum der Kommunikation braucht es ein postnationales Netzregime” (S. 80). Als weiteren Beleg zitieren sie die EU-Kommisarin Viviane Reding, die “erst kürzlich eine pluralistisch organisierte Weltaufsichtsbehörde über die gute Ordnung im Netz” (S. 81) gefordert hat.
ICANN als Welt-Netzgericht
Aber wie könnte eine “Lex digitalis” (S. 81), eine “Netzweltordnung” (S. 81) konkret aussehen? Zur Beantwortung dieser Frage stützen sich Darnstädt et. al. auf “die normative Kraft tatsächlicher Entwicklungen” (S. 81). Damit ist in diesem Fall die transnationale Regelungspraxis der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) gemeint.
Diese Behörde, die über die Vergabe von Internetadressen (Domains) entscheidet, wird von den SPIEGEL-Autoren als “eine Art Welt-Netzgericht” (S. 81) gesehen. Als Beispiel zitieren sie eine Entscheidung des Schiedsgremiums der ICANN, die sich auf die Praxis des Kaperns von Domain-Namen bezieht.
Recht ohne Staat
Darin machen die ICANN-Juristen ohne staatliche Autoritätsanrufung einen Vorschlag zur Grundlegung einer transnationalen Internetrechtsprechung: “Das Internet ist vor allem das Gerüst der globalen Kommunikation, und die Freiheit des Wortes sollte eine der Grundlagen des Internetrechts sein” (S. 81).
Etwas voreilig jedoch zieht das SPIEGEL-Team daraus den folgenden Schluss: “Recht ohne Staat: Möglicherweise ist das allmächtige Netz die erste globale Entscheidungsstruktur, die tatsächlich den internationalen Zirkus der von den Staaten angetriebenen Konsenssuche ersetzen kann” (S. 81).
Das glaube ich nicht.
Global Governance
Meines Erachtens könnte die von Saskia Sassen beschworene “kritische Öffentlichkeit der Netzbürger” (S. 80) eine wichtige Grundlage für die Entstehung eines demokratischen Staatenbündnisses werden. Dieses würde dann womöglich handlungsfähige transnationale Institutionen schaffen, in deren Rahmen so etwas wie “global governance” in denjenigen Feldern praktiziert würde , in denen es drängende Probleme gibt, die nur global zu lösen sind.
Die von den SPIEGEL-Autoren in den Blick genommene Weltmedienordnung des Internet wäre dann Teil bzw. Nebeneffekt von politischen Aktivitäten, in denen es u.a. um die globale Regulierung der Finanzmärkte und die Lösung der weltumspannenden Klima- und Ressourcenprobleme geht.
Eine weitere Denkblockade
Um diesen Schritt zu gehen, bedarf es der Auflösung einer weiteren Denkblockade. Sie wird von den SPIEGEL-Autoren leider nicht thematisiert und besteht in dem Utopie- oder Totalitarismusverdacht, der sich mit dem Gedanken eines pragmatisch funktionierenden Weltparlaments verbindet. Dieses könnte von der Weltbevölkerung gewählt und von VertreterInnen aller demokratischen Staaten werden.
Gelingt es den DemokratInnen weltweit, diese “weltbürgerliche” Denkblockade schrittweise aufzuheben, dann besteht kein Anlaß mehr, die Idee der “weltweit gleichberechtigen und diskriminierungsfreien Teilhabe” (S. 81), für die im SPIEGEL-Artikel die Domainbehörde ICANN steht, auf den virtuellen Raum zu beschränken.
Demokratie neu erfinden
Das bedeutet: Nicht nur die Organisaton von “Internetgovernance” ist “eine dringende Aufgabe”, die “auf den Club der guten alten Staaten” (S. 81) wartet. Das gleiche gilt für die Etablierung von “global governance” in einem weiten Sinn des Wortes, der virtuelle und reale Räume gleichermassen umfasst.
Desto eher sich die demokratischen Staaten dieser Aufgabe stellen, um so größer ist die Chance, dass Demokratie in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts nicht noch mehr zu einer Feigenblattveranstaltung global agierender Wirtschaftsunternehmen wird. Statt dessen käme es darauf an, sie im globalen Maßstab auf überzeugende, authentische und wirksame Weise neu zu erfinden.
Mike Sandbothe
Der Artikel von Thomas Darnstädt, Martin U. Müller, Marcel Rosenbach und Hilmar Schmundt ist unter dem Titel “freiheit@unendlich.welt” auf SPIEGEL-Online als Volltext zugänglich.
August 10th, 2009
Die SPIEGEL-Redakteurin Kerstin Kullmann (30) plädiert “für mehr Gelassenheit in der Erziehung”(SPIEGEL-Titelseite).
Wie wenige Tage zuvor schon ihre ZEIT-Kollegin Tanja Stelzer (38) – vgl. den entsprechenden Mediary-Kommentar vom 4. August 2009 – diagnostiziert auch Kullmann in ihrer 10-seitigen SPIEGEL-Titelstory eine zunehmende Hilflosigkeit der aktuellen Elterngeneration.
Expertenwissen statt Eigenerfahrung
“Die neuen Eltern hören nicht mehr auf ihr Bauchgefühl. Sie misstrauen ihrem Instinkt. Mit Hilfe von Ratgebern und Ärzten überprüfen sie stattdessen, ob sie fachgerecht handeln” (S. 42).
Ähnlich wie Stelzer für die ZEIT befragte auch Kullmann für den SPIEGEL Ärzte, Historiker, Pädagogen und Therapeuten. Anders als diese jedoch recherchierte sie darüber hinaus “in Krabbelgruppen und Geburtsvorbereitungskursen, auf Spielplätzen und in Kinderkliniken” (SPIEGEL-Hausmitteilung, S. 3)
Sie praktizieren, was sie beklagen
Beide Autorinnen beklagen den Sachverhalt, dass in unserer Gesellschaft das Expertenwissen zunehmend an die Stelle der eigenen Erfahrung, die Autorität des fremden Kopfes zunehmend an die Stelle des eigenen Gefühls getreten sei.
Mein Eindruck bei der vergleichenden Lektüre der beiden Artikel: Die zwei journalistischen Profis praktizieren über weite Strecken genau das, was sie beklagen.
Die neuen Journalistinnen hören nicht mehr auf ihr Bauchgefühl
Oder in freier Anlehung an Kullmann (und daher begrifflich etwas überpointiert) formuliert:
Die neuen Journalistinnen hören nicht mehr auf ihr Bauchgefühl. Sie misstrauen ihrem Instinkt. Mit Hilfe von Expertengesprächen und Spielplatzrecherchen überprüfen sie stattdessen, ob sie fachgerecht publizieren.
Muttererfahrungen
Während Stelzer in der ZEIT immerhin an zwei Stellen ihres Artikels auf ihre eigenen Lebenserfahrungen als Mutter Bezug nimmt, findet sich in dem SPIEGEL-Beitrag von Kullmann keinerlei Referenz auf ihre persönlichen Erfahrungen.
Den einzigen Bezug auf die Mutterschaft der Autorin stellt die SPIEGEL-”Hausmitteilung” her. Diese ist als vertiefender Wegweiser dem Inhaltsverzeichnis des SPIEGEL vorangestellt, hat also einen sehr prominenten Platz im Blatt.
Das Geschrei hört irgendwann von allein auf
Dort wird berichtet, dass “Kullmann, Mutter eines Zweijährigen (…) für manche überforderte Eltern (…) sogar selbst zur Beraterin wurde.”
Dazu wird Kullmann im O-Ton zitiert: “Als mich eine Mutter fragte, ob Fencheltee ihren brüllenden Säugling wirklich beruhige, konnte ich nur sagen: ‘Das Geschrei hört irgendwann von allein auf.’ Das stand in keinem Buch, aber sie war damit hochzufrieden” (S. 3).
Schwarze Pädagogik
Tatsächlich steht so etwas heute in keinem guten Buch mehr.
Aber in Zeiten der schwarzen Pädagogik gehörte es durchaus zum Repertoire der Ratgeberliteratur, dass Kinder sich ausschreien müssen und es daher wichtig ist, dass die Mutter möglichst früh eine emotionale und räumliche Distanz zu ihrem Baby aufbaut.
Was Kullmann als ihr Bauchgefühl empfindet, ist vermutlich das Produkt eines Ratgeberwissens, das durch praktische Umsetzung über Generationen hinweg zur Erfahrung geronnen ist und heute mit gutem Recht als veraltet gilt.
Gedanken machen Bauchschmerzen
Damit bin ich bei einem begrifflichen Grundproblem von Kullmanns Artikel. Ihr Vokabular ist von der polaren Gegenüberstellung zwischen Bauch und Kopf, Gefühl und Gedanke, Erfahrung und Wissen geprägt. Dieser abstrakte Gegensatz ist alles andere als erfahrungsgesättigt.
Wenn wir einmal in uns selbst hineinspüren, stellen wir fest, dass Kopf und Bauch im Regelfall eng miteinander verbunden sind. Bestimmte Gedanken machen mir Bauchschmerzen. Und wenn ich hungrig bin, habe ich andere Gedanken als wenn ich satt bin, wenn mir übel ist, andere als wenn ich mich wohl fühle.
Das Nullgefühl
Das gleiche gilt für das Verhältnis von Gefühl und Gedanke. Kein Gedanke, der nicht auch mit einem Gefühl verbunden wäre.
Selbst die Bedeutung eines so abstrakten Gedankenzeichens wie “0″ oder “1″ löst emotionale Assoziationen in uns aus. Beim Zahlzeichen “0″ assoziere ich zum Beispiel das Gefühl von Mangel, von Leere, von Stillstand, aber auch von Neubeginn.
Freude als Freude und Wut als Wut
Und andersherum ist es so, dass die meisten Gefühle nicht gedankenlos sind.
Denn schon in dem Moment, in dem ich meine Freude als Freude oder meine Wut als Wut identifiziere, bringe ich diffuse Empfindungen auf einen Begriff.
Man könnte sogar sagen, dass ein in aller Tiefe als es selbst empfundenes Gefühl immer auch eine ganzheitliche Beteiligung meines Denkens im Fühlen voraussetzt.
Wissens- statt Erfahrungsgesellschaft
Ähnlich ist es um das Verhältnis von Erfahrung und Wissen bestellt. Erfahrung ohne Wissen ist blind, Wissen ohne Erfahrung leer.
Andreas Rödder, Professor für Neuere Geschichte an der Uni Mainz, hat Kullmann in einem Expertengespräch wissen lassen: “Die Eltern geben nichts mehr auf ihre eigenen Erfahrungen. Gar nichts. Auch ohne Kind – aber besonders mit. Der Wert unserer Erfahrungen sinkt. Wir sind eine Wissens- und keine Erfahrungsgesellschaft mehr” (S. 42).
Probleme mit dem Vokabular
Auch der Geschichtswissenschaftler hat offensichtlich seine Probleme mit dem Vokabular.
Einerseits formuliert er vorsichtig und in Graden: “Der Wert unserer Erfahrungen sinkt.” – Das ist verständlich. Denn wir befinden uns mitten in einem Prozess globaler Transformation, der Kultur, Medien, Politik und Wirtschaft umfasst.
Andererseits neigt auch Rödder zur begrifflichen Polarisierung: “Die Eltern geben nichts mehr auf ihre eigenen Erfahrungen. Gar nichts.” – Das ist fraglos überspitzt. Ein Mensch, der nichts mehr auf seine eigenen Erfahrunge geben würde, wäre vermutlich nicht lebensfähig. Und Wissen, das nicht auf Erfahrungen beruht, ist kein Wissen.
Die Mischung macht’s
Gerade in Phasen historischer Transformation ist es sinnvoll und hilfreich, das Verhältnis von Bauch und Kopf, Gefühl und Gedanke, Erfahrung und Wissen nicht immer nur in der strengen Logik des “Entweder-Oder”, sondern auch einmal im entspannten Vokabular des “Sowohl-Als-Auch” zu formulieren.
Abstrakte Wesensfragen nach dem Muster “Ist das Erfahrung oder Wissen?” lassen sich so in liberalere Fragen nach Graden und Mischungsverhältnissen umformulieren: “Wieviel Erfahrung mischt sich mit wieviel Wissen?
Die Elternschaft meiner Eltern
Wenn ich auf mich selbst als werdenden Vater schaue, stelle ich fest, dass bei mir tatsächlich das Verhältnis von Erfahrung und Wissen ein anderes ist als noch bei meinen Eltern.
Natürlich haben auch meine Eltern schon Erziehungsratgeber gelesen. Aber es gab noch kein Fernsehen und kein Internet. Der Wissensanteil meines sich entwickelnden Vatergefühls ist fraglos höher als er es bei meinem Vater war als ich 1961 geboren wurde.
Kullmanns relatives Recht
In dieser Veränderung der Mischungsverhältnisse liegt das relative Recht von Kullmanns Artikel.
Aber muss diese graduelle Verschiebung tatsächlich dazu führen, dass Eltern – wie Kullmann unterstellt – “aufhören, ihren gesunden Menschenverstand zu benutzen?” (S. 42)
Bescheidwisserei unter Deutschlands Eltern
Schärfer formuliert: Ist es angesichts der aktuellen Transformationsdynamik angemessen, sich über zunehmende “Bescheidwisserei unter Deutschlands Eltern” (S. 42) zu beklagen?
Mehr noch: Ist es angemessen, sich über Lisa Mohr (23) lustig zu machen, die “einen Zahnpflege-, einen Ernährungs- und einen Babykochkurs” (S. 42) besucht, obwohl – wie Kullmann bissig bemerkt – “ihre Tochter weder Zähne im Mund noch jemals Brei gegessen hat”?
Anti-Ratgeber als höchste Autorität
Worauf will die Autorin eigentlich hinaus? Interessanterweise zieht sie ihr Fazit mithilfe desselben “Anti-Ratgebers” (S. 47), der auch schon in Stelzers ZEIT-Artikel als höchste Autorität auftrat.
Remo Largo hat als Arzt und Professor 35 Jahre lang die Abteilung Wachstum und Entwicklung des Zürcher Kinderspitals geleitet. In der begrifflichen Welt von Kullmann steht er deshalb für den Pol der Erfahrung.
Man kann gar nichts machen
Largos Leitsätze lauten: “Nichts kann das Kind in seiner Entwicklung beschleunigen. Und nichts kann das Kind in seiner Entwicklung verbessern” (S. 47). In Kullmanns Reformulierung wird daraus: “Alles wird gut. Man muss gar nichts machen. Man kann gar nichts machen” (S. 47).
Das erscheint mir wie eine Überreaktion auf das von Kullmann zurecht kritisierte “Rattenrennen ums Superkind” (S. 47). Die beste Alternative zur Selbstüberforderung ist nicht notwendig die Resignation. Insgeheim weiß die Autorin und Mutter das auch selbst.
Emotionalität, Stabilität, bedingungslose Zuwendung
Denn obwohl der bereits zitierte Historiker Andreas Rödder meint: “Emotionalität, Stabilität, bedingungslose Zuwendung. Alles überhaupt nicht mehr zeitgemäß” (S. 42f). So gilt laut Kullmann doch: “Väter und Mütter müssen diese Werte verteidigen in einer Gesellschaft, in der sie schnell als gefühlsduselig und verbohrt gelten” (S. 43).
Ich hätte mich gefreut, wenn die Autorin von dieser Einsicht in ihrem Artikel mehr Gebrauch gemacht hätte.
Eine demokratische Balance
Sowohl Kerstin Kullmanns SPIEGEL-Titelstory als auch die ZEIT-Covergeschichte von Tanja Stelzer zeigen, wie schwer es ist eine demokratische Balance zu finden zwischen den professionellen Standards journalistischer Magazinarbeit und dem Erfahrungswissen eigener Elternschaft.
Zukünftige Autorinnen und Autoren können aus beiden Texten sicherlich vieles lernen. Im Guten wie im Schlechten.
Mike Sandbothe
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Der Artikel von Kerstin Kullmann ist unter dem Titel “Kinder der Angst” als Volltext auf SPIEGEL-Online zugänglich.