Mike's Media Diary

Archive for the Der Spiegel category

July 26th, 2010

“Leben im Stand-by-Modus” (Der Spiegel, Nr, 29, 19.7.2010, S. 56-67) und “Protokoll eines Krieges” sowie “Der Enthüller” (Der Spiegel, Nr. 30, 26.7.2010, S. 70-81 und 82-86)

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Normalerweise können Abonnenten die digitale Version des SPIEGEL schon am Samstagabend um 22.oo Uhr auf www.spiegel.de/meinspiegel abrufen. Dieses Wochenende aber war das anders. Aus redaktionellen Gründen hieß es: “Ich bin dann mal off”.

Es wäre schön gewesen, wenn es sich bei dieser unerwarteten Entschleunigung um den ferienzeitlichen Nachklang zur gleichnamigen Titelstory der vergangenen Woche gehandelt hätte.

Datenstress pur

Nach den elf Seiten literarisch-philosophischer Muße-Theorien, die von Susanne Beyer (41) im SPIEGEL Nr. 29 zusammengestellt worden waren, hätte ein wenig konsequente Muße-Praxis von Seiten der Magazinredaktion nicht schaden können.

Doch wen wundert’s, dass es am Sonntagabend um 23.00 Uhr, als der SPIEGEL Nr. 30 dann doch noch online ging, ganz anders kam: Datenstress pur!

Echtzeit-Krieg

91.731 Dokumente aus dem Datenpool des amerikanischen Militärs in Afghanistan. Die meisten davon als geheim deklariert.

“Meldungen der Truppe aus dem laufenden Gefecht” (Spiegel, Nr. 30,  S. 72). “Der Krieg gewissermaßen in Echtzeit” (ebd.).

Wikileaks.org

Das in der Titelstory des SPIEGEL Nr. 30 (Protokoll eines Krieges, S. 70-81) ausgewertete Material umfasst einen Zeitraum von 2004 bis 2009.

Es ist seit Sonntag (25.7.2010) als digitales Archiv online recherchierbar auf der Internetplattform wikileaks.org.

Zeitgleich

Die New York Times, The Guardian und DER SPIEGEL hatten schon einige Wochen zuvor Einblick in die Datenflut.

Zeitgleich flankieren sie die Online-Publikation von WikiLeaks nun in Amerika, Großbritannien und Deutschland mit ihren Titelgeschichten.

Überlastet

Natürlich ist der WikiLeaks-Server jetzt überlastet.

Denn er steht plötzlich im Zentrum der Weltöffentlichkeit.

Muße nicht Nichtstun

Das führt zurück zum Thema von Susanne Beyer.

Sie hatte uns unter der Überschrift Leben im Stand-by-Modus (Spiegel, Nr. 29, S. 56-67) gerade noch so schön erläutert, dass Muße nicht Nichtstun bedeutet.

Den Mächtigen in die Suppe spucken

Den “Definitionen der Denker” (Spiegel, Nr, 29, S. 66) zufolge bestehe Muße darin, “sich in aller Ruhe und zweckfrei dem hinzugeben, was Freude mache und interessiere” (ebd.).

Für den einen heiße das “Klavierspielen” (ebd.), für den anderen sei es “ein Spaziergang” (ebd.) – und für den dritten besteht das “otium” ganz offensichtlich darin, “den Mächtigen in die Suppe zu spucken” (Spiegel, Nr. 30, S. 84).

Der Gründer

Julian Assange (39) ist der Gründer von WikiLeaks.

Er hat die geheimen “Afghanistan-Protokolle” (Spiegel, Nr. 30, Titelseite) ins Internet gestellt.

Wir leben alle nur einmal

Im Gespräch mit dem SPIEGEL teilt er den Redakteuren John Goetz (47) und Marcel Rosenbach (38) mit:

“Wir leben alle nur einmal. Deshalb sollten wir in unserer Zeit etwas Sinnvolles und Befriedigendes anstellen. Und ich mag es, den Mächtigen in die Suppe zu spucken. Diese Arbeit macht mir wirklich Spaß” (Spiegel, Nr. 30, S. 84).

Gott der Allmächtige

Der Mann aus Australien hat Physik studiert und eine Karriere als Hacker hinter sich:

“Er bewegte sich in den Rechnern anderer wie Gott der Allmächtige” (Spiegel, Nr. 30, S. 85).

Sicherheitsrisiko

WikiLeaks wurde 2007 online gestellt.

Seit 2008 wird es vom US-Militär als Sicherheitsrisiko klassifiziert.

Keine Gerüchte

Die Webseite sammelt und veröffentlicht “Material, das Unternehmen und staatliche Stellen als geheim einstufen. Ein Forum für anonyme Informanten. Keine Gerüchte, nichts Selbstverfasstes, nur Originaldokumente” (Spiegel, Nr. 30, S. 82).

Kein Gehalt

Und weiter erfahren wir im SPIEGEL: “Assange arbeitet wie besessen an der Datenbank” (Spiegel, S. 83). Ein Gehalt erhält er dafür nicht.

“Leute, die es gut mit ihm meinen, sagen, er brauche dringend ein paar Wochen Urlaub” (Spiegel, Nr. 30, S. 83).

Kein Urlaub

Aber das wissen wir jetzt besser. Muße ist nämlich nicht Urlaub von der Arbeit, sondern nur ein anderer Modus:

“Insofern müsste die Leistungsgesellschaft genau diesen Zustand eigentlich anstreben” (Spiegel, Nr, 29, S. 66).

Task Force 373

Ist das die Meta-Message, die uns der SPIEGEL in die Ferien hinein nachruft?

Mit Susanne Beyers “Ich bin dann mal off” (Spiegel, Nr. 29, Titelseite) reisen wir ab, und am Urlaubsort begrüßt uns die “Task Force 373” (Spiegel, Nr. 30, Titelseite)!

A very, very big story

Sicherlich, aus der Perspektive der Sicherheitsministerin von Großbritannien, Baroness Neville-Jones, ist das Ganze “a very, very big story”.

Und der Nationale Sicherheitsberater von Präsident Obama reagiert sofort und verurteilt die Veröffentlichung der Geheimdokumente, weil “sie das Leben von Amerikanern und ihren Partnern bedroht” (Statement of National Security Advisor Gen. James Jones on Wikileaks).

Nr. 2

In der Tagesschau wird das Thema heute (26.7.2010) als Nr. 2 gleich nach der Duisburger Love-Parade behandelt.

Aber der Unterschied zwischen den beiden Nachrichten ist signifikant.

Berichterstattungspflicht

Bei der Massenpanik in Duisburg handelt es sich um eine aktuelle nationale Tragödie mit 21 Toten, für die jetzt die Verantwortlichen gesucht werden.

In diesem Fall besteht journalistisch gesehen unmittelbare Berichterstattungspflicht.

Skandalwert

Die Veröffentlichung der “Afghanistan-Protokolle” hat keinen aktuellen Anlass. Die Ereignisse, auf die sich die Protokolle beziehen, liegen relativ weit zurück.

Und der Skandalwert besteht scheinbar weniger in den dokumentierten Inhalten als vielmehr im Sachverhalt der Veröffentlichung selbst.

Sommerloch

Ein Weltthema wird aus der Sache dadurch, dass die drei großen Zeitungen sich im Timing mit WikiLeaks abgesprochen haben, um auf diese Weise einen globalen Medienevent zu kreiren.

Mitten im Sommerloch.

Ein angemessenes Instrument?

Gehört das Material tatsächlich an die Öffentlichkeit? Ist die gewählte Form der massenmedialen Kampagne ein angemessenes Instrument?

Oder ist diese etwas stressige Art von Muße vielleicht doch nicht wirklich investigativ?

Fehlende Worte

Nun ja, als Medienphilosoph bin ich ja einiges gewöhnt.

Aber heute fehlen auch mir die Worte.

Mike Sandbothe

Update: Zur internationalen Debatte über die Veröffentlichung der geheimen Militär-Dokumente aus dem Afghanistan-Krieg siehe auch den SPIEGEL-Online-Artikel von Gregor Peter Schmitz: Datendesaster untergräbt Obamas Kriegspläne (27.7.2010).



July 18th, 2010

Der große Schüttelfrust (Der Spiegel, Nr. 28, 12.7. 2010, S. 58-67)

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Der SPIEGEL-Redakteur Markus Grill (42) und seine Kollegin Veronika Hackenbroch (40) befassen sich in ihrer Titelstory “Homöopathie. Die große Illusion” auf zehn Seiten mit der populären Paradeform einer sanften Medizin.

Leider haben sie im Untertitel das Fragezeichen vergessen.

Das fehlende Fragezeichen

Der gesamte Textumfang beträgt 34955 Zeichen. Da sollte man meinen, dass das Fehlen dieses einen Zeichens doch keinen wirksamen Unterschied macht.

Aber es ist wie bei der Homöopathie. Kleine Ursachen können große Folgen haben.

Eine Krankheit der Profession

Mit Fragezeichen wäre aus dem journalistischen Virusträger ein medizintherapeutischer Heilungstext geworden.

So aber wird das spannende Titelthema von der Krankheit des professionalisierten Skeptizismus befallen.

Skeptiker und andere Menschen

Skeptiker sind Menschen, die meinen, dass der Zweifel ein Selbstzweck sei und nichts, das ihm nicht systematisch unterzogen wurde, Anspruch auf Gültigkeit habe.

Die englische Sprache stellt der skeptischen Grundhaltung eine Weltsicht gegenüber, die als “open minded” bezeichnet wird.

Chronisch-misstrauisch

Dementsprechend unterscheiden wir im Deutschen aufgeschlossene Menschen von skeptisch-verschlossenen bzw. chronisch-misstrauischen Zeitgenossen.

JournalistInnen gehören häufig (aber zum Glück nicht immer) zum letztgenannten Typus.

Der Fall Grill

Nehmen wir den Fall des SPIEGEL-Redakteurs Markus Grill. Er ist 42 Jahre alt und “Vater zweier Söhne” (Der Spiegel, Nr. 28, “Hausmitteilung”, S. 5).

Weiter erfahren wir über ihn, dass er “im Freundeskreis schon oft den Ratschlag bekommen hat: Leiden die Kinder unter irgendeinem Wehwechen, helfen kleine homöopathische Kugeln, die Globuli” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 5).

Nicht nur Vater

Aber Grill ist nicht nur Vater. Er zählt auch zu “den besten investigativen Journalisten Deutschlands” (Sonia Mikich).

Seine  Spezialität ist die Enthüllung von Skandalen in der Pharmabranche. Dafür hat er dieses Jahr den Journalistenpreis des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin erhalten.

Wie die Pillen produziert werden

Deshalb hat er den Globuli-Ratschlag seiner Freunde auch nicht einfach ausprobiert, sondern erst mal eine professionelle Hintergrundrecherche gestartet:

“Grill ließ sich in Karlsruhe in den Gebäuden der Deutschen Homöopathischen Union (DHU) zeigen, wie die Wunderpillen produziert werden” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 5).

Grills Schüttelfrust

Dieser Besuch wurde zum Auslöser von Grills “Schüttelfrust”. Womit wir wieder beim fehlenden Fragezeichen sind.

Denn die in Handarbeit durch Schütteln eines Glaskolbens erzeugten Verdünnungsgrade können in der Homöopathie Dimensionen (”D”) erreichen, im Vergleich zu denen das fehlende Fragezeichen im Cover-Untertitel “Homöopathie. Die große Illusion” als grob stofflich erscheinen mag.

Homöopathische Verdünnungsgrade

“So kommt bereits bei D9 etwa ein Tropfen Wirkstoff auf den Inhalt eines Tanklasters. D23 entspricht bereits einem Tropfen Wirkstoff im gesamten Mittelmeer. Und D78 bedeutet, dass wenige Wirkstoffmoleküle auf alle Moleküle des Universums kommen” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 64).

“Daneben stellt die DHU auch Potenzen wie D200 und D1000 her.” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 64)

Keine Belege

Doch damit nicht genug.

“Je länger sich Grill und seine Kollegin mit der vermeintlichen Wundermedizin beschäftigten, desto größer wurde ihre Skepsis. Sie fanden weltweit keine überzeugenden Belege für die Wirksamkeit homöopathischer Zuckerkügelchen.” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 5).

Placebos

Das Fazit der Spiegelredakteure lautet daher, dass es sich bei homöopathischen Medikamenten um “Placebos” handelt.

Diese sollen einer “larvierten Form von Psychotherapie” (Der Spiegel, Nr. 28, S. 66) den Anschein einer medizinischen Behandlung verleihen.

Am Zweifel zweifeln

Skeptiker haben ein Grundproblem. Ihnen fällt es schwer, am Zweifel zu zweifeln.

Skepsis macht in bestimmten Kontexten durchaus Sinn. Aber nicht in allen.

Wer das einsieht, ist fähig, am Zweifel zu zweifeln, d.h. diesen nicht als Lebenshaltung zu verabsolutieren, sondern intelligent, situativ und wohldosiert einzusetzen.

Wer heilt, hat Recht!

Der geheilte Skeptiker wird zum Pragmatisten.

Samuel Hahnemann (1755-1843), der Begründer der Homöopathie, hat den Grundsatz einer pragmatisch orientierten Arztpraxis einmal wie folgt formuliert: “Wer heilt, hat Recht!”

Heilungsorientierter Pragmatismus

Auch bei den LeserInnen des SPIEGEL ist der in diesem Zitat zum Ausdruck kommende heilungsorientierte Pragmatismus weit verbreitet.

So schreibt Peter Kuhn aus Genf in seinem Leserbrief: “Wenn der Patient sagt, es gehe ihm besser, dann kommt auch ein negativer Objektivierungsbeweis dagegen nicht auf” (Der Spiegel, Nr. 29, 19.7.2010, S.9).

Nicht ‘nur’, sondern ‘aha’

Und Dirk Houben aus Wuppertal geht noch einen Schritt weiter, wenn er formuliert:

“Ob nun in der Homöopathie, in der Psychotherapie oder der Schulmedizin, der Placeboeffekt läuft immer wacker mit, er wäre bei kluger Betrachtung aber nicht ein ‘Nur’, sondern vielmehr ein ‘Aha’” (Der Spiegel, Nr. 29, S. 9).

Medizinische Maschinerie

Was Houben meint, hat der in Seattle praktizierende Freiburger Komplementärmediziner Dietrich Klinghardt mit Blick auf die Schulmedizin einmal wie folgt auf den Begriff gebracht:

“Der Hauptgrund, warum die Schulmedizin überhaupt so oft wirkt, liegt im Placeboeffekt, der ausgelöst wird durch die ungeheuer eindrucksvolle medizinische Maschinerie” (Dietrich Klinghardt, Lehrbuch der Psychokinesiologie, S. 33).

Farbige Pillen und weiße Kittel

Insofern kann man sagen, dass die meisten Skeptikerargumente, die sich in dem Spiegel-Artikel von Grill und Hackenbroch finden, Argumente sind, die sich auch auf die Schulmedizin anwenden lassen.

Denn: “‘Rituale’ wie Blutdruckmessen, ‘Symbole’ wie farbige Pillen, weiße Kittel und die ehrliche und liebevolle Bemühung des Arztes tun ihre Wirkung” (Klinghardt, ebd., S. 33).

Verantwortung in Medizin und Naturwissenschaft

Und das ist auch gut so. Denn in der Medizin geht es um Heilung und nicht um die Verabsolutierung des Zweifels.

Das gilt übrigens auch für eine verantwortungsvolle Form von Naturwissenschaft.

Revolution statt Blockade

Sie nimmt die Erfahrungen ernst, die ÄrztInnen und PatientInnen machen und blockiert mit ihren alten Wissensbeständen nicht den Fortschritt der Forschung.

Denn das, was wir heute zwar erfahren, aber noch nicht erklären können, markiert den Raum, in dem sich sich zukünftige wissenschaftliche Revolutionen ereignen.

Mike Sandbothe

May 2nd, 2010

Der Philosoph des 21. Jahrhunderts (Der Spiegel, Nr. 17, 26.4.2010, S. 67-78)

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Klaus Brinkbäumer (43) und Thomas Schulz (37) sind ehrlich. Sie erklären, was sie tun. Sie machen Reklame. Für das iPad von Apple.

Wie lässt sich das iPad personalisieren?

“Es soll die Leser locken, endlich für die digitalen Ausgaben zu bezahlen, vielleicht mehr als für die Print-Ausgabe” (S. 77).

Wie lässt sich das iPad personalisieren? Wie lässt sich über Apple schreiben? Die Antwort bündelt sich in Steve Jobs (55), dem Besitzer von Apple und Erfinder des iPad.

Apples Produkte loben

Aber: “Es ist nicht ganz einfach, sich Jobs zu nähern, weil Apple so gut wie nie mit Reportern spricht, falls diese nicht zuerst Apples Produkte gelobt haben” (S. 69)

Das hat für den SPIEGEL zuletzt Ferdinand von Schirach (46) getan (DER SPIEGEL, Nr. 15,  “Die Kunst des Weglassens”).

Keine Einblicke

Und doch: “Der deutsche Firmensprecher Georg Albrecht schrieb: Apple ‘gibt leider keine Einblicke in sein Innenleben…So gern ich so eine Story unterstützen würde, weiß ich, dass wir hier Ihnen keine Gesprächspartner anbieten können’” (S. 69).

Was also tun?

Jobs ist kein netter Mensch

“Es gibt Leute, die Apple verlassen haben.” Die kann man interviewen.

“Und auch Leute, die heute für Apple arbeiten, reden über Apple, wenngleich unter falschem Namen, denn Jobs ist kein netter Mensch” (S. 69). So entsteht ein SPIEGEL-Feature.

Das Inhaltsverzeichnis

Steve Wozniak: “Der Gründer” (S. 69). Andy Hertzfeld: “Der Zauberer” (S. 71). Hartmut Esslinger: “Der Künstler” (S. 71). John Sculley: “Der Feind” (S. 73). Pamela Kerwin: “Die Männerversteherin” (S. 73). Michael More, David Sobotta: “Die Soldaten” (S. 76).

Aber das allein reicht noch nicht, um ins Herz der Sache, sprich: ins Zentrum der iPad-Personalisierung, also in die Intimsphäre von Steve Jobs vorzudringen.

Das Geständnis

Zum Glück gibt es jenen “Juni-Tag von Stanford” (S. 67):

“Es war heiß, kein Schatten im Stadion von Stanford, die Studenten hatten gesoffen, sie grinsten und kicherten, und darum dauerte es, bis sie verstanden, dass dort ein Herrscher der westlichen Welt zum Geständnis schritt” (S. 67).

No big deal

Steve Jobs hat an diesem Tag “drei Geschichten” (S. 67) erzählt.

Klaus Brinkbäumer und Thomas Schulz lassen die LeserInnen über die Details der Überlieferungsgeschichte im Unklaren. Sie erzählen einfach nur Jobs’ stories nach. “No big deal” (S. 67).

Die Mutter

Die erste Geschichte handelt davon, “wie seine Mutter ihn aufgab, wie er adoptiert wurde, wie er sein Studium abbrach” (S. 67).

Die Liebe

In der zweiten Geschichte erzählt Jobs, “dass er als 20-Jähriger gefunden habe, was er liebe, Apple, sein Lebenswerk, und dass er als 30-Jähriger entlassen wurde, doch weitermachte in der Computerwelt, weil er sie liebte” (S. 67).

Die Krankheit

Die dritte Geschichte dreht sich um seinen “Bauchspeicheldrüsenkrebs, unheilbar” (S. 78). So lautete die anfängliche Diagnose.

“Die Ärzte führten die Schläuche ein, entnahmen Tumorzellen, untersuchten sie, dann weinten die Ärzte. Eine Operation könne ihn wohl doch heilen, er sei eine seltene Ausnahme” (S. 78).

Be insanely great

Das war 2004. “Fünf Jahre später fehlte er wieder. Er brauchte eine neue Leber” (S. 78)

“Be insanely great” (S. 72), lautet das Lebensmotto dieses Mannes. Kommentar überflüssig. Oder vielleicht doch nicht?

Recht haben

Als junger Mann habe er ein Zitat gelesen, wissen Brinkbäumer und Schulz zu berichten. Es lautet:

“Wenn du jeden Tag lebst, als sei es dein letzter, wirst du irgendwann recht haben” (S. 78).

Alice-Miller.com

Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Steve Jobs seine Geschichten auf www.alice-miller.com publiziert hätte statt die Studierenden in Stanford damit zu belasten.

“Er hasst die eigenen jungen, gesunden Angestellten” (S. 76).

Seine leibliche Schwester Mona beschreibt ihn in ihrem Roman A Regular Guy als “Narziss, der verlangte, dass seine Geliebten Jungfrauen zu sein hatten” (S. 76).

Jobs’ Liebe zum Job

Für Alice Miller (1923-2010) wäre wohl klar, wie die drei Geschichten von Jobs zusammen hängen.

Er empfängt keine Liebe im Elternhaus, lernt sich selbst nicht zu lieben, liebt statt dessen Apple und bringt die Welt dazu, es ihm gleich zu tun.

The body never lies

Aber das alles behebt den Mangel im Inneren nicht. Jobs’ Liebe zum Job ist keine Liebe zu Jobs.

Ohne authentische Selbstliebe versagt der Körper irgendwann den Dienst. The body never lies.

Philosoph oder Soziopath

Solche Interpretationen sind den SPIEGEL-Autoren vermutlich zu banal.

Sie schwanken zwischen “der Philosoph des 21. Jahrhunderts” (S. 67) und: “Steve Jobs gilt als diabolisch, als Soziopath, und er hat diesen Ruf zu Recht” (S. 67).

Poesie? Ethik? Küchenpsychologie?

Als Genrezuschreibung für Jobs’ stories schlagen Brinkbäumer und Schulz vor: “War das Poesie? Ethik gar? Küchenpsychologie?” (S. 67)

Vermutlich war es der Hilferuf eines einsamen und emotional schwer verletzten Menschen.

Keine gute Therapeutin

Er ist “Zen-Buddhist und Vegetarier” (S. 78). Aber er hat offensichtlich keine gute Therapeutin, keinen helfenden und wissenden Zeugen.

Alice Miller ist am 14. April 2010 im Alter von 87 Jahren gestorben. Das iPad kommt Ende Mai auf den deutschen Markt.

Mike Sandbothe

Der Artikel von Klaus Brinkbäumer und Thomas Schulz  ist  unter dem Titel “Der Philosoph des 21. Jahrhunderts” auf SPIEGEL-Online als digitaler Volltext zugänglich. Die im Artikel ohne Quellenangabe referierte Stanford-Rede von Steve Jobs findet sich sowohl auf dem News-Sever der Stanford Universität als auch auf Youtube.

April 9th, 2010

SPIEGEL-Surfing (Der Spiegel, Nr. 14, 3. April 2010)

Posted in Der Spiegel by mike

Laut SPIEGEL gehört unser Umweltminister Norbert Röttgen “zu jener Gruppe, die Merkel-Spotting betreibt” (S. 25). Der Begriff ist wohl dem TrainSpotting und beides in der Sache dem BirdWatching nachempfunden.

Kanzler, Züge, Vögel

Der Autor des Artikels, Dirk Kurbjuweit,  weiss über’s Merkel-Spotting folgendes zu berichten: “Man muss dafür ein Bild von sich als Kanzler haben” (S. 25).

Das ist beim Züge- und Vögelbeobachten zum Glück anders: die ausführende Person braucht von sich kein Bild als Zug oder Vogel zu haben!

SPIEGEL-Watching

Ehrlich gesagt, weiss ich auch nicht so genau, wie das beim  MagazinSpotting oder SPIEGELwatching ist.

Aber ich setze auf die Analogie mit den Zügen und Vögeln.

Feature-Hopping

In dieser (nach)österlichen Woche kommt noch eine weitere Komplikation hinzu. Aus Mangel an Anziehungskraft ist es mir nicht gelungen, mein Spotting auf einen einzelnen SPIEGEL-Artikel zu fokussieren.

Deshalb: “SPIEGEL-Surfing”. Man könnte auch von Artikel-Zapping oder Feature-Hopping reden.

Minister für Weltrettung

Aber worum geht es? Ja, genau das war meine Frage als ich den SPIEGEL-Artikel “Die Rache des Maschinisten” über Norbert Röttgen gelesen habe. Oder anders gefragt: Wozu soll das gut sein?

Intellektuellen-Schelte?

Minister-Bashing?

Weltrettungs-Dämmerung?

Abgerutscht

Irgendwie ist es wohl all’ das zusammen und noch einiges mehr.

Kurbjuweit über Röttgen: “Er wurde Umweltminister, weil das im Herbst 2009 nach einer großen Aufgabe aussah. Die Klimakonferenz von Kopenhagen (…) ist jedoch gescheitert (…) und seither ist das ganze Thema abgerutscht. Röttgen darf sich nicht mehr als Minister für Weltrettung fühlen” (S. 25).

Die Wirklichkeit ist niemals naiv

Ich bin naiv. Deshalb finde ich, dass man als Medienmensch ein Thema wie dieses nicht einfach so ‘abrutschen’ lassen darf; zumal es da ja auch neben “den Themen” noch “die JournalistInnen” gibt.

Die sind doch nicht einfach nur ThemenSpotter und KampagnenWatcher. Die machen doch auch ein Stück weit selber die Musik. Wenn sie mutig sind und es wirklich wollen!

Obamas Säkularisierung

Wie gesagt, ich bin naiv. Aber im SPIEGEL-Kommentar von Klaus Brinkbäumer steht: “Die Wirklichkeit ist niemals naiv” (S. 87). Hm. Und wer definiert die? Vielleicht die triadische Geschichtsphilosophie von Herrn Brinkbäumer?

Über Aufstieg und Fall von “St. Barack” (S. 87), also des amtierenden US-Präsidenten, berichtet der SPIEGEL-Journalist wie folgt: “Nach Erscheinung und Kreuzigung erleben wir so etwas wie eine Säkularisierung” (S. 87).

Eine schlechte Angewohnheit

So konstruiert man Themenkarrieren. Statt ThemenWatching doch lieber CampaignCreating?

Aber ist das wirklich “die Wirklichkeit”? Oder nur eine schlechte Medienangewohnheit?

Mit dem Hammer

“Heilung ist nicht möglich.” Das erfahren wir auf S. 127. Es spricht der französische “Dandy-Philosoph” (S. 126) Bernard-Henri Lévy. Romain Leick hat ihn in Paris interviewt und das dann im SPIEGEL drucken lassen.

Lévy besichtigt Kriege und philosophiert “mit dem Hammer” (S. 127). Er wollte kein akademischer Philosoph werden.

Flickwerk-Philosophie

“Wirft man mir vor, zu nahe am Journalismus, an der Reportage, an der Literatur zu sein? Bitte – in der Flickwerkphilosophie hat auch der gute Reporter seinen Ehrenplatz” (S. 127).

Gar keine schlechte Idee! Während die Mehrzahl der JournalistInnen den Themenkarrieren hinterher rennt oder diese (je nach Medium) tatkräftig mitkonsturiert, machen die avantgardistischen PhilosophInnen den alten JournalistInnenjob und schreiben ordentliche Reportagen.

Prof. Dr. Papst

Und was wird aus dem Papst? Der “(UN)FEHLBARE” (SPIEGEL-Titel) ist ja immerhin der Aufmacher dieser SPIEGEL-Woche. Aber der Mann steht “mit leeren Händen” da (S. 74). Denn er ist ein “Intellektuellen-Papst” (S. 76). Ihm fehlt die Bodenhaftung, sprich: die Medienehrfurcht.

“Eine Zeitlang genoss er sogar das ungeteilte Wohlwollen des Feuilletons. Dennoch drang Benedikts Botschaft nicht durch. Der oberste Theologe, Prof. Dr. Papst, verlor den engen Kontakt zu seinen Schutzbefohlenen” (S. 78).

Metaphysische Zentralheizung

Das erfahren wir von Fiona Ehlers, Gregor Peter Schmitz, Ulrich Schwarz, Alexander Smoltcyk und Peter Wensierski. Und sie wissen auf zehn SPIEGEL-Seiten noch mehr über den Oberhirten und seine Schäfchen zu berichten:

“Die meisten seiner Landsleute haben sich in Wahrheit längst in einer privaten Glaubenswelt eingerichtet. Sie haben durchaus den Wunsch nach einer metaphysischen Zentralheizung, wenn’s kälter wird im Leben. Aber bitte ohne Institution und ohne Zumutungen” (S. 78).

In Anderer Glück sein eigenes finden

Gelten Schweizer auch als Landsleute? Irgendwie schon. Vor allem, wenn sie ihre Steuern in Frankfurt am Main bezahlen. Wie Josef Ackermann, “der Bösewicht” (S. 4). Er möchte, dass die Menschheit ihn so sieht, wie er sich selbst sieht. “Der Getriebene” (S. 58).

Der SPIEGEL ist gern behilflich und zitiert aus Ackermanns privater Glaubenswelt: “In Anderer Glück sein eigenes finden, ist dieses Leben Seligkeit – und anderen Menschen Wohlfahrt gründen, schafft göttliche Zufriedenheit” (S. 61).

Ein spirituelles Wesen

Auch Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio leistet einen Beitrag zum österlichen SPIEGEL-Thema.

Seiner Ansicht nach ist die Säkularisierung an ihr Ende gekommen. Und zwar, “weil der Mensch ein spirituelles Wesen ist, das sucht und sich nicht allein mit Konsum und Zweckrationalität begnügt” (S. 30).

Positive Grundeinstellung zur Religion

Nun bin ich selbst überrascht. Obamas Säkularisierung und die Wiederkehr der privaten Spiritualität gehen im Oster-SPIEGEL Hand in Hand.

Die politische Hoffnung auf die öffentliche Politik tritt zurück hinter die private Besinnung auf “die alten Werte der Gebirgswelt” (S. 61) und “eine positive Grundeinstellung unseres Verfassungsstaates zur Religion” (S. 30).

Minister für Entwarnung

Was aber wird aus den großen Weltkrisen? Sicherheitskrise. Ressourcenkrise. Klimakrise. Und, ach ja: Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Fiskalkrise.

Ganz einfach. Wir haben jetzt einen “Minister für Entwarnung” (S. 18). Das ist Thomas de Maizière.

Der Zusammenhalt der Gesellschaft

Von Simone Kaiser, René Pfister, Marcel Rosenbach und Holger Stark erfahren wir über ihn:

“In seinem ersten großen Interview sagte er, mit dem Begriff ‘innere Sicherheit’ könne er wenig anfangen. Seine Aufgabe sei vielmehr, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken” (S. 18).

Ein Land steht am Abgrund

Am Beispiel des Alltags einer griechischen Familie zeigt der SPIEGEL was passiert, wenn man das nicht tut: “Ein Land steht am Abgrund – und niemand hat es kommen sehen” (S. 48).

Der Bielfelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer aber sieht es kommen. Und zwar in Deutschland: “Wutgetränkte Apathie” (S. 70).

Nationale Demokratie-Entleerung

Mit der Fiskalkrise kämen Finanz- und Wirtschaftskrise nun auch bei den einzelnen BürgerInnen an. Die öffentlichen Finanzen bluteten aus. Langzeitarbeitslose würden zum Buhmann der Gesellschaft.

“Drei von vier Befragten sagen, dass sich Solidarität, Gerechtigkeit und Fairness in dieser Gesellschaft nicht mehr verwirklichen lassen” (S. 71). Woran liegt das?

Der autoritäre Kapitalismus

“Viele Menschen merken, dass die Demokratie die Kontrolle verliert gegenüber dem Kapital, das wiederum Kontrolle gewinnt und gnadenlos ausübt” (S. 71).

Und weiter schreibt Heitmeyer: “Der autoritäre Kapitalismus hat es geschafft, seine Verwertungskritierien ohne Widerstand der ganzen Gesellschaft überzustülpen” (S. 71).

Kulturpolitik heute

Ist das wirklich die rechte Zeit für ein Abdanken der öffentlichen Politik und eine Besinnung auf private Glaubenswelten?

Oder geht es heute kulturpolitisch nicht vielmehr darum, öffentliches Engagement und private Spiritualität auf neue Weise miteinander zu verbinden?

Nachhaltiger Journalismus

Wie sähen wirklich nachhaltig fungierende Öffentlichkeiten aus, in denen planetarische Themen wie der Klimawandel nicht einfach mal eben ‘abrutschen’?  Und wie könnte Demokratie in transnationalen Institutionen neue Gestalt gewinnen?

Das sind Fragen, mit denen der SPIEGEL seine geneigten LeserInnen zu Ostern leider nicht konfrontiert. Warum eigentlich?

Mike Sandbothe

Einge der zitierten Artikel sind auf SPIEGEL-Online als digitale Volltexte zugänglich.

December 24th, 2009

“Zeit der Exzesse” (Der Spiegel, Nr. 50, 7. Dezember 2009, S. 152-161)

Posted in Der Spiegel by mike

Dirk Kurbjuweit (47), Gabor Steingart (47) und Merlind Theile (33) befassen sich im SPIEGEL-Titelfeature Nr. 50 mit dem “verlorenen Jahrzehnt” und der weitreichenden Frage “was die Welt aus einer Dekade der Unvernunft lernen muss” (Spiegelcover).

In ihrem Artikel führen sie vor Augen, wie ein kulturpolitisch tiefgreifender Journalismus in Zeiten des Übergangs Orientierung geben kann.

Schlimmer hätte es kaum kommen können

Die Autorin und die beiden Autoren sehen die “nuller Jahre”  als strukturelle “Krisenjahre” (S. 153).

Ihre Grundthese über das erste Jahrzehnt des dritten Jahrtausends lautet: “9/11-Krise, Klimakrise, Finanzkrise, Demokratiekrise. Das alles summierte sich zu einer Gesamtkrise des Westens. Schlimmer hätte es kaum kommen können” (S. 153).

Journalistische Vorbildfunktion

Nun, natürlich hätte es noch schlimmer kommen können. Und außerdem hat es nicht nur den Westen getroffen. Aber ein wenig Dramatisierung muss im SPIEGEL selbst dann noch sein, wenn wirklich einmal authentisch gedacht wird. Und das geschieht in diesem Artikel.

Es wäre ein grosses Geschenk an den Immer-Noch-Kulturstandort Deutschland, wenn es dem SPIEGEL im neuen Jahrzehnt insgesamt gelingen wollte, die grossen Entwicklungen unserer Zeit ähnlich intelligent und vernetzt zu analysieren, wie es die drei JournalistInnen in diesem Artikel tun.

Vernetztes Krisendenken und globale Regierungsstruktur

Al Gore ist wohl einer der ersten gewesen, die darauf hingewiesen haben, wie wichtig es ist, die verschiedenen Krisen unserer Zeit in ihrem Zusammenhang zu sehen.

Tut man dies nicht, dann kann die vermeintliche Lösung der einen Krise (Beispiel: Wirtschaftskrise) zu einer Verschärfung der anderen (Beispiel: Klimakrise) führen.

Die journalistische Kultur

Der Blick auf das in Transformation befindliche Ganze motiviert nicht nur zum  gezielten “Suchen nach einer globalen Regierungsstruktur” (S. 161).

Er zeigt auch, wie wichtig es ist, dass die journalistische Kultur eine globalisierte Form des vernetzten Denkens in ihr Selbstverständnis integriert.

Über nationale Verengungen hinaus

Mehr noch: In demokratischen Staaten (und nicht nur in diesen) darf es heute als eine zentrale Aufgabe der nationalsprachlich verfassten Medienwelten gelten, über die nationale Verengung der Politik im eigenen Land hinaus zu denken.

Der Artikel von Kurbjuweit, Steingart und Theile  tut das auf überzeugende Weise.

Die politischen Strukturen fehlen

So stellen sie heraus: “Das erste Jahrzehnt hat gezeigt, dass die Welt zusammenwächst, dass die Abhängigkeiten zunehmen, aber dass die politischen Strukturen dafür fehlen” (S. 161).

Das bedeutet konkret: “Es gibt keinen wirksamen Mechanismus, der den Frieden erhält. Es gibt keine gemeinsame Finanzaufsicht. Es gibt kein weltumspannendes Regierungsgremium, das sich permanent um Klimaschutz kümmert” (S. 161).

Hoffnung auf das Netz

Für die drei SPIEGEL-AutorInnen erwächst Hoffnung auf Behebung dieser weltpolitischen Defizite aus einer “technologischen Entwicklung” (S. 154). Gemeint ist das Internet.

Dieses könne - so die AutorInnen weiter - ”eine Weltöffentlichkeit herstellen” und damit ein Fundament liefern “für die politischen Entscheidungen in einer Welt, die globales Regieren braucht” (S. 161).

Rollenverteilung strittig

Tatsächlich ist es kulturpolitisch von zentraler Wichtigkeit, den Zusammenhang zu sehen, der zwischen den großen Transformstionsbewegungen (Sicherheitskrise, Wirtschaftskrise, Klimakrise, Demokratiekrise) und der medientechnologischen Digitalisierung besteht.

Allerdings lässt sich über die Verteilung der Rollen diskutieren.

Das Internet als Mitverursacher der Krisen

Es gibt durchaus ernstzunehmende Argumente dafür, dass die grossen Krisen unserer Zeit in einem gewissen Maße zugleich auch Reaktionen auf die digitale Vernetzung sind.

Dann wäre das Internet nicht nur ein Teil der Lösung, sondern auch ein Teil des Problems. Vielleicht sogar ein Mitverursacher der Krisen.

Unser Gebrauch des Netzes

Genauer formuliert: eine bestimmte Art und Weise das Netz zu nutzen bzw. das Netz nicht zu nutzen hat mit zu einem Teil der Probleme geführt, vor denen wir heute stehen.

Mithilfe der digitalen Computerverbünde wurden zwar die globalen Märkte und Finanzströme eng verzahnt, aber nicht die globale Politik und der weltweite Journalismus.

Aus dieser Perspektive haben PolitikerInnen und JournalistInnen bis heute einen eklatanten Nachholbedarf in Sachen Globalisierung.

Kulturpolitischer Dornröschen-Schlaf

Vielleicht ist “das verlorene Jahrzehnt” vor allem deshalb verloren, weil weder die Politik noch der Journalismus aus der nationalsprachlich verfassten Buchdruckkultur schnell genug aufgewacht sind.

Anders als die BankerInnen und die globalen WirtschaftsführerInnen haben die PolitikerInnen und JournalistenInnen in vielen Ländern allzu lange versucht, die transnationale Mediendynamik durch die Verengung auf’s Nationale zu unterwandern.

Ein Hauch von Passivität

Ein Hauch dieser passiven Strategie findet sich selbst noch in dem sonst vorbildichen Artikel von Kurbjuweit, Steingart und Theile.

So werden die ”vier schweren Krisen” (S. 154) von ihnen nicht als Prozesse beschrieben, die in sich selbst utopische Veränderungspotentiale bzw. kulturpolitische Gestaltungsoptionen bergen.

Aus Sicht der Autoren ist es statt dessen in erster Linie die externe “technologische Entwicklung, die Hoffnung macht” (S. 154).

Das globale Gemeinwesen

Wieso das? Oder mit den Worten von Kurbjuweit, Steingart und Theile selbst gefragt: “Kann ein interaktives Medium ein Gemeinwesen beleben?” (S. 160)

Sicherlich nicht von allein. Es sind die Menschen, die mit Hilfe des technischen Mediums das Gemeinwesen einer globalisierten Demokratie gestalten.

Determinismus

So stellen sich die Dinge jedenfalls aus der Sicht eines aktiven Denkens und Handelns dar, das von den neuen Instrumenten einen verantwortungsvollen und selbstbewussten Gebrauch macht.

Demgegenüber gibt es bei den SPIEGEL-AutorInnen einen gewissen Rest deterministischen Denkens.

Die Rückkehr der Geschichte

Streckenweise projizieren sie ihre Hoffnungen allzu sehr auf die technische Eigendynamik des Internet oder eine fast schon religiös anmutende  ”Rückkehr der Geschichte” (S. 161)

Doch diese ist genauso offen wie die Art und Weise, wie wir von den neuen technologischen Entwicklungen Gebrauch machen.

Menschen machen Geschichte

Menschen machen Geschichte und nutzen Medien zu diesen oder jenen Zwecken.

Es ist nicht “die Geschichte”, die handelt. Und es ist nicht “das Ínternet”, das die dringend benötigte globale Demokratie aus sich heraus hervorbringt.

Demokratische Staatengemeinschaften

Die Rettung der Demokratie durch Globalisierung der Politik wäre vor allem und in erster Linie eine Aufgabe der demokratischen Staatengemeinschaften. Zum Glück ist das auch den AutorInnen klar:

“Die ersten Länder, die den Klimaschutz ernst genommen haben, waren die Mitgliedstaaten der Europäischen Union, auch sie zu spät, aber immerhin: Sie sind Vorreiter geworden. Das heißt, dass ein wesentlicher Teil der westlichen Welt die Kraft zur Einsicht und zur Korrektur hat” (S. 161).

Vorreiter demokratischer Weltpolitik

Welche nationalen Parlamente werden Vorreiter dabei sein, sich selbst schrittweise ein wenig zurückzunehmen?

Welche Staaten werden dereinst als erste bereit sein, ihren Einfluß zugunsten eines demokratisch zu wählenden Weltparlaments ein Stück weit einzuschränken?

Was wir haben und was wir brauchen

Wir haben eine globalisierte Wirtschaft. Wir haben globalisierte Finanzströme. Wir haben eine globale Schuldenkrise der Nationalstaaten. Wir haben eine planetarische Klimakrise. Wir haben weltweiten Terrorismus und weltweite Migration.

Was wir brauchen ist ein verantwortungsbewusstes Weltbürgertum und eine globalisierte demokratische Politik.

Sich neu erfinden

Es tut gut, wenn JournalistInnen vor Augen führen, wie man global, langfristig und verantwortungsvoll denkt.

Es wäre noch schöner, wenn BürgerInnen und PolitikerInnen das zum Anlass nähmen, sich selbst in einem planetarischen Rahmen neu zu erfinden.

So könnte die Menschheit im kommenden Jahrzehnt vielleicht lernen, den globalen Problemen gemäß auf veränderte Weise demokratisch intelligent zu handeln.

Mike Sandbothe

Der Artikel von Dirk Kurbjuweit, Gabor Steingart und Merlind Theile ist unter dem Titel “Zeit der Exzesse” auf SPIEGEL-Online als digitaler Volltext zugänglich.

September 13th, 2009

“Der Tod, mein Lebensbegleiter” (Der Spiegel, Nr. 36, 31. August 2009, S. 32-44)

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Auf der Titelseite des SPIEGEL Nr. 36 ist der langjährige Spiegeljournalist Jürgen Leinemann (72) abgebildet. Er hat Krebs und darüber ein Buch geschrieben. Der SPIEGEL druckt dreizehn Seiten aus dem am 17. September erscheinenden Werk als Titelgeschichte unter der Überschrift: “‘Gestern wollte ich wieder sterben.’ Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann über sein Leben mit Krebs” (SPIEGEL, Nr. 36, 31. August 2009, Titelseite).

Unbarmherzig bis in den Tod?

Eine Woche später, am 7. September, erscheinen die Leserbriefe im SPIEGEL Nr. 37. Das Spektrum der Kommentare reicht von “gesundheitspolitisch bedeutsam” (Nr. 37, S. 8 ) und “nach dem Lesen habe ich geweint” über “Wut” und “Feudalismus” bis zu “Herr Leinemann hat Privilegien, von denen die meisten nur träumen” und “eitel bis in den Tod”.

Tatsächlich bleibt der Autor auch in seiner vermutlich größten Daseinskrise dem Medium seines Lebens treu: “Jürgen Leinemann, jahrzehntelang SPIEGEL-Reporter, blickte mit Schärfe auf die Politiker des Landes – nun blickt er mit derselben Unbarmherzigkeit auf seine Krankheit.” (Nr. 36, S. 32).

Wie privat darf DER SPIEGEL werden?

Man darf vermuten, dass der SPIEGEL seinem hochverdienten Autor auf diesem Weg etwas zurück zu geben versucht. Öffentliches Schreiben als persönliche Krebstherapie. Fraglos eine sehr pragmatische Form des Journalismus. Unmittelbar wirkungsorientiert. Jedenfalls im Privaten. Und da liegt das Problem, auf das die meisten Leserbriefe reagieren. Wie privat darf der SPIEGEL (in seiner Titelgeschichte) werden?

Nun. Das Anliegen – so legt der ausführliche Untertitel nahe – ist ja nicht nur ein privates. Es geht nicht nur um Leinemann: “Was passiert, wenn der Krebs einen Menschen aus dem gewohnten Leben reißt? Fast eine halbe Million Deutsche erleben es jedes Jahr ” (S. 32).

Warum in der ersten Person?

Aber natürlich hat auch Hartmut Neumann aus Aachen einen wichtigen Punkt. Er fragt sich nämlich in seinem Leserbrief: “Warum schreiben Literaten und Journalisten so etwas in der ersten Person? Das Elend in der dritten Person (…) wäre für den Leser viel persönlicher.” (Nr. 37, S. 8).

Vermutlich liegt in diesem Übergang von der journalistisch kalten zur literarisch warmen Form die therapeutische Qualität des Artikels. Für den Autor jedenfalls. Kulturtherapie wäre auch in der dritten Person möglich. Selbsttherapie bedarf der ersten.

Arbeitsbesessenheit

Jetzt zum Text. Leinemann schreibt: “Es war Zeit, einen prüfenden Blick auf mein ganzes Leben zu werfen. Tatsächlich war ich erschrocken über die Liste schwerer Krankheiten und über die Leichtfertigkeit, mit der ich alle Warnsignale missachtet hatte, die mich zu Veränderungen meines Lebensstils, insbesondere meiner Arbeitsbesessenheit, hätten veranlassen sollen” (Nr. 36, S. 34).

Schreiben als Symptom? Journalismus und Besessenheit? Öffentliche Unbarmherzigkeit als Kompensation privater Selbstzweifel? Wie hängen Kultur, Journalismus, Krankheit und Therapie zusammen?

Flucht aus dem Leben

Dazu Leinemann in der dritten Person: “Normalerweise ist der Tod kein Thema in unserer Spaßgesellschaft” (S. 36).

Und weiter in der ersten: “Von meiner Kindheit an, über die Pubertät und Studentenzeit bis zu meiner Alkoholkrise in der Lebensmitte, war mir in depressiven Phasen oder in Druck- und Krisensituationen der Gedanke an eine Flucht aus dem Leben durch Selbstmord immer geläufig, allzu geläufig, wie ich heute finde” (S. 37).

Buchstabenmenschen

“Du bist ein homme de lettres” (S. 40) hatte der SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein einmal zu Leinemann gesagt. Was als Segen gemeint war, kann rückwirkend wie ein Fluch wirken.

Buchstabenmenschen sind “Leute, die durch Wörter zu dem wurden, was sie sind” (S. 40). Leinemann ist einer von ihnen. Er ist ein Mensch, der vom Medium der Sprache abhängig ist, dessen Droge das Reden und Schreiben ist.

Sprachlos

“Als ich erwachte war ich sprachlos. Ich war entsetzt, überwältigt. Hätte ich noch reden können, wären mir die Worte versiegt. Ich fühlte mich, als hätte man versucht, mich umzubringen” (S. 40).

Es war ein “Eingriff ohne Vorankündigung” (S. 40). Durchgeführt im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus in Berlin. Ein “Entlastungsschnitt”, weil die Luft- und Speiseröhre nach der Operation von Leinemanns Zungengrundkarzinom so angeschwollen war, dass es zu körperlicher Schwäche und geistiger Desorientierung kam.

Der Körper lügt nicht

Alice Miller hat vor ein paar Jahren ein Buch mit dem Titel “The Body Never Lies” (2005) geschrieben. Dieser Titel kam mir in den Sinn als ich den dramatischen Höhepunkt von Leinemanns Leidensgeschichte las.

Mit Tränen in den Augen. Denn schließlich bin ich selbst dreißig Jahre lang ein homme de lettres gewesen.

Eine hallende, weite Leere

“Wer wäre ich denn, wenn ich nicht mehr reden könnte?” (S. 41) “In diesen sprachlosen Nächten im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus wurde mir bewusst, dass der Rest meines Lebens grundlegend anders ablaufen würde als die ersten 70 Jahre” (S. 41).

“Eine hallende, weite Leere breitete sich in mir aus” (S. 40).)

Jenseits der Sprache

Diese Leere habe auch ich in meinem Leben kennen gelernt. Mittlerweile empfinde ich sie als durchaus positiv. Ich spüre darin den freien Raum, der sich eröffnet, sobald ein wohl konditioniertes Sprachtier entdeckt, dass es sich auch in anderen Medien als der Sprache selbst erschaffen kann.

Leinemanns Quintessenz aus der von ihm erlebten “Angst vor einem Leben ohne Sprache” (S. 41) liest sich so: “Das hat nicht nur mein Schreiben verändert, sondern auch meinen Blick auf die Politik und meine Profession. Ich habe mir so etwas wie ein inneres Geländer gezimmert” (S. 41).

Die Haltung des Journalisten

Das sieht so aus: “In seiner Haltung hat die Freiheit des Journalisten ihren Rückhalt. Für mich sind zwei Sätze als Leitlinien bestimmend geworden. Der erste heißt: Wirklichkeit ist alles, wo man durchmuss. Der zweite ist eine Gedichtzeile von Peter Rühmkorf: ‘Bleib erschütterbar und widersteh’” (S. 41).

Gibt es für den Autor Leinemann ein Jenseits seiner Autorschaft? Hat Leinemann sich selbst und die Welt unabhängig von der Macht der Sprache fühlen und lieben gelernt?

Sylt lieben

Auch meine erste Liebe habe ich auf Sylt entdeckt. Für das Meer und für ein Mädchen namens Corinna. Das war 1973. Bei Leinemann hieß sie Helga, war Chilenin und es geschah 1956.

Auf Sylt spielt auch die Schluss-Szene von Leinemanns Artikel, die ich unkommentiert zum Abschluss zitieren möchte.

Ich freute mich, dass ich lebte

“Das Wunderbarste waren die täglichen kurzen Spaziergänge am Meer. Am letzten Tag hing ein dünner Wolkenschleier über dem trägen Wasser, am Horizont im Südwesten leuchtete ein schmaler heller Streifen. Ich spürte, wie ich sentimental wurde, die Abschiedsstimmung und der flirrende Glanz des Meeres bewegten mich. Doch die Mühsal des Gehens im feuchten Sand ließ kitschige Weihegefühle nicht wirklich aufkommen. Schwer atmend blieb ich stehen und sah in die Ferne. Und ganz unvermittelt durchflutete mich eine warme Welle der Dankbarkeit – ich freute mich, dass ich lebte” (S. 44).

MIKE SANDBOTHE

Die Titelstory von Jürgen Leinemann ist unter dem Titel “Der Tod, mein Lebensbegleiter” auf SPIEGEL-Online als Volltext zugänglich.

August 13th, 2009

freiheit@unendlich.welt (Der Spiegel, Nr. 33, 10.8.2009, S. 68-81)

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Ein gut informiertes und beweglich denkendes Autorenteam hat im SPIEGEL Nr. 33 einen intelligenten Coverbeitrag zum Thema “Netz ohne Gesetz. Warum das Internet neue Regeln braucht” (SPIEGEL-Titelseite) geschrieben.

Thomas Darnstädt (60), Frank Hornig (40), Martin U. Möller, Marcel Rosenbach (37) und Hilmar Schmundt (43) integrieren zentrale Elemente der aktuellen Internetdebatte und stellen sie in einen weltpolitischen Horizont: “Nur einer transnationalen Instanz kann es gelingen, Ordnung zu schaffen. Das Ziel: die globale Netzdemokratie” (S. 68).

Von nationalstaatlichen zu transnationalen Akteuren

Grundlegender Wandel in den medialen Strukturen einer Gesellschaft führt über kurz oder lang – das zeigt die Geschichte – auch zu grundlegenden Veränderungen in den politischen Systemen. Die Geschichte der modernen Demokratien war bisher eng verzahnt mit der Mediengeschichte des Buchdrucks und der Entwicklung der Nationalstaaten.

Die politisch zentrale Frage angesichts globaler Probleme wie der aktuellen Weltwirtschaftskrise und der langfristig wirkenden Klima- und Energiekrise lautet daher: Wie läßt sich das globale Medium Internet nutzen, um produktiv zur Entwicklung einer transnational organisierten Form von Demokratie beizutragen?

Ominöse Allianz

Ein besonderes Verdienst des Artikels von Darnstädt et.al. liegt darin, deutlich vor Augen zu führen, wie das Festhalten an den althergebrachten politischen Regelungsformen nationalstaatlicher Demokratien in der aktuellen Transformationssituation Gefahr läuft, das Gegenteil dessen zu erreichen, was intendiert ist.

In Deutschland – so die Autoren – “doktert eine ominöse Allianz aus Bundeskriminalamt und privaten Anbietern in einer Grauzone herum” (S. 73). Mit Blick auf den Vertrag zur Filterung von Kinderpornographie, den Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen in diesem Jahr auf den Weg gebracht hat, heißt es im SPIEGEL weiter:

“Erstmals in der Geschichte des Grundgesetzes würde gesetzlich eine Art Zensurbehörde eingerichtet” (S. 72).

Verfassungspolitische Konflikte ersten Ranges

Ein weiteres Beispiel des Autorenteams ist das Gesetz zur Neuregelung der Telekommunikationsüberwachung und anderer verdeckter Ermittlungsmaßnahmen. Es ist vor zwei Jahren von Innenminister Schäuble gegen großen öffentlichen Widerstand durch den Bundestag gebracht worden.

Mit diesem Gesetz verbunden sind sowohl die Pflicht von Internet- und Telefonprovidern zur “sogenannten Vorratsdatenspeicherung” (S. 71) als auch die Eröffnung von neuen Handlungsspielräumen, die das Bundeskriminalamt zur “heimlichen Online-Untersuchung” (S. 71) von privaten Computern erhalten hat.

Sowohl hinter von Leyens Vertrag als auch hinter Schäubles Gesetz verbergen sich – so die Autoren im Rekurs auf den Rechtssoziologen Gunther Teubner – “verfassungspolitische Konflikte ersten Ranges” (S. 71).

Zwietracht und Rechtsstreit

Weil nationalstaatliche Alleingänge zur gesetzlichen Kontrolle des globalen Mediums Internet schon von der Sache her eine Überforderung national organisierter Kontrollinstrumente darstellen, kommt es zu einer strukturellen Neigung der Akteure, die Macht des Staates über seine grundgesetzlich verankerten Grenzen hinaus zu erweitern. Das ist gefährlich für die Demokratie.

Zusätzlich verbinden sich mit diesem Vorgehen Phänomene der Desintegration des politischen Handlungssystems: “Zwietracht und Rechtsstreit: Das ist meist alles, was dabei herauskommt, wenn die Politik versucht, in die Netzwelt einzugreifen” (72). Das gilt jedenfalls für die nationalstaatlich organisierte Politik.

Eine Denkblockade durchbrechen

Wie aber könnte eine transnational organisierte Regelung der Internetkommunikation aussehen? Das ist die Gretchenfrage, der sich das SPIEGEL-Team im Schlussteil seines Artikels widmet.

Um die Frage überhaupt sinnvoll stellen und dann auch eine Antwort finden zu können, muss zunächst “eine Denkblockade durchbrochen werden: Recht und Ordnung ohne Staat scheinen bislang nicht vorstellbar” (S. 78). Dabei hilft den SPIEGEL-Autoren die New Yorker Soziologin Saskia Sassen.

Das Vakuum der transnationalen Politik

Sie sieht “den transnationalen Cyberspace als eines von mehreren Symptomen für die Entstehung einer neuen politischen Ordnung” (S. 80).

Das Vakuum transnationaler Politik wird derzeit nicht nur von globalen Wirtschafts- und Finanzunternehmen ausgefüllt, sondern auch von stärker demokratisch strukturierten Organisationen wie den NGOs (Greenpeace, Amnesty International u.a.), weltweit agierenden Instituten nach dem Muster der Weltgesundheitsorganisation oder völkerrechtlich ausgerichteten Instanzen wie dem Internationalen Strafgerichtshof.

Digitale Weltöffentlichkeit

Das Internet erscheint der Soziologin vor diesem Hintergrund als Medium einer “digitalen Weltöffentlichkeit” (S. 80). Es könne zuammen mit den erwähnten transnationalen Demokratie-Organisationen bei der Kontrolle “jener globalen Player” eine wichtige Rolle spielen, “die von den nationalen Demokratien nicht mehr zu beherrschen sind” (S. 80).

Daraus folgern die SPIEGEL-Autoren dann weiter: “Statt nationaler Räuber-und-Gendarm-Aktionen im Weltraum der Kommunikation braucht es ein postnationales Netzregime” (S. 80). Als weiteren Beleg zitieren sie die EU-Kommisarin Viviane Reding, die “erst kürzlich eine pluralistisch organisierte Weltaufsichtsbehörde über die gute Ordnung im Netz” (S. 81) gefordert hat.

ICANN als Welt-Netzgericht

Aber wie könnte eine “Lex digitalis” (S. 81), eine “Netzweltordnung” (S. 81) konkret aussehen? Zur Beantwortung dieser Frage stützen sich Darnstädt et. al. auf “die normative Kraft tatsächlicher Entwicklungen” (S. 81). Damit ist in diesem Fall die transnationale Regelungspraxis der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) gemeint.

Diese Behörde, die über die Vergabe von Internetadressen (Domains) entscheidet, wird von den SPIEGEL-Autoren als “eine Art Welt-Netzgericht” (S. 81) gesehen. Als Beispiel zitieren sie eine Entscheidung des Schiedsgremiums der ICANN, die sich auf die Praxis des Kaperns von Domain-Namen bezieht.

Recht ohne Staat

Darin machen die ICANN-Juristen ohne staatliche Autoritätsanrufung einen Vorschlag zur Grundlegung einer transnationalen Internetrechtsprechung: “Das Internet ist vor allem das Gerüst der globalen Kommunikation, und die Freiheit des Wortes sollte eine der Grundlagen des Internetrechts sein” (S. 81).

Etwas voreilig jedoch zieht das SPIEGEL-Team daraus den folgenden Schluss: “Recht ohne Staat: Möglicherweise ist das allmächtige Netz die erste globale Entscheidungsstruktur, die tatsächlich den internationalen Zirkus der von den Staaten angetriebenen Konsenssuche ersetzen kann” (S. 81).

Das glaube ich nicht.

Global Governance

Meines Erachtens könnte die von Saskia Sassen beschworene “kritische Öffentlichkeit der Netzbürger” (S. 80) eine wichtige Grundlage für die Entstehung eines demokratischen Staatenbündnisses werden. Dieses würde dann womöglich handlungsfähige transnationale Institutionen schaffen, in deren Rahmen so etwas wie “global governance” in denjenigen Feldern praktiziert würde , in denen es drängende Probleme gibt, die nur global zu lösen sind.

Die von den SPIEGEL-Autoren in den Blick genommene Weltmedienordnung des Internet wäre dann Teil bzw. Nebeneffekt von politischen Aktivitäten, in denen es u.a. um die globale Regulierung der Finanzmärkte und die Lösung der weltumspannenden Klima- und Ressourcenprobleme geht.

Eine weitere Denkblockade

Um diesen Schritt zu gehen, bedarf es der Auflösung einer weiteren Denkblockade. Sie wird von den SPIEGEL-Autoren leider nicht thematisiert und besteht in dem Utopie- oder Totalitarismusverdacht, der sich mit dem Gedanken eines pragmatisch funktionierenden Weltparlaments verbindet. Dieses könnte von der Weltbevölkerung gewählt und von VertreterInnen aller demokratischen Staaten werden.

Gelingt es den DemokratInnen weltweit, diese “weltbürgerliche” Denkblockade schrittweise aufzuheben, dann besteht kein Anlaß mehr, die Idee der “weltweit gleichberechtigen und diskriminierungsfreien Teilhabe” (S. 81), für die im SPIEGEL-Artikel die Domainbehörde ICANN steht, auf den virtuellen Raum zu beschränken.

Demokratie neu erfinden

Das bedeutet: Nicht nur die Organisaton von “Internetgovernance” ist “eine dringende Aufgabe”, die “auf den Club der guten alten Staaten” (S. 81) wartet. Das gleiche gilt für die Etablierung von “global governance” in einem weiten Sinn des Wortes, der virtuelle und reale Räume gleichermassen umfasst.

Desto eher sich die demokratischen Staaten dieser Aufgabe stellen, um so größer ist die Chance, dass Demokratie in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts nicht noch mehr zu einer Feigenblattveranstaltung global agierender Wirtschaftsunternehmen wird. Statt dessen käme es darauf an, sie im globalen Maßstab auf überzeugende, authentische und wirksame Weise neu zu erfinden.

Mike Sandbothe

Der Artikel von Thomas Darnstädt, Martin U. Müller, Marcel Rosenbach und Hilmar Schmundt ist unter dem Titel “freiheit@unendlich.welt” auf SPIEGEL-Online als Volltext zugänglich.

August 10th, 2009

Kinder der Angst (Der Spiegel, Nr. 32, 3.8.2009, S. 38-48)

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Die SPIEGEL-Redakteurin Kerstin Kullmann (30) plädiert “für mehr Gelassenheit in der Erziehung”(SPIEGEL-Titelseite).

Wie wenige Tage zuvor schon ihre ZEIT-Kollegin Tanja Stelzer (38) – vgl. den entsprechenden Mediary-Kommentar vom 4. August 2009 – diagnostiziert auch Kullmann in ihrer 10-seitigen SPIEGEL-Titelstory eine zunehmende Hilflosigkeit der aktuellen Elterngeneration.

Expertenwissen statt Eigenerfahrung

“Die neuen Eltern hören nicht mehr auf ihr Bauchgefühl. Sie misstrauen ihrem Instinkt. Mit Hilfe von Ratgebern und Ärzten überprüfen sie stattdessen, ob sie fachgerecht handeln” (S. 42).

Ähnlich wie Stelzer für die ZEIT befragte auch Kullmann für den SPIEGEL Ärzte, Historiker, Pädagogen und Therapeuten. Anders als diese jedoch recherchierte sie darüber hinaus “in Krabbelgruppen und Geburtsvorbereitungskursen, auf Spielplätzen und in Kinderkliniken” (SPIEGEL-Hausmitteilung, S. 3)

Sie praktizieren, was sie beklagen

Beide Autorinnen beklagen den Sachverhalt, dass in unserer Gesellschaft das Expertenwissen zunehmend an die Stelle der eigenen Erfahrung, die Autorität des fremden Kopfes zunehmend an die Stelle des eigenen Gefühls getreten sei.

Mein Eindruck bei der vergleichenden Lektüre der beiden Artikel: Die zwei journalistischen Profis praktizieren über weite Strecken genau das, was sie beklagen.

Die neuen Journalistinnen hören nicht mehr auf ihr Bauchgefühl

Oder in freier Anlehung an Kullmann (und daher begrifflich etwas überpointiert) formuliert:

Die neuen Journalistinnen hören nicht mehr auf ihr Bauchgefühl. Sie misstrauen ihrem Instinkt. Mit Hilfe von Expertengesprächen und Spielplatzrecherchen überprüfen sie stattdessen, ob sie fachgerecht publizieren.

Muttererfahrungen

Während Stelzer in der ZEIT immerhin an zwei Stellen ihres Artikels auf ihre eigenen Lebenserfahrungen als Mutter Bezug nimmt, findet sich in dem SPIEGEL-Beitrag von Kullmann keinerlei Referenz auf ihre persönlichen Erfahrungen.

Den einzigen Bezug auf die Mutterschaft der Autorin stellt die SPIEGEL-”Hausmitteilung” her. Diese ist als vertiefender Wegweiser dem Inhaltsverzeichnis des SPIEGEL vorangestellt, hat also einen sehr prominenten Platz im Blatt.

Das Geschrei hört irgendwann von allein auf

Dort wird berichtet, dass “Kullmann, Mutter eines Zweijährigen (…) für manche überforderte Eltern (…) sogar selbst zur Beraterin wurde.”

Dazu wird Kullmann im O-Ton zitiert: “Als mich eine Mutter fragte, ob Fencheltee ihren brüllenden Säugling wirklich beruhige, konnte ich nur sagen: ‘Das Geschrei hört irgendwann von allein auf.’ Das stand in keinem Buch, aber sie war damit hochzufrieden” (S. 3).

Schwarze Pädagogik

Tatsächlich steht so etwas heute in keinem guten Buch mehr.

Aber in Zeiten der schwarzen Pädagogik gehörte es durchaus zum Repertoire der Ratgeberliteratur, dass Kinder sich ausschreien müssen und es daher wichtig ist, dass die Mutter möglichst früh eine emotionale und räumliche Distanz zu ihrem Baby aufbaut.

Was Kullmann als ihr Bauchgefühl empfindet, ist vermutlich das Produkt eines Ratgeberwissens, das durch praktische Umsetzung über Generationen hinweg zur Erfahrung geronnen ist und heute mit gutem Recht als veraltet gilt.

Gedanken machen Bauchschmerzen

Damit bin ich bei einem begrifflichen Grundproblem von Kullmanns Artikel. Ihr Vokabular ist von der polaren Gegenüberstellung zwischen Bauch und Kopf, Gefühl und Gedanke, Erfahrung und Wissen geprägt. Dieser abstrakte Gegensatz ist alles andere als erfahrungsgesättigt.

Wenn wir einmal in uns selbst hineinspüren, stellen wir fest, dass Kopf und Bauch im Regelfall eng miteinander verbunden sind. Bestimmte Gedanken machen mir Bauchschmerzen. Und wenn ich hungrig bin, habe ich andere Gedanken als wenn ich satt bin, wenn mir übel ist, andere als wenn ich mich wohl fühle.

Das Nullgefühl

Das gleiche gilt für das Verhältnis von Gefühl und Gedanke. Kein Gedanke, der nicht auch mit einem Gefühl verbunden wäre.

Selbst die Bedeutung eines so abstrakten Gedankenzeichens wie “0″ oder “1″ löst emotionale Assoziationen in uns aus. Beim Zahlzeichen “0″ assoziere ich zum Beispiel das Gefühl von Mangel, von Leere, von Stillstand, aber auch von Neubeginn.

Freude als Freude und Wut als Wut

Und andersherum ist es so, dass die meisten Gefühle nicht gedankenlos sind.

Denn schon in dem Moment, in dem ich meine Freude als Freude oder meine Wut als Wut identifiziere, bringe ich diffuse Empfindungen auf einen Begriff.

Man könnte sogar sagen, dass ein in aller Tiefe als es selbst empfundenes Gefühl immer auch eine ganzheitliche Beteiligung meines Denkens im Fühlen voraussetzt.

Wissens- statt Erfahrungsgesellschaft

Ähnlich ist es um das Verhältnis von Erfahrung und Wissen bestellt. Erfahrung ohne Wissen ist blind, Wissen ohne Erfahrung leer.

Andreas Rödder, Professor für Neuere Geschichte an der Uni Mainz, hat Kullmann in einem Expertengespräch wissen lassen: “Die Eltern geben nichts mehr auf ihre eigenen Erfahrungen. Gar nichts. Auch ohne Kind – aber besonders mit. Der Wert unserer Erfahrungen sinkt. Wir sind eine Wissens- und keine Erfahrungsgesellschaft mehr” (S. 42).

Probleme mit dem Vokabular

Auch der Geschichtswissenschaftler hat offensichtlich seine Probleme mit dem Vokabular.

Einerseits formuliert er vorsichtig und in Graden: “Der Wert unserer Erfahrungen sinkt.” – Das ist verständlich. Denn wir befinden uns mitten in einem Prozess globaler Transformation, der Kultur, Medien, Politik und Wirtschaft umfasst.

Andererseits neigt auch Rödder zur begrifflichen Polarisierung: “Die Eltern geben nichts mehr auf ihre eigenen Erfahrungen. Gar nichts.” – Das ist fraglos überspitzt. Ein Mensch, der nichts mehr auf seine eigenen Erfahrunge geben würde, wäre vermutlich nicht lebensfähig. Und Wissen, das nicht auf Erfahrungen beruht, ist kein Wissen.

Die Mischung macht’s

Gerade in Phasen historischer Transformation ist es sinnvoll und hilfreich, das Verhältnis von Bauch und Kopf, Gefühl und Gedanke, Erfahrung und Wissen nicht immer nur in der strengen Logik des “Entweder-Oder”, sondern auch einmal im entspannten Vokabular des “Sowohl-Als-Auch” zu formulieren.

Abstrakte Wesensfragen nach dem Muster “Ist das Erfahrung oder Wissen?” lassen sich so in liberalere Fragen nach Graden und Mischungsverhältnissen umformulieren: “Wieviel Erfahrung mischt sich mit wieviel Wissen?

Die Elternschaft meiner Eltern

Wenn ich auf mich selbst als werdenden Vater schaue, stelle ich fest, dass bei mir tatsächlich das Verhältnis von Erfahrung und Wissen ein anderes ist als noch bei meinen Eltern.

Natürlich haben auch meine Eltern schon Erziehungsratgeber gelesen. Aber es gab noch kein Fernsehen und kein Internet. Der Wissensanteil meines sich entwickelnden Vatergefühls ist fraglos höher als er es bei meinem Vater war als ich 1961 geboren wurde.

Kullmanns relatives Recht

In dieser Veränderung der Mischungsverhältnisse liegt das relative Recht von Kullmanns Artikel.

Aber muss diese graduelle Verschiebung tatsächlich dazu führen, dass Eltern – wie Kullmann unterstellt – “aufhören, ihren gesunden Menschenverstand zu benutzen?” (S. 42)

Bescheidwisserei unter Deutschlands Eltern

Schärfer formuliert: Ist es angesichts der aktuellen Transformationsdynamik angemessen, sich über zunehmende “Bescheidwisserei unter Deutschlands Eltern” (S. 42) zu beklagen?

Mehr noch: Ist es angemessen, sich über Lisa Mohr (23) lustig zu machen, die “einen Zahnpflege-, einen Ernährungs- und einen Babykochkurs” (S. 42) besucht, obwohl – wie Kullmann bissig bemerkt – “ihre Tochter weder Zähne im Mund noch jemals Brei gegessen hat”?

Anti-Ratgeber als höchste Autorität

Worauf will die Autorin eigentlich hinaus? Interessanterweise zieht sie ihr Fazit mithilfe desselben “Anti-Ratgebers” (S. 47), der auch schon in Stelzers ZEIT-Artikel als höchste Autorität auftrat.

Remo Largo hat als Arzt und Professor 35 Jahre lang die Abteilung Wachstum und Entwicklung des Zürcher Kinderspitals geleitet. In der begrifflichen Welt von Kullmann steht er deshalb für den Pol der Erfahrung.

Man kann gar nichts machen

Largos Leitsätze lauten: “Nichts kann das Kind in seiner Entwicklung beschleunigen. Und nichts kann das Kind in seiner Entwicklung verbessern” (S. 47). In Kullmanns Reformulierung wird daraus: “Alles wird gut. Man muss gar nichts machen. Man kann gar nichts machen” (S. 47).

Das erscheint mir wie eine Überreaktion auf das von Kullmann zurecht kritisierte “Rattenrennen ums Superkind” (S. 47). Die beste Alternative zur Selbstüberforderung ist nicht notwendig die Resignation. Insgeheim weiß die Autorin und Mutter das auch selbst.

Emotionalität, Stabilität, bedingungslose Zuwendung

Denn obwohl der bereits zitierte Historiker Andreas Rödder meint: “Emotionalität, Stabilität, bedingungslose Zuwendung. Alles überhaupt nicht mehr zeitgemäß” (S. 42f). So gilt laut Kullmann doch: “Väter und Mütter müssen diese Werte verteidigen in einer Gesellschaft, in der sie schnell als gefühlsduselig und verbohrt gelten” (S. 43).

Ich hätte mich gefreut, wenn die Autorin von dieser Einsicht in ihrem Artikel mehr Gebrauch gemacht hätte.

Eine demokratische Balance

Sowohl Kerstin Kullmanns SPIEGEL-Titelstory als auch die ZEIT-Covergeschichte von Tanja Stelzer zeigen, wie schwer es ist eine demokratische Balance zu finden zwischen den professionellen Standards journalistischer Magazinarbeit und dem Erfahrungswissen eigener Elternschaft.

Zukünftige Autorinnen und Autoren können aus beiden Texten sicherlich vieles lernen. Im Guten wie im Schlechten.

Mike Sandbothe

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Der Artikel von Kerstin Kullmann ist unter dem Titel “Kinder der Angst” als Volltext auf SPIEGEL-Online zugänglich.

February 24th, 2009

“Der Körper vergisst nicht” (Der Spiegel, Nr. 9/2009, 21.2.09, S. 46-48)

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Die beiden Spiegel-RedakteurInnen Ulrike Demmer und Alfred Weinzierl interviewen den Leiter der Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik der Psychiatrischen Universitätsklinik München, Professor Dr. Michael Ermann (65). Thema: die seelischen Spätfolgen (Traumatisierungen), die bei Menschen auftreten, die zur Zeit des Zweiten Weltkrieges im Kindesalter waren. Damit verbunden die Frage nach den Folgen, die sich darüber hinaus auch noch bei den “Kinder[n] der Kriegskinder” (S. 48) finden. Damit ist die Generation derjenigen gemeint, die jetzt zwischen 30 und 50 Jahre alt sind und deren Eltern im Krieg aufwuchsen.

Hart wie Krupp-Stahl

Fraglos ein wichtiges, aber (trotz Alice Miller) noch immer etwas unterbelichtetes Thema! Bei der Lektüre ist mir vor allem die latente Aggressivität und eigenartige Gefühlslosigkeit (Unachtsamkeit) einiger Fragen aufgefallen, die Demmer und Weinzierl Ermann stellen. Diese Eigenschaften lassen sich meines Erachtens nicht allein durch die professionalisierte Polemik erklären, die für eine bestimmte Form von journalistischer Rhetorik im “Spiegel” manchmal (aber zum Glück nicht immer) charakteristisch ist. Hier ein paar Beispiele:

1) “Sie wollen behaupten, dass Babys und Kleinkinder von solchen Kriegsgeschehnissen nachhaltig beeinflusst werden?”
2) “Wie hoch ist denn unter den Kriegskindern der Anteil derer, die ein Trauma mit sich herumschleppen?”
3)”Hart wie Krupp-Stahl, zäh wie Leder – nach diesen Leitbildern sind viele Kriegskinder erzogen worden. Ist es derart von Verdrängung geprägten Menschen überhaupt möglich, sich später mit dem eigenen Seelenleben auseinanderzusetzen?”
4)”Was ist daran [,dass die Mütter im Krieg ihre Söhne zum Familienoberhaupt und ihre Töchter zur Vertrauten und Freundin gemacht haben - M.S.] so schlimm? Stärken solche Erfahrungen nicht die Persönlichkeit?”
5)”Wann werden die Deutschen das Trauma denn endlich überwunden haben?”
6) “Eltern geben ihre traumatischen Erfahrungen als Kriegskind über die Erziehung weiter?”
7) “Die Kriegskinder sind heute 64 Jahre oder älter. Ist es für sie überhaupt noch sinnvoll, sich mit den Erlebnissen von einst zu beschäftigen?”

Nimmt man die letzte Frage und die Fragen 3-5 gemeinsam in den Blick, fällt auf, dass die beiden JournalistInnen darin versuchen, gewissermaßen stellvertretend für die Kriegskinder (und vermutlich als Mitglieder der Kriegsenkelgeneration) die Sache herunter zu spielen. Die Fragen 3 und 7 folgen dem gleichen (etwas perfiden) Schema einer Relativierung durch Überhöhung: Sind die entstandenen Traumatisierungen nicht so groß bzw. die Traumatisierten schon so alt, dass eine Befassung mit den Traumen sinnlos und überflüssig ist? Die Fragen 4 und 5 realisieren eine andere Verdrängungsstrategie. In Nr. 4 versuchen die JournalistInnen den Traumatisierungen ihren traumatischen Charakter abzusprechen und in Nr. 5 beschwören sie die Hoffnung auf eine schnelle Überwindung der Traumen.

Zusammengefasst haben die JournalistInnen also die folgenden “polemischen” Fragen gestellt: Kann es nicht sein, dass die Traumen einfach zu groß waren, um sie überhaupt wahrnehmen zu können? Oder kann es nicht sein, dass die Traumatisierten längst zu alt sind, um sich damit noch sinnvoll zu beschäftigen? Oder waren die Traumen vielleicht gar keine Traumen und alles war nur halb so schlimm oder sogar hilfreich für die Ausbildung der Persönlichkeit? Und wenn es doch Traumen gibt, kann man die nicht irgendwie schnell überwinden?

Vor diesem Hintergrund erscheinen die Fragen 1,2 und 6 in einem veränderten Licht. In den Fragen 1 und 6 tritt eine gespielte Naivität zutage, die sich manchmal wie Ignoranz anfühlt, vermutlich aber mit dem Wunsch nach Aufrechterhaltung der Verdrängung zu tun hat. Das wollen Sie wirklich behaupten? Dass es Kindern nicht gut getan hat, im Krieg aufzuwachsen! Das wollen Sie behaupten? Und dann meinen Sie auch noch ernsthaft, dass diese Kriegskinder ihre Traumen an ihre eigenen Kinder über die Erziehung weiter gegeben haben? Das kann doch wohl nicht wahr sein, dass Sie das behaupten wollen!

Göttliche Klima-Affen

Natürlich ist es sinnvoll in einem Interview kritisch zu sein und grundlegende Fragen zu stellen. Aber dabei gibt es Gradunterschiede, Argumentationsanforderungen und Kontextsensibilitäten: Wie sinnvoll wäre es zum Beispiel, heute noch einen Evolutionsbiologen verwundert zu fragen, ob er wirklich glaubt, dass wir vom Affen abstammen (und nicht von Gott geschaffen wurden)? Wie sinnvoll wäre es, eine Klimaforscherin scheinbar irritiert zu fragen, ob sie wirklich meint, dass “global warming” ein wissenschaftliches Faktum ist (und nicht eine Medienerfindung)?

Wenn man als WissenschaftsjournalistIn den Stand einer Wissenschaft kennt, operiert man im Normalfall auf der Basis eines anerkannten Konsenses und versucht den LeserInnen die Bedeutung dieses Konsenses für ihr Alltagsleben in einfachen Worten zu erläutern. Dabei lassen sich durchaus kritische Detailfragen stellen. Aber wenn man darüber hinaus Grundlagenkritik üben möchte – also den anerkannten Wissensstand selbst in Frage stellen will! – sollte es dafür gute Gründe geben, die mit zu thematisieren sind. Solche Gründe nennen Demmer und Weinzierl jedoch nicht. Sie polemisieren nur.

Als Beispiel für eine wissenschaftsjournalistische Detailfrage, die den Wissensbestand der Traumatisierung grundsätzlich anerkennt und auf dieser Basis dann genauer nachfragt, darf die Frage Nr. 2 gelten. Sie lautet: “Wie hoch ist denn unter den Kriegskindern der Anteil derer, die ein Trauma mit sich herumschleppen?” Aber auch hier klingt das Verdrängungsinteresse der JournalistInnen durch. Und zwar in dem provozierenden und sogar ein wenig demütigenden Wort “herumschleppen”.

Wenn man sich die psychischen Schrecken und physischen Qualen vergegenwärtigt, mit denen Kriegskinder und Kriegsenkel umzugehen haben, tritt in dieser Formulierung ein Mangel an Respekt gegenüber dem Leiden der Betroffenen hervor. Ein äußerlicher Mangel an Respekt, in dem sich vielleicht sogar ein innerer Mangel an Akzeptanz angesichts des eigenen Schicksals spiegelt, durch das die beiden JournalistInnen möglicherweise ihrerseits gezeichnet sind, sofern sie selbst zur Generation der deutschen KriegsenkelInnen gehören sollten.

Fremd im eigenen Leben

Über das Alter der beiden Interviewenden (oder gar ihren Lebensweg) erfährt man im Artikel (und in anderen herangezogenen Quellen) nichts; während das Alter und der Lebensweg des Interviewten mehrfach erwähnt und immer wieder argumentativ ins Gespräch einbezogen werden. Das spricht für die psychische Offenheit des Psychologieprofessors, der sogar seine eigene Berufswahl mit traumatischen Erfahrungen in Zusammenhang bringt, die er selbst als Kind im Krieg machen musste.

Zur Verteidigung der “journalistischen” Fragetechniken kann man anführen, dass die beiden FragenstellerInnen mit ihrer Respekt- und Gefühlslosigkeit (gegenüber anderen und gegenüber sich selbst) schlicht und einfach dem Common Sense entsprechen. Die polemischen Verdrängungsverfahren, die Demmer und Weinzierl bewußt oder unbewußt einsetzen, erscheinen dann als repräsentativ für diejenigen Gewohnheiten, die sich bei vielen Betroffenen im Umgang mit dem Thema eingeschliffen haben und von Ermann untersucht werden.

Mit Blick auf die Kriegskinder schreibt der Münchner Psychologe: “Heute, als Erwachsene, haben diese Menschen Schwierigkeiten, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, das eigene Leid überhaupt zu erkennen” (S. 47). Und in Bezug auf die Kriegsenkel fährt er fort: “Die Kinder der Kriegskinder fühlen sich oft genauso fremd im eigenen Leben wie ihre Eltern und nehmen den eigenen Kummer, die eigenen Bedürfnisse nicht ernst” (S. 48).

Medien-Therapie?

Damit komme ich zuguterletzt auf eine medienphilosophische Frage zu sprechen. Dürfen oder sollen Medien therapeutisch sein? Sollen sie den Menschen helfen, sich selbst mehr zu achten und zu spüren, respektvoller mit sich und anderen umzugehen und in the long run vielleicht sogar ein glücklicheres Leben zu führen? Oder sind Medien nur dazu da, den Status quo, die aktuelle Situation möglichst wahrheitsgetreu wiederzugeben? Reine Beschreibung der Verhältnisse oder Therapie und Veränderung der Wirklichkeit? Was ist die Aufgabe von Medien heute?

Meines Erachtens sind wir im 21. Jahrhundert auf dem Weg zu einem “pragmatistischen” Medienverständnis. Damit ist eine Praxis gemeint, in deren Rahmen Bild, Sprache, Schrift, Musik, Fernsehen, Radio, Presse und Internet zunehmend bewußter für die schrittweise Verbesserung demokratischer Lebensverhältnisse eingesetzt werden.

Desto globaler das Mediensystem sich entwickelt, um so zentraler wird seine demokratische Bildungsfunktion. Die drei großen globalen Krisen, die wir gegenwärtig erleben – die Finanz-, die Energie- und die Klimakrise – tragen mit dazu bei, dass immer mehr MedienunternehmerInnen einsehen, dass kurzfristige ökonomische Wachstums-Imperative allein die weltweite Zukunft der Demokratie nicht sichern können.

Im “Spiegel” schlägt sich dieser Prozess ebenfalls nieder. Das gilt zumindest teilweise auch für den hier von mir kommentierten Artikel. So fordert Ermann am Ende des Gesprächs dazu auf: “Man sollte versuchen, eine ‘positive Kriegskindheitsidentität’ zu entwickeln. Dazu ist es nie zu spät.” Das gilt vermutlich auch für die beiden JournalistInnen. Immerhin haben sie Ermann das letzte Wort gegeben, seine Message öffentlich gemacht und sich bei ihm freundlich bedankt. Weiter so!

Mike Sandbothe

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Das Spiegel-Interview von Ulrike Demmer und Alfred Weinzierl ist als Volltext unter dem Titel “Der Körper vergisst nicht. Der Münchner Psychoanalytiker Michael Ermann im Gespräch (…)” auf Spiegel-Online zugänglich. Ein älteres Spiegel-Gespräch zum selben Thema und mit fast dem gleichen Aufmacher findet sich hier: “Der Körper vergisst nichts. Trauma-Therapeutin Luise Reddemann über die Spätfolgen von Kriegserlebnissen