Alice Miller ist gestorben. Wie wird nachgerufen?
Wofür und wogegen Alice Miller gekämpft hat und wie erfolgreich sie dabei in the long run war, lässt sich an den Nachrufen zeigen, die in diesen Tagen aus Anlass ihres Todes erschienen sind.
Zwischen Freud und Oprah
In seinem Nachruf in der New York Times beschreibt William Grimes Alice Miller als “missing link zwischen Freud und Oprah” (William Grimes, Alice Miller, Psychoanalyst, Dies At 87, New York Times, 26.4.2010).
Diese im ersten Moment etwas überraschende Einordnung geht zurück auf eine Buchbesprechung, die 2002 in der New York Times Book Review zu Millers Buch Evas Erwachen (englischer Titel: The Truth Will Set You Free) erschienen ist.
Nutzerfreundlich
Die Autorin dieser Besprechung, Daphne Merkin, begründet ihre provozierende Freud-Miller-Winfrey-Genealogie mit einem guten Argument.
Alice Miller, so die Rezensentin, sei es gelungen, “die subtilen Gefährdungen der emotionalen Entwicklung aus den abgekapselten Praxisbüros der Therapeuten in einen größeren, nutzer-freundlichen Kontext zu bringen” (Daphne Merkin, “If Only Hitler’s Father Had Been Nicer“, in: The New York Times Book Review, 27.1.2002).
Kulturtherapie
Da ist was dran.
Tatsächlich haben die 13 Bücher von Alice Miller und ihre Webseite www.alice-miller.com einen weit über den akademisch-therapeutischen Bereich hinausgehenden Einfluss erlangt.
Miller hat Kulturtherapie betrieben. Und zwar in 30 Sprachen. Sie war weltweit überaus erfolgreich.
Gefährliches Terrain
Zugleich hat sie sich damit viele Feinde gemacht.
Wer das öffentliche Medium des Buches in großen Auflagen nutzt, um Menschen bei der Heilung ihrer privaten Kindheitstraumen zu helfen und dabei zugleich an einer heilsamen Transformation der kulturellen Öffentlichkeit arbeitet, begibt sich auf ein gefährliches Terrain.
Was ich damit meine, zeigt sich in den Nachrufen von FAZ und SPIEGEL.
Deutungsmonismus und fehlende Selbstanwendung
Christian Geyer unterstellt Miller einen “Deutungsmonismus, der an Wahn grenzt” (Christian Geyer, Misshandlung überall, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.4..2010).
Philipp Oehmke und Elke Schmitter werfen ihr vor, “dass sie ihr eigenes Instrumentarium auf das größte Trauma ihres Lebens nicht anwenden konnte” (”Mein Vater, ja, diesbezüglich“, Interview mit Martin Miller, Sohn der verstorbenen Autorin Alice Miller, in: DER SPIEGEL, Nr. 18, 3.5.2010, S. 140).
Literatur und Philosophie als Symptome
Was meint Geyer mit “Deutungsmonismus”? Hier seine Erläuterung:
“Einwände, dass man doch nicht gegen die Lebensberichte Kinderleid unterstellen dürfe, parierte Miller mit dem Hinweis, das Leid sei immer dort am schlimmsten, wo es abgespalten, verdrängt und also heute nicht mehr erinnert werde. Der Gesunde ist demnach unter den Kranken derjenige, der am schlimmsten dran ist. Wer sein frühes Leid bestreite, fliehe vor ihm. Und diese Flucht finde ihren Ausdruck in Formen der Selbstentfremdung, die sich unter anderem als Philosophie oder Literatur tarnten.”
Ungeschminkt totalitär?
Das genau ist der heikle Punkt. Miller hat grosse Teile von Kunst, Literatur und Philosophie als Symptome gelesen und sich demgegenüber für heilende Formen von Kultur ausgesprochen.
Geyer nimmt ihr das übel und folgert: “Von diesem Punkt an nimmt der Pathologiezusammenhang, den Miller behauptet, einen ungeschminkt totalitären Zug an.”
Millers Trauma
Ähnlich in der Zielrichtung, aber in der Strategie ganz anders: die SPIEGEL-AutorInnen. Sie nehmen sich Millers Sohn vor.
Und der gibt zu: “Was meiner Mutter zugestoßen ist, hat sie nie richtig erzählt” (DER SPIEGEL, Nr. 18, 3.5.2010, S. 140)
Vom Vater geschlagen
Damit aber nicht genug.
SPIEGEL-ONLINE bringt die Quintessenz des Gesprächs, das Oehmke und Schmitter mit Martin Miller geführt haben, schon einen Tag vor Erscheinen des Blatts wie folgt auf den Begriff: “Sohn von Alice Miller wurde vom Vater geschlagen” (SPIEGEL-ONLINE, 2.5.2010).
Das ist Bildzeitungsniveau.
Was treibt die JournalistInnen?
Was treibt die JournalistInnen von SPIEGEL und FAZ so mit der verstorbenen Autorin umzugehen?
Oehmke und Schmitter sind scheinbar eigens nach Zürich gereist, um Millers Sohn nach dem Tod der Mutter die privaten Lebensgeheimnisse zu entlocken.
Kultivieren statt therapieren
Und Geyer wusste es schon vorher:
“Alice Miller gehörte zu den bewundernswert Besessenen. Ihre Antriebskraft verdankte sich einer lebenslangen Verstörung, die sie als Quelle ihrer Produktivität nicht etwa therapieren, sondern kultivieren wollte” (Misshandlung überall, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.4.2010).
Millers polnische Kindheit
Alice Miller wurde 1923 unter ihrem Mädchennamen Alicja Rostowska in Lemberg (damals Polen) als Tochter jüdischer Eltern geboren.
Über die von Geyer sogenannte “lebenslage Verstörung” weiss Millers erste amerikanische Lektorin, Jane Isay, in der Huffington Post folgendes zu berichten:
Aus dem Warschauer Ghetto geschmuggelt
“Ihre Familie lebte in Warschau und wurde ins Ghetto gebracht als die Deutschen kamen. Die Tochter wurde aus dem Ghetto herausgeschmuggelt und lebte unter falschem Namen bei einer christlichen Familie als öffentliche Christin und geheime Jüdin. In manchen Nächten ist sie in das Ghetto zurückgeschlichen und hat ihrer Familie Lebensmittel gebracht. Aber sie konnte ihre Familie nicht retten” (Jane Isay, How I Found Alice Miller, And Lost Her, Huffington Post, 28.4.2010
Als Kind missbraucht
William Grimes weist in der New York Times darauf hin, dass Miller in ihrem semi-autobiographischen Buch Das verbannte Wissen (1988) enthüllte, “dass sie als Kind missbraucht wurde und dies mit Hilfe des spontanen Malens entdeckt habe” (William Grimes, Alice Miller, Psychoanalyst, Dies At 87, New York Times, 26.4.2010).
Ihre erste Sammlung von therapeutischen Aquarellen hat Alice Miller 1985 unter dem Titel Bilder einer Kindheit veröffentlicht. Die zweite folgte 2006 unter dem Titel Bilder meines Lebens.
Das spontane Malen
Miller hat in ihrem Leben eine Vielzahl unterschiedlicher Therapien bei unterschiedlichen TherapeutInnen absolviert.
Erst das spontane Malen hat ihr geholfen, ihre eigenen Traumen zu artikulieren. Einen Einblick in diesen Prozess geben die beiden Bücher.
Standards des seriösen Journalismus
Warum haben Geyer, Oehmke und Schmitter diese Sachverhalte übersehen bzw. aussen vor gelassen?
Welche Gründe gibt es dafür, dass manche JournalistInnen sich offensichtlich bis heute derart an Alice Miller reiben, dass sie die Standards des von ihnen sonst gepflegten seriösen Journalismus auf irritierende Weise ausser Kraft setzen?
Nur wenige nicht traumatisiert
An Geyers Totalitarismusvorwurf ist ein Quäntchen Wahrheit.
Es stimmt, dass Miller der Ansicht war, dass es nur wenige Menschen auf diesem Planeten gibt, die in ihrer Kindheit nicht auf diese oder jene Art traumatisiert wurden.
Unbewusste Opfer und bewusste Überlebende
In ihrem Buch Abbruch der Schweigemauer (2003) schreibt sie:
“Die Grenze in der Bevölkerung verläuft eigentlich nicht mehr zwischen einst mißhandelten und nicht mißhandelten Menschen (weil die meisten von uns noch im System von Strafen aufgewachsen sind), sondern eher zwischen den unbewußten ehemaligen Opfern und den bewußten Überlebenden der sogenannten ‘erzieherischen’ Gewalt.” (S. 11).
Mangel an authentischer Liebe
Unter “Misshandlung” versteht Miller nicht nur sexuelle oder physische Gewalt, sondern auch alle Formen seelischer Grausamkeit bzw. Demütigung.
Als Basisphänomen sieht sie dabei den Sachverhalt, dass das Kind nicht die authentische Liebe von den Eltern bekommt, die es als der kleine Mensch, der es ist, in seinem schlichten Sein verdient hätte.
Narzisstische Aufmerksamkeitsökonomie
Das Drama des begabten Kindes besteht vor diesem Hintergrund darin, dass es versucht, sich die Liebe, die es nicht auf einfache und authentische Weise erfahren durfte, nachträglich und kompensatorisch durch besondere Leistungen zu verdienen.
Das ist der psychologische Ursprung dessen, was in der Mediengesellschaft als narzisstische Aufmerksamkeitsökonomie Gestalt gewinnt.
JournalistInnen entscheiden
JournalistInnen sind Menschen, die nicht selbst in den Fokus medialer Aufmerksamkeit treten. Aber sie entscheiden, wer wann welche kompensatorische Aufmerksamkeitsliebe durch die Medien erhält.
Insofern leben sie von dem, was Miller aufzulösen und zu heilen versuchte.
Die Schutzpatronin
Alice Miller hat immer viel Wert gelegt auf den Unterschied zwischen Erziehung und Therapie auf der einen Seite und Begleitung sowie Zeugenschaft auf der anderen.
Die Mehrzahl der Nachrufe begleiten das Publikum im Prozess des Abschiednehmens von einer grossen Autorin: “Alice Miller – Die Schutzpatronin“. Sie legen Zeugenschaft ab von einem erfüllten und für viele Menschen lebensrettenden Werk: “Der Mut, den Apfel zu essen“.
In Liebe
Andere versuchen, Miller im Tod noch zu erziehen.
Ihnen würde es sicherlich gut tun, Millers Werke mit Respekt zu lesen und sich auf sich selbst zu besinnen. In Liebe.