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	<title>Mike&#039;s Media Diary</title>
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	<description>Mediary.org ist ein metajournalistisches Blog des Medienphilosophen Mike Sandbothe.</description>
	<lastBuildDate>Sat, 21 Aug 2010 05:22:28 +0000</lastBuildDate>
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		<title>&#8220;Tiere sind auch nur Menschen&#8221; und &#8220;Donnerstags kein Fleisch&#8221; (Die Zeit, Nr. 33, 12.8.2010, S. 41-43)</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Aug 2010 09:00:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mike</dc:creator>
				<category><![CDATA[Die Zeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Bestseller des amerikanischen Schrifstellers Jonathan Safran Foer &#8220;Tiere essen&#8216;&#8221; ist seit Mitte August in deutscher Sprache erhältlich.
Die ZEIT-Autorin Hilal Sezgin hat den Autor interviewt, und die ZEIT-Redakteurin Iris Radisch hat das von Foer überaus pragmatisch behandelte Thema moralphilosophisch zugespitzt:
&#8220;Wer darf wen töten und warum?&#8221; (DIE ZEIT, &#8220;Tiere sind auch nur Menschen&#8221;, S. 41).
Vegetarier in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Bestseller des amerikanischen Schrifstellers Jonathan Safran Foer &#8220;<a href="http://www.kiwi-verlag.de/560-0-buchtrailer-jonathan-safran-foer-tiere-essen.htm" target="_blank">Tiere essen</a>&#8216;&#8221; ist seit Mitte August in deutscher Sprache erhältlich.</p>
<p>Die ZEIT-Autorin Hilal Sezgin hat den Autor interviewt, und die ZEIT-Redakteurin Iris Radisch hat das von Foer überaus pragmatisch behandelte Thema moralphilosophisch zugespitzt:</p>
<p>&#8220;Wer darf wen töten und warum?&#8221; (DIE ZEIT, &#8220;<a href="http://www.zeit.de/2010/33/Vegetarismus-Essay" target="_blank">Tiere sind auch nur Mensche</a>n&#8221;, S. 41).</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Vegetarier in Theorie und Praxis</strong></p>
<p>In der Theorie bin ich schon seit Jahrzehnten Vegetarier. Aber in der Praxis erst seit anderthalb Jahren.</p>
<p>Das verbindet mich mit Foer.</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Gefahrlos vegetarisch?</strong></p>
<p>Bei ihm war es die Geburt seines ersten Sohnes, die ihn vor vier Jahren dazu veranlasst hat, über Fleischessen nachzudenken:</p>
<p>&#8220;Ich wollte wissen, ob man ein Kind gefahrlos vegetarisch aufziehen kann&#8221; (DIE ZEIT, &#8220;<a href="http://www.zeit.de/2010/33/Vegetarismus-Interview" target="_blank">Donnerstags kein Fleisch</a>&#8220;, S. 43).</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Unfähigkeit, Tiere zu essen</strong></p>
<p>Anders Radisch.</p>
<p>In ihrer Familie gibt es eine &#8220;seit Generationen verbreitete Unfähigkeit, Tiere zu essen&#8221; (DIE ZEIT, S. 41).</p>
<p>Für sie hat das Thema eine andere Tiefe.</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Die alte Philosophenfrage</strong></p>
<p>Das ist vermutlich einer der Gründe dafür, dass ihre ZEIT-Titelstory fokussiert bleibt auf die alte Philosophenfrage nach &#8220;unserem Recht, Tiere zu töten, um sie zu essen&#8221; (DIE ZEIT, S. 41).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Vegetarier-Pragmatismus</strong></p>
<p>Aus der Sicht von Foer &#8220;lenken solche Diskussionen ab&#8221; (DIE ZEIT, S. 43). Ihm geht es nicht ums Grundsätzliche, sondern um die Details.</p>
<p>Wie können wir tiergerechter töten? Wie können wir es schaffen, mit weniger Fleisch auszukommen?</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Ethisch unbedenkliches Fleisch</strong></p>
<p>Über den von Foer repräsentierten Typus des entspannten &#8220;Wohlfühlvegetariers&#8221; (DIE ZEIT, S. 42) schreibt Radisch:</p>
<p>&#8220;Für ihn gibt es, was für mich undenkbar ist: &#8216;ethisch unbedenkliches Fleisch&#8217; (DIE ZEIT, S. 42)</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Ohne moralische Empörung</strong></p>
<p>Das griechische Wort &#8220;ethos&#8221; bedeutet &#8220;Gewohnheit, Sitte, Brauch, Haltung, Charakter&#8221;.</p>
<p>Insofern lässt es sich auch ohne das Moment der moralischen Empörung verwenden, auf das Radisch zielt.</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Die Welt besser machen</strong></p>
<p>Und genau das tut der in Princeton ausgebildete Schriftsteller und Philosoph Jonathan Safran Foer.</p>
<p>Ihm geht es nicht darum, &#8220;ethisch rein zu sein&#8221; (DIE ZEIT, S. 43). Er will einfach nur &#8220;die Welt besser machen&#8221; (DIE ZEIT, S. 43).</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Eine Gewohnheit unter anderen</strong></p>
<p>In der Sache teilt Radisch Foers pragmatische Grundeinsicht.</p>
<p>Auch für sie ist &#8220;die Fleischeslust kein dunkler, unbeherrschbarer Naturtrieb, sondern eine Gewohnheit unter anderen&#8221; (DIE ZEIT, S. 41).</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Rechtfertigungsdebatten</strong></p>
<p>Zugleich aber verfängt sich die ZEIT-Redakteurin in akademischen Rechtfertigungsdebatten.</p>
<p>Die &#8220;Frage, ob wir dürfen, was wir tun&#8221; (DIE ZEIT, S. 41), ist das bestimmende Leitmotiv ihres Artikels.</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Unerheblich?</strong></p>
<p>Dies führt unter anderem dazu, dass die von Foer angestoßenen Diskussionen darüber, wie schädlich der Fleischkonsum für unsere Gesundheit ist und wie hoch die globalen Treibhausgasemissonen der Fleischindustrie sind, von Radisch als philosophisch &#8220;unerheblich&#8221; (DIE ZEIT, S. 41) zur Seite geschoben werden.</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Rätsel des tierischen Innenlebens</strong></p>
<p>Statt dessen widmet sie sich ausführlich dem &#8220;Rätsel des tierischen Innenlebens&#8221; (DIE ZEIT, S. 42) sowie dem Nachweis, dass &#8220;die Gründe, die wir für das eklatante Ungleichgewicht der Rechte zwischen Mensch und Tier geltend machen, allesamt windig sind&#8221; (DIE ZEIT, S. 41).</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Was ist mit Ameisen?</strong></p>
<p>Für den Pragmatisten Foer stellt sich die letztgenannte Frage auf andere Weise:</p>
<p>&#8220;Haben Tiere dieselben Rechte? Was ist mit Ameisen, auf die wir beim Gehen treten, oder Mäusen im Haus?&#8221; (DIE ZEIT, S. 43).</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Niemals eindeutig</strong></p>
<p>Am Ende ihres Beitrags hebt auch Radisch hervor, dass &#8220;die Grenzen des Tötungsverbots niemals eindeutig zu bestimmen sind&#8221; (DIE ZEIT, S. 42).</p>
<p>Doch, so die ZEIT-Redakteurin weiter, &#8220;das gibt uns noch lange nicht das Recht, alles falsch zu machen&#8221; (DIE ZEIT, S. 42).</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Grade des Guten und Bösen</strong></p>
<p>Foer zufolge tun wir das auch nicht.</p>
<p>Es geht um Grade des Guten und Bösen, nicht um die zugespitzte Entgegensetzung von &#8220;alles richtig&#8221; oder &#8220;alles falsch&#8221;.</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Schlachthausroutine</strong></p>
<p>Aus seiner Sicht ist nicht &#8220;Tiere essen&#8221; der eigentliche Skandal, sondern die Art und Weise, wie die Massentierhaltung mit unseren animalen Verwandten umgeht.</p>
<p>Dazu Radisch: &#8220;Sehr häufig werden Tiere in der industriellen Schlachthausroutine nicht gründlich genug betäubt und schreiend bei lebendigem Leib gehäutet und zerstückelt&#8221; (DIE ZEIT, S. 42).</p>
<p style="text-align: center; "><strong>98 Prozent</strong></p>
<p>98 Prozent der Hühner und Schweine, die wir hier in Deutschland auf die Teller bekommen, stammen aus industriellen Tierfabriken.</p>
<p>Nur zwei Prozent der Bauernhöfe zählen zu den von Foer ebenfalls besuchten &#8220;Ausnahmefarmen&#8221; (DIE ZEIT, S. 43).</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Ausnahmefarmen</strong></p>
<p>&#8220;Die Kälber bleiben dort bei ihren Müttern, sie können all das tun, was Kühe gerne tun. Sie werden so geschlachtet, dass sie der Tod in fast allen Fällen schmerzlos ereilt&#8221; (DIE ZEIT, S. 43)</p>
<p>Und weiter Foer: &#8220;Es sind Menschen, die ihren Tieren Namen geben und sie besser behandeln als ich meinen Hund. Wirklich! Und dann töten sie sie.&#8221;</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Fleisch, Fisch, Eier und Milch</strong></p>
<p>Foer plädiert dafür, kein Fleisch oder jedenfalls möglichst wenig Fleisch zu essen.</p>
<p>Und zwar weil fast alles Fleisch, das wir in den Geschäften kaufen, aus den Todesfabriken und nicht aus einer Ausnahmefarm stammt.</p>
<p>Das gilt auch für Eier und Milch und für die Fischindustrie.</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Kulturpolitik</strong></p>
<p>Worum geht es in der Debatte zwischen Foer und Radisch?</p>
<p>Es geht um Kulturpolitik.</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Leute, die unsere Zukunft prägen</strong></p>
<p>&#8220;94 Prozent der Deutschen essen gern tote Tiere&#8221; (DIE ZEIT, S. 42).</p>
<p>&#8220;Es gibt an amerikanischen Universitäten schon 18 Prozent Vegetarier. Das sind die Leute, die unsere Zukunft prägen, es sind künftige Politiker, Schauspieler, Schriftsteller, Juristen und Ärzte.&#8221; (DIE ZEIT, S. 43).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Gesinnungswandel</strong></p>
<p>In der Kulturpolitik unserer Ernährungsgewohnheiten geht es heute auch und gerade um die Frage, wie trendsetzende Medien dazu beitragen können, dass der in Bewegung gekommene &#8220;Gesinnungswandel&#8221; (DIE ZEIT, S. 43) sich weiter beschleunigt und auf globaler Ebene flächendeckend vollzieht.</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Weiter warten?</strong></p>
<p>Die Beantwortung der von Radisch aufgegriffenen Philosophenfrage: &#8220;Wer darf wen töten und warum?&#8221; ist in mehr als 2500 Jahren Philosophiegeschichte nicht gelungen.</p>
<p>Wollten wir weiter warten, würde davon die schlechte Praxis der Massentierhaltung profitieren.</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Kampagnentauglich</strong></p>
<p>Aus diesem Grund scheint mir Foers Vorschlag eine bessere Basis zu bieten für eine weltweite journalistische Kampagne.</p>
<p>Darin würde es um den bewussten Verzicht auf den Konsum derjenigen Art von Fleisch und Fisch gehen, die den überwiegenden Teil dessen ausmacht, was wir heute in den Geschäften kaufen können.</p>
<p>DIE ZEIT hat Weitsicht und Mut bewiesen, dieses Thema als <a href="http://www.zeit.de/2010/33/index" target="_blank">Titel</a> zu setzen.</p>
<p><a href="http://www.sandbothe.net" target="_blank">Mike Sandbothe</a></p>
<p>Der Vegetarismus-Essay von Iris Radisch ist als Online-Text unter dem Titel &#8220;<a href="http://www.zeit.de/2010/33/Vegetarismus-Essay" target="_blank">Tiere sind auch nur Mensche</a>n&#8221; auf Zeit-Online zugänglich. Das Gespräch, das Hilal Sezgin mit Jonathan Safran Foer geführt hat, findet sich dort unter dem Titel &#8220;<a href="http://www.zeit.de/2010/33/Vegetarismus-Interview" target="_blank">Donnerstags kein Fleisch</a>&#8220;.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>&#8220;Leben im Stand-by-Modus&#8221; (Der Spiegel, Nr, 29, 19.7.2010, S. 56-67) und &#8220;Protokoll eines Krieges&#8221; sowie &#8220;Der Enthüller&#8221; (Der Spiegel, Nr. 30, 26.7.2010, S. 70-81 und 82-86)</title>
		<link>http://www.mediary.org/?p=1166</link>
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		<pubDate>Mon, 26 Jul 2010 19:21:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mike</dc:creator>
				<category><![CDATA[Der Spiegel]]></category>

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		<description><![CDATA[Normalerweise können Abonnenten die digitale Version des SPIEGEL schon am Samstagabend um 22.oo Uhr auf www.spiegel.de/meinspiegel abrufen. Dieses Wochenende aber war das anders. Aus redaktionellen Gründen hieß es: &#8220;Ich bin dann mal off&#8221;.
Es wäre schön gewesen, wenn es sich bei dieser unerwarteten Entschleunigung um den ferienzeitlichen Nachklang zur gleichnamigen Titelstory der vergangenen Woche gehandelt hätte.
Datenstress [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Normalerweise können Abonnenten die digitale Version des SPIEGEL schon am Samstagabend um 22.oo Uhr auf www.spiegel.de/meinspiegel abrufen. Dieses Wochenende aber war das anders. Aus redaktionellen Gründen hieß es: &#8220;Ich bin dann mal off&#8221;.</p>
<p>Es wäre schön gewesen, wenn es sich bei dieser unerwarteten Entschleunigung um den ferienzeitlichen Nachklang zur gleichnamigen <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2010-29.html" target="_blank">Titelstory der vergangenen Woche</a> gehandelt hätte.</p>
<p align="center"><strong>Datenstress pur</strong></p>
<p>Nach den elf Seiten literarisch-philosophischer Muße-Theorien, die von Susanne Beyer (41) im SPIEGEL Nr. 29 zusammengestellt worden waren, hätte ein wenig konsequente Muße-Praxis von Seiten der Magazinredaktion nicht schaden können.</p>
<p>Doch wen wundert&#8217;s, dass es am Sonntagabend um 23.00 Uhr, als der SPIEGEL Nr. 30 dann doch noch online ging, ganz anders kam: Datenstress pur!</p>
<p align="center"><strong>Echtzeit-Krieg</strong></p>
<p>91.731 Dokumente aus dem Datenpool des amerikanischen Militärs in Afghanistan. Die meisten davon als geheim deklariert.</p>
<p>&#8220;Meldungen der Truppe aus dem laufenden Gefecht&#8221; (Spiegel, Nr. 30,  S. 72). &#8220;Der Krieg gewissermaßen in Echtzeit&#8221; (ebd.).</p>
<p align="center"><strong>Wikileaks.org</strong></p>
<p>Das in der Titelstory des SPIEGEL Nr. 30 (<em><a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,708311-2,00.html" target="_blank">Protokoll eines Kriege</a></em><em>s</em>, S. 70-81) ausgewertete Material umfasst einen Zeitraum von 2004 bis 2009.</p>
<p>Es ist seit Sonntag (25.7.2010) als digitales Archiv online recherchierbar auf der Internetplattform <a href="http://wikileaks.org/" target="_blank">wikileaks.org</a>.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Zeitgleich</strong></p>
<p>Die New York Times, The Guardian und DER SPIEGEL hatten schon einige Wochen zuvor Einblick in die Datenflut.</p>
<p>Zeitgleich flankieren sie die Online-Publikation von WikiLeaks nun in Amerika, Großbritannien und Deutschland mit ihren Titelgeschichten.</p>
<p align="center"><strong>Überlastet</strong></p>
<p>Natürlich ist der WikiLeaks-Server jetzt überlastet.</p>
<p>Denn er steht plötzlich im Zentrum der Weltöffentlichkeit.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Muße nicht Nichtstun</strong></p>
<p>Das führt zurück zum Thema von Susanne Beyer.</p>
<p>Sie hatte uns unter der Überschrift <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-71892495.html" target="_blank">Leben im Stand-by-Modus</a> (Spiegel, Nr. 29, S. 56-67) gerade noch so schön erläutert, dass Muße nicht Nichtstun bedeutet.</p>
<p align="center"><strong>Den Mächtigen in die Suppe spucken</strong></p>
<p>Den &#8220;Definitionen der Denker&#8221; (Spiegel, Nr, 29, S. 66) zufolge bestehe Muße darin, &#8220;sich in aller Ruhe und zweckfrei dem hinzugeben, was Freude mache und interessiere&#8221; (ebd.).</p>
<p>Für den einen heiße das &#8220;Klavierspielen&#8221; (ebd.), für den anderen sei es &#8220;ein Spaziergang&#8221; (ebd.) &#8211; und für den dritten besteht das &#8220;otium&#8221; ganz offensichtlich darin, &#8220;den Mächtigen in die Suppe zu spucken&#8221; (Spiegel, Nr. 30, S. 84).</p>
<p align="center"><strong>Der Gründer</strong></p>
<p>Julian Assange (39) ist der Gründer von WikiLeaks.</p>
<p>Er hat die geheimen &#8220;Afghanistan-Protokolle&#8221; (Spiegel, Nr. 30, Titelseite) ins Internet gestellt.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Wir leben alle nur einmal</strong></p>
<p>Im Gespräch mit dem SPIEGEL teilt er den Redakteuren John Goetz (47) und Marcel Rosenbach (38) mit:</p>
<p>&#8220;Wir leben alle nur einmal. Deshalb sollten wir in unserer Zeit etwas Sinnvolles und Befriedigendes anstellen. Und ich mag es, den Mächtigen in die Suppe zu spucken. Diese Arbeit macht mir wirklich Spaß&#8221; (Spiegel, Nr. 30, S. 84).</p>
<p align="center"><strong>Gott der Allmächtige</strong></p>
<p>Der Mann aus Australien hat Physik studiert und eine Karriere als Hacker hinter sich:</p>
<p>&#8220;Er bewegte sich in den Rechnern anderer wie Gott der Allmächtige&#8221; (Spiegel, Nr. 30, S. 85).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Sicherheitsrisiko</strong></p>
<p>WikiLeaks wurde 2007 online gestellt.</p>
<p>Seit 2008 wird es vom US-Militär als Sicherheitsrisiko klassifiziert.</p>
<p align="center"><strong>Keine Gerüchte</strong></p>
<p>Die Webseite sammelt und veröffentlicht &#8220;Material, das Unternehmen und staatliche Stellen als geheim einstufen. Ein Forum für anonyme Informanten. Keine Gerüchte, nichts Selbstverfasstes, nur Originaldokumente&#8221; (Spiegel, Nr. 30, S. 82).</p>
<p align="center"><strong>Kein Gehalt</strong></p>
<p>Und weiter erfahren wir im SPIEGEL: &#8220;Assange arbeitet wie besessen an der Datenbank&#8221; (Spiegel, S. 83). Ein Gehalt erhält er dafür nicht.</p>
<p>&#8220;Leute, die es gut mit ihm meinen, sagen, er brauche dringend ein paar Wochen Urlaub&#8221; (Spiegel, Nr. 30, S. 83).</p>
<p align="center"><strong>Kein Urlaub</strong></p>
<p>Aber das wissen wir jetzt besser. Muße ist nämlich nicht Urlaub von der Arbeit, sondern nur ein anderer Modus:</p>
<p>&#8220;Insofern müsste die Leistungsgesellschaft genau diesen Zustand eigentlich anstreben&#8221; (Spiegel, Nr, 29, S. 66).</p>
<p align="center"><strong>Task Force 373</strong></p>
<p>Ist das die Meta-Message, die uns der SPIEGEL in die Ferien hinein nachruft?</p>
<p>Mit Susanne Beyers &#8220;<a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2010-29.html" target="_blank">Ich bin dann mal off</a>&#8221; (Spiegel, Nr. 29, Titelseite) reisen wir ab, und am Urlaubsort begrüßt uns die &#8220;<a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,708311-2,00.html" target="_blank">Task Force 373</a>&#8221; (Spiegel, Nr. 30, Titelseite)!</p>
<p align="center"><strong>A very, very big story</strong></p>
<p>Sicherlich, aus der Perspektive der Sicherheitsministerin von Großbritannien, Baroness Neville-Jones, ist das Ganze &#8220;a very, very big story&#8221;.</p>
<p>Und der Nationale Sicherheitsberater von Präsident Obama reagiert sofort und verurteilt die Veröffentlichung der Geheimdokumente, weil &#8220;sie das Leben von Amerikanern und ihren Partnern bedroht&#8221; (<a href="http://www.centcom.mil/en/news/statement-of-national-security-advisor-gen-james-jones-on-wikileaks" target="_blank">Statement of National Security Advisor Gen. James Jones on Wikileaks</a>).</p>
<p align="center"><strong>Nr. 2</strong></p>
<p>In der <em>Tagesschau</em> wird das Thema heute (26.7.2010) als Nr. 2 gleich nach der Duisburger Love-Parade behandelt.</p>
<p>Aber der Unterschied zwischen den beiden Nachrichten ist signifikant.</p>
<p align="center"><strong>Berichterstattungspflicht</strong></p>
<p>Bei der Massenpanik in Duisburg handelt es sich um eine aktuelle nationale Tragödie mit 21 Toten, für die jetzt die Verantwortlichen gesucht werden.</p>
<p>In diesem Fall besteht journalistisch gesehen unmittelbare Berichterstattungspflicht.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Skandalwert</strong></p>
<p>Die Veröffentlichung der &#8220;Afghanistan-Protokolle&#8221; hat keinen aktuellen Anlass. Die Ereignisse, auf die sich die Protokolle beziehen, liegen relativ weit zurück.</p>
<p>Und der Skandalwert besteht scheinbar weniger in den dokumentierten Inhalten als vielmehr im Sachverhalt der Veröffentlichung selbst.</p>
<p align="center"><strong>Sommerloch</strong></p>
<p>Ein Weltthema wird aus der Sache dadurch, dass die drei großen Zeitungen sich im Timing mit WikiLeaks abgesprochen haben, um auf diese Weise einen globalen Medienevent zu kreiren.</p>
<p>Mitten im Sommerloch.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Ein angemessenes Instrument?</strong></p>
<p>Gehört das Material tatsächlich an die Öffentlichkeit? Ist die gewählte Form der massenmedialen Kampagne ein angemessenes Instrument?</p>
<p>Oder ist diese etwas stressige Art von Muße vielleicht doch nicht wirklich investigativ?</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Fehlende Worte</strong></p>
<p>Nun ja, als Medienphilosoph bin ich ja einiges gewöhnt.</p>
<p>Aber heute fehlen auch mir die Worte.</p>
<p><a href="http://www.sandbothe.net">Mike Sandbothe</a></p>
<p>&#8212;</p>
<p>Update: Zur internationalen Debatte über die Veröffentlichung der geheimen Militär-Dokumente aus dem Afghanistan-Krieg siehe auch den SPIEGEL-Online-Artikel von Gregor Peter Schmitz: <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,708608,00.html" target="_blank">Datendesaster untergräbt Obamas Kriegspläne</a> (27.7.2010).</p>
<h2><span style="font-weight: normal; "><br />
</span></h2>
<p><span style="font-weight: normal; "><br />
</span></p>
<p><span style="font-weight: normal; "> </span><span style="font-weight: normal; font-size: 13px; "> </span></p>
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		<title>Der große Schüttelfrust (Der Spiegel, Nr. 28, 12.7. 2010, S. 58-67)</title>
		<link>http://www.mediary.org/?p=1124</link>
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		<pubDate>Sun, 18 Jul 2010 09:03:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mike</dc:creator>
				<category><![CDATA[Der Spiegel]]></category>

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		<description><![CDATA[Der SPIEGEL-Redakteur Markus Grill (42) und seine Kollegin Veronika Hackenbroch (40) befassen sich in ihrer Titelstory &#8220;Homöopathie. Die große Illusion&#8221; auf zehn Seiten mit der populären Paradeform einer sanften Medizin.
Leider haben sie im Untertitel das Fragezeichen vergessen.
Das fehlende Fragezeichen
Der gesamte Textumfang beträgt 34955 Zeichen. Da sollte man meinen, dass das Fehlen dieses einen Zeichens doch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der SPIEGEL-Redakteur Markus Grill (42) und seine Kollegin Veronika Hackenbroch (40) befassen sich in ihrer Titelstory &#8220;<a href="http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,ausg-4722,00.html" target="_blank">Homöopathie. Die große Illusion</a>&#8221; auf zehn Seiten mit der populären Paradeform einer sanften Medizin.</p>
<p>Leider haben sie im Untertitel das Fragezeichen vergessen.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Das fehlende Fragezeichen</strong></p>
<p>Der gesamte Textumfang beträgt 34955 Zeichen. Da sollte man meinen, dass das Fehlen dieses einen Zeichens doch keinen wirksamen Unterschied macht.</p>
<p>Aber es ist wie bei der Homöopathie. Kleine Ursachen können große Folgen haben.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Eine Krankheit der Profession</strong></p>
<p>Mit Fragezeichen wäre aus dem journalistischen Virusträger ein medizintherapeutischer Heilungstext geworden.</p>
<p>So aber wird das spannende Titelthema von der Krankheit des professionalisierten Skeptizismus befallen.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Skeptiker und andere Menschen</strong></p>
<p>Skeptiker sind Menschen, die meinen, dass der Zweifel ein Selbstzweck sei und nichts, das ihm nicht systematisch unterzogen wurde, Anspruch auf Gültigkeit habe.</p>
<p>Die englische Sprache stellt der skeptischen Grundhaltung eine Weltsicht gegenüber, die als &#8220;open minded&#8221; bezeichnet wird.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Chronisch-misstrauisch</strong></p>
<p>Dementsprechend unterscheiden wir im Deutschen aufgeschlossene Menschen von skeptisch-verschlossenen bzw. chronisch-misstrauischen Zeitgenossen.</p>
<p>JournalistInnen gehören häufig (aber zum Glück nicht immer) zum letztgenannten Typus.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Der Fall Grill</strong></p>
<p>Nehmen wir den Fall des SPIEGEL-Redakteurs <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Markus_Grill" target="_blank">Markus Grill</a>. Er ist 42 Jahre alt und &#8220;Vater zweier Söhne&#8221; (Der Spiegel, Nr. 28, &#8220;Hausmitteilung&#8221;, S. 5).</p>
<p>Weiter erfahren wir über ihn, dass er &#8220;im Freundeskreis schon oft den Ratschlag bekommen hat: Leiden die Kinder unter irgendeinem Wehwechen, helfen kleine homöopathische Kugeln, die Globuli&#8221; (Der Spiegel, Nr. 28, S. 5).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Nicht nur Vater</strong></p>
<p>Aber Grill ist nicht nur Vater. Er zählt auch zu &#8220;<a href="http://www.gesundheitseck.net/product_info.php?info=p190_-Kranke-Geschaefte--von-Markus-Grill.html&amp;XTCsid=2482306de07c715ce3b5efd6e61a7321" target="_blank">den besten investigativen Journalisten Deutschlands</a>&#8221; (Sonia Mikich).</p>
<p>Seine  Spezialität ist die Enthüllung von Skandalen in der Pharmabranche. Dafür hat er dieses Jahr den Journalistenpreis des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin erhalten.</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Wie die Pillen produziert werden</strong></p>
<p>Deshalb hat er den Globuli-Ratschlag seiner Freunde auch nicht einfach ausprobiert, sondern erst mal eine professionelle Hintergrundrecherche gestartet:</p>
<p>&#8220;Grill ließ sich in Karlsruhe in den Gebäuden der Deutschen Homöopathischen Union (DHU) zeigen, wie die Wunderpillen produziert werden&#8221; (Der Spiegel, Nr. 28, S. 5).</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Grills Schüttelfrust</strong></p>
<p>Dieser Besuch wurde zum Auslöser von Grills &#8220;Schüttelfrust&#8221;. Womit wir wieder beim fehlenden Fragezeichen sind.</p>
<p>Denn die in Handarbeit durch Schütteln eines Glaskolbens erzeugten Verdünnungsgrade können in der Homöopathie Dimensionen (&#8221;D&#8221;) erreichen, im Vergleich zu denen das fehlende Fragezeichen im Cover-Untertitel &#8220;<a href="http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,ausg-4722,00.html" target="_blank">Homöopathie. Die große Illusion</a>&#8221; als grob stofflich erscheinen mag.</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Homöopathische Verdünnungsgrade</strong></p>
<p>&#8220;So kommt bereits bei D9 etwa ein Tropfen Wirkstoff auf den Inhalt eines Tanklasters. D23 entspricht bereits einem Tropfen Wirkstoff im gesamten Mittelmeer. Und D78 bedeutet, dass wenige Wirkstoffmoleküle auf alle Moleküle des Universums kommen&#8221; (Der Spiegel, Nr. 28, S. 64).</p>
<p>&#8220;Daneben stellt die DHU auch Potenzen wie D200 und D1000 her.&#8221; (Der Spiegel, Nr. 28, S. 64)</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Keine Belege</strong></p>
<p>Doch damit nicht genug.</p>
<p>&#8220;Je länger sich Grill und seine Kollegin mit der vermeintlichen Wundermedizin beschäftigten, desto größer wurde ihre Skepsis. Sie fanden weltweit keine überzeugenden Belege für die Wirksamkeit homöopathischer Zuckerkügelchen.&#8221; (Der Spiegel, Nr. 28, S. 5).</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Placebos</strong></p>
<p>Das Fazit der Spiegelredakteure lautet daher, dass es sich bei homöopathischen Medikamenten um &#8220;Placebos&#8221; handelt.</p>
<p>Diese sollen einer &#8220;larvierten Form von Psychotherapie&#8221; (Der Spiegel, Nr. 28, S. 66) den Anschein einer medizinischen Behandlung verleihen.</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Am Zweifel zweifeln</strong></p>
<p>Skeptiker haben ein Grundproblem. Ihnen fällt es schwer, am Zweifel zu zweifeln.</p>
<p>Skepsis macht in bestimmten Kontexten durchaus Sinn. Aber nicht in allen.</p>
<p>Wer das einsieht, ist fähig, am Zweifel zu zweifeln, d.h. diesen nicht als Lebenshaltung zu verabsolutieren, sondern intelligent, situativ und wohldosiert einzusetzen.</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Wer heilt, hat Recht!</strong></p>
<p>Der geheilte Skeptiker wird zum Pragmatisten.</p>
<p>Samuel Hahnemann (1755-1843), der Begründer der Homöopathie, hat den Grundsatz einer pragmatisch orientierten Arztpraxis einmal wie folgt formuliert: &#8220;Wer heilt, hat Recht!&#8221;</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Heilungsorientierter Pragmatismus</strong></p>
<p>Auch bei den LeserInnen des SPIEGEL ist der in diesem Zitat zum Ausdruck kommende heilungsorientierte Pragmatismus weit verbreitet.</p>
<p>So schreibt Peter Kuhn aus Genf in seinem Leserbrief: &#8220;Wenn der Patient sagt, es gehe ihm besser, dann kommt auch ein negativer Objektivierungsbeweis dagegen nicht auf&#8221; (Der Spiegel, Nr. 29, 19.7.2010, S.9).</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Nicht &#8216;nur&#8217;, sondern &#8216;aha&#8217;</strong></p>
<p>Und Dirk Houben aus Wuppertal geht noch einen Schritt weiter, wenn er formuliert:</p>
<p>&#8220;Ob nun in der Homöopathie, in der Psychotherapie oder der Schulmedizin, der Placeboeffekt läuft immer wacker mit, er wäre bei kluger Betrachtung aber nicht ein &#8216;Nur&#8217;, sondern vielmehr ein &#8216;Aha&#8217;&#8221; (Der Spiegel, Nr. 29, S. 9).</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Medizinische Maschinerie</strong></p>
<p>Was Houben meint, hat der in Seattle praktizierende Freiburger Komplementärmediziner Dietrich Klinghardt mit Blick auf die Schulmedizin einmal wie folgt auf den Begriff gebracht:</p>
<p>&#8220;Der Hauptgrund, warum die Schulmedizin überhaupt so oft wirkt, liegt im Placeboeffekt, der ausgelöst wird durch die ungeheuer eindrucksvolle medizinische Maschinerie&#8221; (Dietrich Klinghardt, <a href="http://www.onlineshop-ink.de/oxid.php/sid/a51fe589d3e283968e91089521d4711b/cl/details/cnid/8e947de303fee4ef8.78064356/anid/baf47f20c000c7456.70892992/pgNr/2/Lehrbuch-der-Psycho-Kinesiologie-(8.Auflage)/" target="_blank">Lehrbuch der Psychokinesiologie</a>, S. 33).</p>
<p style="text-align: center; "><strong>Farbige Pillen und weiße Kittel</strong></p>
<p>Insofern kann man sagen, dass die meisten Skeptikerargumente, die sich in dem Spiegel-Artikel von Grill und Hackenbroch finden, Argumente sind, die sich auch auf die Schulmedizin anwenden lassen.</p>
<p>Denn: &#8220;&#8216;Rituale&#8217; wie Blutdruckmessen, &#8216;Symbole&#8217; wie farbige Pillen, weiße Kittel und die ehrliche und liebevolle Bemühung des Arztes tun ihre Wirkung&#8221; (Klinghardt, ebd., S. 33).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Verantwortung in Medizin und Naturwissenschaft</strong></p>
<p>Und das ist auch gut so. Denn in der Medizin geht es um Heilung und nicht um die Verabsolutierung des Zweifels.</p>
<p>Das gilt übrigens auch für eine verantwortungsvolle Form von Naturwissenschaft.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Revolution statt Blockade</strong></p>
<p>Sie nimmt die Erfahrungen ernst, die ÄrztInnen und PatientInnen machen und blockiert mit ihren alten Wissensbeständen nicht den Fortschritt der Forschung.</p>
<p>Denn das, was wir heute zwar erfahren, aber noch nicht erklären können, markiert den Raum, in dem sich sich zukünftige wissenschaftliche Revolutionen ereignen.</p>
<p><a href="http://www.sandbothe.net" target="_blank">Mike Sandbothe</a></p>
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		<title>Alice Miller ist gestorben. Wie wird nachgerufen?</title>
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		<pubDate>Sun, 09 May 2010 15:40:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mike</dc:creator>
				<category><![CDATA[Mediary Special]]></category>

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		<description><![CDATA[Wofür und wogegen Alice Miller gekämpft hat und wie erfolgreich sie dabei in the long run war, lässt sich an den Nachrufen zeigen, die in diesen Tagen aus Anlass ihres Todes erschienen sind.
Zwischen Freud und Oprah
In seinem Nachruf in der New York Times beschreibt William Grimes Alice Miller  als &#8220;missing link zwischen Freud und Oprah&#8221; (William [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wofür und wogegen Alice Miller gekämpft hat und wie erfolgreich sie dabei <em>in the long run</em> war, lässt sich an den Nachrufen zeigen, die in diesen Tagen aus Anlass ihres Todes erschienen sind.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Zwischen Freud und Oprah</strong></p>
<p>In seinem Nachruf in der <em>New York Times</em> beschreibt William Grimes Alice Miller  als &#8220;missing link zwischen Freud und Oprah&#8221; (William Grimes,<a href="http://www.nytimes.com/2010/04/27/us/27miller.html" target="_blank"> Alice Miller, Psychoanalyst, Dies At 87</a>, <em>New York Times</em>, 26.4.2010).</p>
<p>Diese im ersten Moment etwas überraschende Einordnung geht zurück auf eine Buchbesprechung, die 2002 in der <em>New York Times Book Review</em> zu Millers Buch <em>Evas Erwache</em>n (englischer Titel: <em>The Truth Will Set You Free</em>) erschienen ist.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Nutzerfreundlich</strong></p>
<p>Die Autorin dieser Besprechung, Daphne Merkin, begründet ihre provozierende Freud-Miller-Winfrey-Genealogie mit einem guten Argument.</p>
<p>Alice Miller, so die Rezensentin, sei es gelungen, &#8220;die subtilen Gefährdungen der emotionalen Entwicklung aus den abgekapselten Praxisbüros der Therapeuten in einen größeren, nutzer-freundlichen Kontext zu bringen&#8221; (Daphne Merkin, &#8220;<a href="http://www.nytimes.com/2002/01/27/books/if-only-hitler-s-father-had-been-nicer.html" target="_blank">If Only Hitler&#8217;s Father Had Been Nicer</a>&#8220;, in: <em>The New York Times Book Review</em>, 27.1.2002).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Kulturtherapie</strong></p>
<p>Da ist was dran.</p>
<p>Tatsächlich haben die 13 Bücher von Alice Miller und ihre Webseite <a href="http://www.alice-miller.com" target="_blank">www.alice-miller.com</a> einen weit über den akademisch-therapeutischen Bereich hinausgehenden Einfluss erlangt.</p>
<p>Miller hat Kulturtherapie betrieben. Und zwar in 30 Sprachen. Sie war weltweit überaus erfolgreich.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Gefährliches Terrain</strong></p>
<p>Zugleich hat sie sich damit viele Feinde gemacht.</p>
<p>Wer das öffentliche Medium des Buches in großen Auflagen nutzt, um Menschen bei der Heilung ihrer privaten Kindheitstraumen zu helfen und dabei zugleich an einer heilsamen Transformation der kulturellen Öffentlichkeit arbeitet, begibt sich auf ein gefährliches Terrain.</p>
<p>Was ich damit meine, zeigt sich in den Nachrufen von<em> FAZ</em> und <em>SPIEGEL</em>.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Deutungsmonismus und fehlende Selbstanwendung</strong></p>
<p>Christian Geyer unterstellt Miller einen &#8220;Deutungsmonismus, der an Wahn grenzt&#8221; (Christian Geyer, <a href="http://www.faz.net/s/Rub5C2BFD49230B472BA96E0B2CF9FAB88C/Doc~E1C725A42FBE54D949742723A0D6467EF~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank">Misshandlung überal</a>l, <em>Frankfurter Allgemeine Zeitun</em>g, 23.4..2010).</p>
<p>Philipp Oehmke und Elke Schmitter werfen ihr vor, &#8220;dass sie ihr eigenes Instrumentarium auf das größte Trauma ihres Lebens nicht anwenden konnte&#8221; (&#8221;<a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-70327191.html" target="_blank">Mein Vater, ja, diesbezüglich</a>&#8220;, Interview mit Martin Miller, Sohn der verstorbenen Autorin Alice Miller, in: <em>DER SPIEGEL</em>, Nr. 18, 3.5.2010, S. 140).</p>
<p align="center"><strong>Literatur und Philosophie als Symptome</strong></p>
<p>Was meint Geyer mit &#8220;Deutungsmonismus&#8221;? Hier seine Erläuterung:</p>
<p>&#8220;Einwände, dass man doch nicht gegen die Lebensberichte Kinderleid unterstellen dürfe, parierte Miller mit dem Hinweis, das Leid sei immer dort am schlimmsten, wo es abgespalten, verdrängt und also heute nicht mehr erinnert werde. Der Gesunde ist demnach unter den Kranken derjenige, der am schlimmsten dran ist. Wer sein frühes Leid bestreite, fliehe vor ihm. Und diese Flucht finde ihren Ausdruck in Formen der Selbstentfremdung, die sich unter anderem als Philosophie oder Literatur tarnten.&#8221;</p>
<p align="center"><strong>Ungeschminkt totalitär?</strong></p>
<p>Das genau ist der heikle Punkt. Miller hat grosse Teile von Kunst, Literatur und Philosophie als Symptome gelesen und sich demgegenüber für heilende Formen von Kultur ausgesprochen.</p>
<p>Geyer nimmt ihr das übel und folgert: &#8220;Von diesem Punkt an nimmt der Pathologiezusammenhang, den Miller behauptet, einen ungeschminkt totalitären Zug an.&#8221;</p>
<p align="center"><strong>Millers Trauma</strong></p>
<p>Ähnlich in der Zielrichtung, aber in der Strategie ganz anders: die SPIEGEL-AutorInnen. Sie nehmen sich Millers Sohn vor.</p>
<p>Und der gibt zu: &#8220;Was meiner Mutter zugestoßen ist, hat sie nie richtig erzählt&#8221; (DER SPIEGEL, Nr. 18, 3.5.2010, S. 140)</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Vom Vater geschlagen<span style="font-weight: normal;"> </span></strong></p>
<p>Damit aber nicht genug.</p>
<p>SPIEGEL-ONLINE bringt die Quintessenz des Gesprächs, das Oehmke und Schmitter mit Martin Miller geführt haben, schon einen Tag vor Erscheinen des Blatts wie folgt auf den Begriff: &#8220;<a href="http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,692505,00.html" target="_blank">Sohn von Alice Miller wurde vom Vater geschlagen</a>&#8221; (SPIEGEL-ONLINE, 2.5.2010).</p>
<p>Das ist Bildzeitungsniveau.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Was treibt die JournalistInnen</strong>?</p>
<p>Was treibt die JournalistInnen von <em>SPIEGEL</em> und <em>FAZ</em> so mit der verstorbenen Autorin umzugehen?</p>
<p>Oehmke und Schmitter sind scheinbar eigens nach Zürich gereist, um Millers Sohn nach dem Tod der Mutter die privaten Lebensgeheimnisse zu entlocken.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Kultivieren statt therapieren</strong></p>
<p>Und Geyer wusste es schon vorher:</p>
<p>&#8220;Alice Miller gehörte zu den bewundernswert Besessenen. Ihre Antriebskraft verdankte sich einer lebenslangen Verstörung, die sie als Quelle ihrer Produktivität nicht etwa therapieren, sondern kultivieren wollte&#8221; (<a href="http://www.faz.net/s/Rub5C2BFD49230B472BA96E0B2CF9FAB88C/Doc~E1C725A42FBE54D949742723A0D6467EF~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank">Misshandlung überal</a>l,<em> Frankfurter Allgemeine Zeitung</em>, 23.4.2010).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Millers polnische Kindheit</strong></p>
<p>Alice Miller wurde 1923 unter ihrem Mädchennamen Alicja Rostowska in Lemberg (damals Polen) als Tochter jüdischer Eltern geboren.</p>
<p>Über die von Geyer sogenannte &#8220;lebenslage Verstörung&#8221; weiss Millers erste amerikanische Lektorin, Jane Isay, in der <em>Huffington Pos</em>t folgendes zu berichten:</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Aus dem Warschauer Ghetto geschmuggelt</strong></p>
<p>&#8220;Ihre Familie lebte in Warschau und wurde ins Ghetto gebracht als die Deutschen kamen. Die Tochter wurde aus dem Ghetto herausgeschmuggelt und lebte unter falschem Namen bei einer christlichen Familie als öffentliche Christin und geheime Jüdin. In manchen Nächten ist sie in das Ghetto zurückgeschlichen und hat ihrer Familie Lebensmittel gebracht. Aber sie konnte ihre Familie nicht retten&#8221; (Jane Isay, <a href="http://www.huffingtonpost.com/jane-isay/how-i-found-alice-miller_b_554297.html">How I Found Alice Miller, And Lost Her</a>, <em>Huffington Pos</em>t, 28.4.2010</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Als Kind missbraucht</strong></p>
<p>William Grimes weist in der <em>New York Times</em> darauf hin, dass Miller in ihrem semi-autobiographischen Buch <em>Das verbannte Wissen</em> (1988) enthüllte, &#8220;dass sie als Kind missbraucht wurde und dies mit Hilfe des spontanen Malens entdeckt habe&#8221; (William Grimes,<a href="http://www.nytimes.com/2010/04/27/us/27miller.html"> Alice Miller, Psychoanalyst, Dies At 87</a>, New York Times, 26.4.2010).</p>
<p>Ihre erste Sammlung von therapeutischen Aquarellen hat Alice Miller 1985 unter dem Titel <em>Bilder einer Kindhei</em>t veröffentlicht. Die zweite folgte 2006 unter dem Titel <em>Bilder meines Lebens</em>.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Das spontane Malen</strong></p>
<p>Miller hat in ihrem Leben eine Vielzahl unterschiedlicher Therapien bei unterschiedlichen TherapeutInnen absolviert.</p>
<p>Erst das spontane Malen hat ihr geholfen, ihre eigenen Traumen zu artikulieren. Einen Einblick in diesen Prozess geben die beiden Bücher.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Standards des seriösen Journalismus</strong></p>
<p>Warum haben Geyer, Oehmke und Schmitter diese Sachverhalte übersehen bzw. aussen vor gelassen?</p>
<p>Welche Gründe gibt es dafür, dass manche JournalistInnen sich offensichtlich bis heute derart an Alice Miller reiben, dass sie die Standards des von ihnen sonst gepflegten seriösen Journalismus auf irritierende Weise ausser Kraft setzen?</p>
<p align="center"><strong>Nur wenige nicht traumatisiert</strong></p>
<p>An Geyers Totalitarismusvorwurf ist ein Quäntchen Wahrheit.</p>
<p>Es stimmt, dass Miller der Ansicht war, dass es nur wenige Menschen auf diesem Planeten gibt, die in ihrer Kindheit nicht auf diese oder jene Art traumatisiert wurden.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Unbewusste Opfer und bewusste Überlebende</strong></p>
<p>In ihrem Buch<em> Abbruch der Schweigemauer </em>(2003) schreibt sie:</p>
<p>&#8220;Die Grenze in der Bevölkerung verläuft eigentlich nicht mehr zwischen einst mißhandelten und nicht mißhandelten Menschen (weil die meisten von uns noch im System von Strafen aufgewachsen sind), sondern eher zwischen den unbewußten ehemaligen Opfern und den bewußten Überlebenden der sogenannten &#8216;erzieherischen&#8217; Gewalt.&#8221; (S. 11).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Mangel an authentischer Liebe</strong></p>
<p>Unter &#8220;Misshandlung&#8221; versteht Miller nicht nur sexuelle oder physische Gewalt, sondern auch alle Formen seelischer Grausamkeit bzw. Demütigung.</p>
<p>Als Basisphänomen sieht sie dabei den Sachverhalt, dass das Kind nicht die authentische Liebe von den Eltern bekommt, die es als der kleine Mensch, der es ist, in seinem schlichten Sein verdient hätte.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Narzisstische Aufmerksamkeitsökonomie</strong></p>
<p>Das Drama des begabten Kindes besteht vor diesem Hintergrund darin, dass es versucht, sich die Liebe, die es nicht auf einfache und authentische Weise erfahren durfte, nachträglich und kompensatorisch durch besondere Leistungen zu verdienen.</p>
<p>Das ist der psychologische Ursprung dessen, was in der Mediengesellschaft als narzisstische Aufmerksamkeitsökonomie Gestalt gewinnt.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>JournalistInnen entscheiden</strong></p>
<p>JournalistInnen sind Menschen, die nicht selbst in den Fokus medialer Aufmerksamkeit treten. Aber sie entscheiden, wer wann welche kompensatorische Aufmerksamkeitsliebe durch die Medien erhält.</p>
<p>Insofern leben sie von dem, was Miller aufzulösen und zu heilen versuchte.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Die Schutzpatronin</strong></p>
<p>Alice Miller hat immer viel Wert gelegt auf den Unterschied zwischen Erziehung und Therapie auf der einen Seite und Begleitung sowie Zeugenschaft auf der anderen.</p>
<p>Die Mehrzahl der Nachrufe begleiten das Publikum im Prozess des Abschiednehmens von einer grossen Autorin: &#8220;<a href="http://www.tagesspiegel.de/kultur/alice-miller-die-schutzpatronin/1807438.html" target="_blank">Alice Miller &#8211; Die Schutzpatronin</a>&#8220;. Sie legen Zeugenschaft ab von einem erfüllten und für viele Menschen lebensrettenden Werk: &#8220;<a href="http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/der_mut_den_apfel_zu_essen_1.5538742.html" target="_blank">Der Mut, den Apfel zu essen</a>&#8220;.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>In Liebe</strong></p>
<p>Andere versuchen, Miller im Tod noch zu erziehen.</p>
<p>Ihnen würde es sicherlich gut tun, Millers Werke mit Respekt zu lesen und sich auf sich selbst zu besinnen. In Liebe.</p>
<p><a href="http://www.sandbothe.net" target="_blank">Mike Sandbothe</a></p>
<p style="margin: 0.0px 0.0px 0.0px 0.0px; font: 12.0px Helvetica;">
<p style="margin: 0.0px 0.0px 0.0px 0.0px; font: 12.0px Helvetica;">
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		<item>
		<title>Der Philosoph des 21. Jahrhunderts (Der Spiegel, Nr. 17, 26.4.2010, S. 67-78)</title>
		<link>http://www.mediary.org/?p=990</link>
		<comments>http://www.mediary.org/?p=990#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 02 May 2010 09:11:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mike</dc:creator>
				<category><![CDATA[Der Spiegel]]></category>

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		<description><![CDATA[Klaus Brinkbäumer (43) und Thomas Schulz (37) sind ehrlich. Sie erklären, was sie tun. Sie machen Reklame. Für das iPad von Apple.
Wie lässt sich das iPad personalisieren?
&#8220;Es soll die Leser locken, endlich für die digitalen Ausgaben zu bezahlen, vielleicht mehr als für die Print-Ausgabe&#8221; (S. 77).
Wie lässt sich das iPad personalisieren? Wie lässt sich über Apple [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Klaus Brinkbäumer (43) und Thomas Schulz (37) sind ehrlich. Sie erklären, was sie tun. Sie machen Reklame. Für das iPad von Apple.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Wie lässt sich das iPad personalisieren?</strong></p>
<p>&#8220;Es soll die Leser locken, endlich für die digitalen Ausgaben zu bezahlen, vielleicht mehr als für die Print-Ausgabe&#8221; (S. 77).</p>
<p>Wie lässt sich das iPad personalisieren? Wie lässt sich über Apple schreiben? Die Antwort bündelt sich in Steve Jobs (55), dem Besitzer von Apple und Erfinder des iPad.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Apples Produkte loben</strong></p>
<p>Aber: &#8220;Es ist nicht ganz einfach, sich Jobs zu nähern, weil Apple so gut wie nie mit Reportern spricht, falls diese nicht zuerst Apples Produkte gelobt haben&#8221; (S. 69)</p>
<p>Das hat für den SPIEGEL zuletzt Ferdinand von Schirach (46) getan (DER SPIEGEL, Nr. 15,  &#8220;<a href="http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,688285,00.html" target="_blank">Die Kunst des Weglassens&#8221;)</a>.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Keine Einblicke</strong></p>
<p>Und doch: &#8220;Der deutsche Firmensprecher Georg Albrecht schrieb: Apple &#8216;gibt leider keine Einblicke in sein Innenleben&#8230;So gern ich so eine Story unterstützen würde, weiß ich, dass wir hier Ihnen keine Gesprächspartner anbieten können&#8217;&#8221; (S. 69).</p>
<p>Was also tun?</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Jobs ist kein netter Mensch</strong></p>
<p>&#8220;Es gibt Leute, die Apple verlassen haben.&#8221; Die kann man interviewen.</p>
<p>&#8220;Und auch Leute, die heute für Apple arbeiten, reden über Apple, wenngleich unter falschem Namen, denn Jobs ist kein netter Mensch&#8221; (S. 69). So entsteht ein SPIEGEL-Feature.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Das Inhaltsverzeichnis</strong></p>
<p>Steve Wozniak: &#8220;Der Gründer&#8221; (S. 69). Andy Hertzfeld: &#8220;Der Zauberer&#8221; (S. 71). Hartmut Esslinger: &#8220;Der Künstler&#8221; (S. 71). John Sculley: &#8220;Der Feind&#8221; (S. 73). Pamela Kerwin: &#8220;Die Männerversteherin&#8221; (S. 73). Michael More, David Sobotta: &#8220;Die Soldaten&#8221; (S. 76).</p>
<p>Aber das allein reicht noch nicht, um ins Herz der Sache, sprich: ins Zentrum der iPad-Personalisierung, also in die Intimsphäre von Steve Jobs vorzudringen.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Das Geständnis</strong></p>
<p>Zum Glück gibt es jenen &#8220;Juni-Tag von Stanford&#8221; (S. 67):</p>
<p>&#8220;Es war heiß, kein Schatten im Stadion von Stanford, die Studenten hatten gesoffen, sie grinsten und kicherten, und darum dauerte es, bis sie verstanden, dass dort ein Herrscher der westlichen Welt zum Geständnis schritt&#8221; (S. 67).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>No big deal</strong></p>
<p>Steve Jobs hat an diesem Tag &#8220;drei Geschichten&#8221; (S. 67) erzählt.</p>
<p>Klaus Brinkbäumer und Thomas Schulz lassen die LeserInnen über die Details der Überlieferungsgeschichte im Unklaren. Sie erzählen einfach nur Jobs&#8217; <em>stories</em> nach. &#8220;No big deal&#8221; (S. 67).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Die Mutter</strong></p>
<p>Die erste Geschichte handelt davon, &#8220;wie seine Mutter ihn aufgab, wie er adoptiert wurde, wie er sein Studium abbrach&#8221; (S. 67).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Die Liebe</strong></p>
<p>In der zweiten Geschichte erzählt Jobs, &#8220;dass er als 20-Jähriger gefunden habe, was er liebe, Apple, sein Lebenswerk, und dass er als 30-Jähriger entlassen wurde, doch weitermachte in der Computerwelt, weil er sie liebte&#8221; (S. 67).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Die Krankheit</strong></p>
<p>Die dritte Geschichte dreht sich um seinen &#8220;Bauchspeicheldrüsenkrebs, unheilbar&#8221; (S. 78). So lautete die anfängliche Diagnose.</p>
<p>&#8220;Die Ärzte führten die Schläuche ein, entnahmen Tumorzellen, untersuchten sie, dann weinten die Ärzte. Eine Operation könne ihn wohl doch heilen, er sei eine seltene Ausnahme&#8221; (S. 78).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Be insanely great</strong></p>
<p>Das war 2004. &#8220;Fünf Jahre später fehlte er wieder. Er brauchte eine neue Leber&#8221; (S. 78)</p>
<p>&#8220;Be insanely great&#8221; (S. 72), lautet das Lebensmotto dieses Mannes. Kommentar überflüssig. Oder vielleicht doch nicht?</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Recht haben</strong></p>
<p>Als junger Mann habe er ein Zitat gelesen, wissen Brinkbäumer und Schulz zu berichten. Es lautet:</p>
<p>&#8220;Wenn du jeden Tag lebst, als sei es dein letzter, wirst du irgendwann recht haben&#8221; (S. 78).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Alice-Miller.com</strong></p>
<p>Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Steve Jobs seine Geschichten auf <a href="http://www.alice-miller.com">www.alice-miller.com</a> publiziert hätte statt die Studierenden in Stanford damit zu belasten.</p>
<p>&#8220;Er hasst die eigenen jungen, gesunden Angestellten&#8221; (S. 76).</p>
<p>Seine leibliche Schwester Mona beschreibt ihn in ihrem Roman <em>A Regular Guy</em> als &#8220;Narziss, der verlangte, dass seine Geliebten Jungfrauen zu sein hatten&#8221; (S. 76).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Jobs&#8217; Liebe zum Job</strong></p>
<p>Für Alice Miller (1923-2010) wäre wohl klar, wie die drei Geschichten von Jobs zusammen hängen.</p>
<p>Er empfängt keine Liebe im Elternhaus, lernt sich selbst nicht zu lieben, liebt statt dessen Apple und bringt die Welt dazu, es ihm gleich zu tun.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>The body never lies</strong></p>
<p>Aber das alles behebt den Mangel im Inneren nicht. Jobs&#8217; Liebe zum Job ist keine Liebe zu Jobs.</p>
<p style="text-align: left;">Ohne authentische Selbstliebe versagt der Körper irgendwann den Dienst. <em>The body never lies</em>.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Philosoph oder Soziopath</strong></p>
<p>Solche Interpretationen sind den SPIEGEL-Autoren vermutlich zu banal.</p>
<p>Sie schwanken zwischen &#8220;der Philosoph des 21. Jahrhunderts&#8221; (S. 67) und: &#8220;Steve Jobs gilt als diabolisch, als Soziopath, und er hat diesen Ruf zu Recht&#8221; (S. 67).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Poesie? Ethik? Küchenpsychologie?</strong></p>
<p>Als Genrezuschreibung für Jobs&#8217; <em>stories</em> schlagen Brinkbäumer und Schulz vor: &#8220;War das Poesie? Ethik gar? Küchenpsychologie?&#8221; (S. 67)</p>
<p>Vermutlich war es der Hilferuf eines einsamen und emotional schwer verletzten Menschen.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Keine gute Therapeutin</strong></p>
<p>Er ist &#8220;Zen-Buddhist und Vegetarier&#8221; (S. 78). Aber er hat offensichtlich keine gute Therapeutin, keinen helfenden und wissenden Zeugen.</p>
<p>Alice Miller ist am 14. April 2010 im Alter von 87 Jahren gestorben. Das iPad kommt Ende Mai auf den deutschen Markt.</p>
<p><a href="http://www.sandbothe.net">Mike Sandbothe</a></p>
<p>Der Artikel von Klaus Brinkbäumer und Thomas Schulz  ist  unter dem Titel “<a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-70228777.html" target="_blank">Der Philosoph des 21. Jahrhundert</a>s” auf SPIEGEL-Online als digitaler Volltext zugänglich. Die im Artikel ohne Quellenangabe referierte Stanford-Rede von Steve Jobs findet sich sowohl auf dem <a href="http://news.stanford.edu/news/2005/june15/grad-061505.html" target="_blank">News-Sever der Stanford Universitä</a>t als auch auf <a href="http://www.youtube.com/watch?v=UF8uR6Z6KLc" target="_blank">Youtube</a>.</p>
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		<title>SPIEGEL-Surfing (Der Spiegel, Nr. 14, 3. April 2010)</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Apr 2010 11:01:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mike</dc:creator>
				<category><![CDATA[Der Spiegel]]></category>

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		<description><![CDATA[Laut SPIEGEL gehört unser Umweltminister Norbert Röttgen &#8220;zu jener Gruppe, die Merkel-Spotting betreibt&#8221; (S. 25). Der Begriff ist wohl dem TrainSpotting und beides in der Sache dem BirdWatching nachempfunden.
Kanzler, Züge, Vögel
Der Autor des Artikels, Dirk Kurbjuweit,  weiss über&#8217;s Merkel-Spotting folgendes zu berichten: &#8220;Man muss dafür ein Bild von sich als Kanzler haben&#8221; (S. 25).
Das ist [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;">Laut SPIEGEL gehört unser Umweltminister Norbert Röttgen &#8220;zu jener Gruppe, die Merkel-Spotting betreibt&#8221; (S. 25). Der Begriff ist wohl dem<em> TrainSpotting</em> und beides in der Sache dem <em>BirdWatching</em> nachempfunden.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Kanzler, Züge, Vögel</strong></p>
<p>Der Autor des Artikels, Dirk Kurbjuweit,  weiss über&#8217;s <em>Merkel-Spotting</em> folgendes zu berichten: &#8220;Man muss dafür ein Bild von sich als Kanzler haben&#8221; (S. 25).</p>
<p>Das ist beim Züge- und Vögelbeobachten zum Glück anders: die ausführende Person braucht von sich kein Bild als Zug oder Vogel zu haben!</p>
<p style="text-align: center;"><strong><em>SPIEGEL-Watching</em></strong></p>
<p>Ehrlich gesagt, weiss ich auch nicht so genau, wie das beim  <em>MagazinSpottin</em>g oder <em>SPIEGELwatching</em> ist.</p>
<p>Aber ich setze auf die Analogie mit den Zügen und Vögeln.</p>
<p style="text-align: center;"><strong><em>Feature-Hopping</em></strong></p>
<p>In dieser (nach)österlichen Woche kommt noch eine weitere Komplikation hinzu. Aus Mangel an Anziehungskraft ist es mir nicht gelungen, mein <em>Spotting</em> auf einen einzelnen SPIEGEL-Artikel zu fokussieren.</p>
<p>Deshalb: &#8220;SPIEGEL-Surfing&#8221;. Man könnte auch von <em>Artikel-Zapping</em> oder <em>Feature-Hoppin</em>g reden.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Minister für Weltrettung</strong></p>
<p>Aber worum geht es? Ja, genau das war meine Frage als ich den SPIEGEL-Artikel &#8220;Die Rache des Maschinisten&#8221; über Norbert Röttgen gelesen habe. Oder anders gefragt: Wozu soll das gut sein?</p>
<p>Intellektuellen-Schelte?</p>
<p>Minister-Bashing?</p>
<p>Weltrettungs-Dämmerung?</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Abgerutscht</strong></p>
<p>Irgendwie ist es wohl all&#8217; das zusammen und noch einiges mehr.</p>
<p>Kurbjuweit über Röttgen: &#8220;Er wurde Umweltminister, weil das im Herbst 2009 nach einer großen Aufgabe aussah. Die Klimakonferenz von Kopenhagen (&#8230;) ist jedoch gescheitert (&#8230;) und seither ist das ganze Thema abgerutscht. Röttgen darf sich nicht mehr als Minister für Weltrettung fühlen&#8221; (S. 25).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Die Wirklichkeit ist niemals naiv</strong></p>
<p>Ich bin naiv. Deshalb finde ich, dass man als Medienmensch ein Thema wie dieses nicht einfach so &#8216;abrutschen&#8217; lassen darf; zumal es da ja auch neben &#8220;den Themen&#8221; noch &#8220;die JournalistInnen&#8221; gibt.</p>
<p>Die sind doch nicht einfach nur <em>ThemenSpotte</em>r und <em>KampagnenWatcher</em>. Die machen doch auch ein Stück weit selber die Musik. Wenn sie mutig sind und es wirklich wollen!</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Obamas Säkularisierung</strong></p>
<p>Wie gesagt, ich bin naiv. Aber im SPIEGEL-Kommentar von Klaus Brinkbäumer steht: &#8220;Die Wirklichkeit ist niemals naiv&#8221; (S. 87). Hm. Und wer definiert die? Vielleicht die triadische Geschichtsphilosophie von Herrn Brinkbäumer?</p>
<p>Über Aufstieg und Fall von &#8220;St. Barack&#8221; (S. 87), also des amtierenden US-Präsidenten, berichtet der SPIEGEL-Journalist wie folgt: &#8220;Nach Erscheinung und Kreuzigung erleben wir so etwas wie eine Säkularisierung&#8221; (S. 87).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Eine schlechte Angewohnheit</strong></p>
<p>So konstruiert man Themenkarrieren. Statt <em>ThemenWatching</em> doch lieber <em>CampaignCreating</em>?</p>
<p>Aber ist das wirklich &#8220;die Wirklichkeit&#8221;? Oder nur eine schlechte Medienangewohnheit?</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Mit dem Hammer</strong></p>
<p>&#8220;Heilung ist nicht möglich.&#8221; Das erfahren wir auf S. 127. Es spricht der französische &#8220;Dandy-Philosoph&#8221; (S. 126) Bernard-Henri Lévy. Romain Leick hat ihn in Paris interviewt und das dann im SPIEGEL drucken lassen.</p>
<p>Lévy besichtigt Kriege und philosophiert &#8220;mit dem Hammer&#8221; (S. 127). Er wollte kein akademischer Philosoph werden.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Flickwerk-Philosophie</strong></p>
<p>&#8220;Wirft man mir vor, zu nahe am Journalismus, an der Reportage, an der Literatur zu sein? Bitte &#8211; in der Flickwerkphilosophie hat auch der gute Reporter seinen Ehrenplatz&#8221; (S. 127).</p>
<p>Gar keine schlechte Idee! Während die Mehrzahl der JournalistInnen den Themenkarrieren hinterher rennt oder diese (je nach Medium) tatkräftig mitkonsturiert, machen die avantgardistischen PhilosophInnen den alten JournalistInnenjob und schreiben ordentliche Reportagen.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Prof. Dr. Paps</strong>t</p>
<p>Und was wird aus dem Papst? Der &#8220;(UN)FEHLBARE&#8221; (SPIEGEL-Titel) ist ja immerhin der Aufmacher dieser SPIEGEL-Woche. Aber der Mann steht &#8220;mit leeren Händen&#8221; da (S. 74). Denn er ist ein &#8220;Intellektuellen-Papst&#8221; (S. 76). Ihm fehlt die Bodenhaftung, sprich: die Medienehrfurcht.</p>
<p>&#8220;Eine Zeitlang genoss er sogar das ungeteilte Wohlwollen des Feuilletons. Dennoch drang Benedikts Botschaft nicht durch. Der oberste Theologe, Prof. Dr. Papst, verlor den engen Kontakt zu seinen Schutzbefohlenen&#8221; (S. 78).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Metaphysische Zentralheizung</strong></p>
<p>Das erfahren wir von Fiona Ehlers, Gregor Peter Schmitz, Ulrich Schwarz, Alexander Smoltcyk und Peter Wensierski. Und sie wissen auf zehn SPIEGEL-Seiten noch mehr über den Oberhirten und seine Schäfchen zu berichten:</p>
<p>&#8220;Die meisten seiner Landsleute haben sich in Wahrheit längst in einer privaten Glaubenswelt eingerichtet. Sie haben durchaus den Wunsch nach einer metaphysischen Zentralheizung, wenn&#8217;s kälter wird im Leben. Aber bitte ohne Institution und ohne Zumutungen&#8221; (S. 78).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>In Anderer Glück sein eigenes finden</strong></p>
<p>Gelten Schweizer auch als Landsleute? Irgendwie schon. Vor allem, wenn sie ihre Steuern in Frankfurt am Main bezahlen. Wie Josef Ackermann, &#8220;der Bösewicht&#8221; (S. 4). Er möchte, dass die Menschheit ihn so sieht, wie er sich selbst sieht. &#8220;Der Getriebene&#8221; (S. 58).</p>
<p>Der SPIEGEL ist gern behilflich und zitiert aus Ackermanns privater Glaubenswelt: &#8220;In Anderer Glück sein eigenes finden, ist dieses Leben Seligkeit &#8211; und anderen Menschen Wohlfahrt gründen, schafft göttliche Zufriedenheit&#8221; (S. 61).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Ein spirituelles Wesen</strong></p>
<p>Auch Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio leistet einen Beitrag zum österlichen SPIEGEL-Thema.</p>
<p>Seiner Ansicht nach ist die Säkularisierung an ihr Ende gekommen. Und zwar, &#8220;weil der Mensch ein spirituelles Wesen ist, das sucht und sich nicht allein mit Konsum und Zweckrationalität begnügt&#8221; (S. 30).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Positive Grundeinstellung zur Religion</strong></p>
<p>Nun bin ich selbst überrascht. Obamas Säkularisierung und die Wiederkehr der privaten Spiritualität gehen im Oster-SPIEGEL Hand in Hand.</p>
<p>Die politische Hoffnung auf die öffentliche Politik tritt zurück hinter die private Besinnung auf &#8220;die alten Werte der Gebirgswelt&#8221; (S. 61) und &#8220;eine positive Grundeinstellung unseres Verfassungsstaates zur Religion&#8221; (S. 30).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Minister für Entwarnung</strong></p>
<p>Was aber wird aus den großen Weltkrisen? Sicherheitskrise. Ressourcenkrise. Klimakrise. Und, ach ja: Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Fiskalkrise.</p>
<p>Ganz einfach. Wir haben jetzt einen &#8220;Minister für Entwarnung&#8221; (S. 18). Das ist Thomas de Maizière.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Der Zusammenhalt der Gesellschaft</strong></p>
<p>Von Simone Kaiser, René Pfister, Marcel Rosenbach und Holger Stark erfahren wir über ihn:</p>
<p>&#8220;In seinem ersten großen Interview sagte er, mit dem Begriff &#8216;innere Sicherheit&#8217; könne er wenig anfangen. Seine Aufgabe sei vielmehr, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken&#8221; (S. 18).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Ein Land steht am Abgrun</strong><strong>d</strong></p>
<p>Am Beispiel des Alltags einer griechischen Familie zeigt der SPIEGEL was passiert, wenn man das nicht tut: &#8220;Ein Land steht am Abgrund &#8211; und niemand hat es kommen sehen&#8221; (S. 48).</p>
<p>Der Bielfelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer aber sieht es kommen. Und zwar in Deutschland: &#8220;Wutgetränkte Apathie&#8221; (S. 70).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Nationale Demokratie-Entleerung</strong></p>
<p>Mit der Fiskalkrise kämen Finanz- und Wirtschaftskrise nun auch bei den einzelnen BürgerInnen an. Die öffentlichen Finanzen bluteten aus. Langzeitarbeitslose würden zum Buhmann der Gesellschaft.</p>
<p>&#8220;Drei von vier Befragten sagen, dass sich Solidarität, Gerechtigkeit und Fairness in dieser Gesellschaft nicht mehr verwirklichen lassen&#8221; (S. 71). Woran liegt das?</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Der autoritäre Kapitalismus</strong></p>
<p>&#8220;Viele Menschen merken, dass die Demokratie die Kontrolle verliert gegenüber dem Kapital, das wiederum Kontrolle gewinnt und gnadenlos ausübt&#8221; (S. 71).</p>
<p>Und weiter schreibt Heitmeyer: &#8220;Der autoritäre Kapitalismus hat es geschafft, seine Verwertungskritierien ohne Widerstand der ganzen Gesellschaft überzustülpen&#8221; (S. 71).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Kulturpolitik heute</strong></p>
<p>Ist das wirklich die rechte Zeit für ein Abdanken der öffentlichen Politik und eine Besinnung auf private Glaubenswelten?</p>
<p>Oder geht es heute kulturpolitisch nicht vielmehr darum, öffentliches Engagement und private Spiritualität auf neue Weise miteinander zu verbinden?</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Nachhaltiger Journalismus</strong></p>
<p>Wie sähen wirklich nachhaltig fungierende Öffentlichkeiten aus, in denen planetarische Themen wie der Klimawandel nicht einfach mal eben &#8216;abrutschen&#8217;?  Und wie könnte Demokratie in transnationalen Institutionen neue Gestalt gewinnen?</p>
<p>Das sind Fragen, mit denen der SPIEGEL seine geneigten LeserInnen zu Ostern leider nicht konfrontiert. Warum eigentlich?</p>
<p><a href="http://www.sandbothe.net" target="_blank">Mike Sandbothe</a></p>
<p style="margin: 0.0px 0.0px 0.0px 0.0px; font: 12.0px Helvetica;">Einge der zitierten Artikel sind auf <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2010-14.html" target="_blank">SPIEGEL-Onlin</a>e als digitale Volltexte zugänglich.</p>
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		<item>
		<title>&#8220;Zeit der Exzesse&#8221; (Der Spiegel, Nr. 50, 7. Dezember 2009, S. 152-161)</title>
		<link>http://www.mediary.org/?p=886</link>
		<comments>http://www.mediary.org/?p=886#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 24 Dec 2009 14:11:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mike</dc:creator>
				<category><![CDATA[Der Spiegel]]></category>

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		<description><![CDATA[Dirk Kurbjuweit (47), Gabor Steingart (47) und Merlind Theile (33) befassen sich im SPIEGEL-Titelfeature Nr. 50 mit dem &#8220;verlorenen Jahrzehnt&#8221; und der weitreichenden Frage &#8220;was die Welt aus einer Dekade der Unvernunft lernen muss&#8221; (Spiegelcover).
In ihrem Artikel führen sie vor Augen, wie ein kulturpolitisch tiefgreifender Journalismus in Zeiten des Übergangs Orientierung geben kann.
Schlimmer hätte es kaum kommen können
Die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Dirk Kurbjuweit (47), Gabor Steingart (47) und Merlind Theile (33) befassen sich im <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-68074007.html" target="_blank">SPIEGEL-Titelfeature Nr. 50</a> mit dem &#8220;verlorenen Jahrzehnt&#8221; und der weitreichenden Frage &#8220;was die Welt aus einer Dekade der Unvernunft lernen muss&#8221; (<a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-68074007.html" target="_blank">Spiegelcover</a>).</p>
<p>In ihrem Artikel führen sie vor Augen, wie ein kulturpolitisch tiefgreifender Journalismus in Zeiten des Übergangs Orientierung geben kann.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Schlimmer hätte es kaum kommen können</strong></p>
<p>Die Autorin und die beiden Autoren sehen die &#8220;nuller Jahre&#8221;  als strukturelle &#8220;Krisenjahre&#8221; (S. 153).</p>
<p>Ihre Grundthese über das erste Jahrzehnt des dritten Jahrtausends lautet: &#8220;9/11-Krise, Klimakrise, Finanzkrise, Demokratiekrise. Das alles summierte sich zu einer Gesamtkrise des Westens. Schlimmer hätte es kaum kommen können&#8221; (S. 153).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Journalistische Vorbildfunktion</strong></p>
<p>Nun, natürlich hätte es noch schlimmer kommen können. Und außerdem hat es nicht nur den Westen getroffen. Aber ein wenig Dramatisierung muss im SPIEGEL selbst dann noch sein, wenn wirklich einmal authentisch gedacht wird. Und das geschieht in diesem Artikel.</p>
<p>Es wäre ein grosses Geschenk an den Immer-Noch-Kulturstandort Deutschland, wenn es dem SPIEGEL im neuen Jahrzehnt insgesamt gelingen wollte, die grossen Entwicklungen unserer Zeit ähnlich intelligent und vernetzt zu analysieren, wie es die drei JournalistInnen in diesem Artikel tun.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Vernetztes Krisendenken und globale Regierungsstruktur</strong></p>
<p>Al Gore ist wohl einer der ersten gewesen, die darauf hingewiesen haben, wie wichtig es ist, die verschiedenen Krisen unserer Zeit in ihrem Zusammenhang zu sehen.</p>
<p>Tut man dies nicht, dann kann die vermeintliche Lösung der einen Krise (Beispiel: Wirtschaftskrise) zu einer Verschärfung der anderen (Beispiel: Klimakrise) führen.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Die journalistische Kultur</strong></p>
<p>Der Blick auf das in Transformation befindliche Ganze motiviert nicht nur zum  gezielten &#8220;Suchen nach einer globalen Regierungsstruktur&#8221; (S. 161).</p>
<p>Er zeigt auch, wie wichtig es ist, dass die journalistische Kultur eine globalisierte Form des vernetzten Denkens in ihr Selbstverständnis integriert.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Über nationale Verengungen hinaus</strong></p>
<p>Mehr noch: In demokratischen Staaten (und nicht nur in diesen) darf es heute als eine zentrale Aufgabe der nationalsprachlich verfassten Medienwelten gelten, über die nationale Verengung der Politik im eigenen Land hinaus zu denken.</p>
<p>Der Artikel von Kurbjuweit, Steingart und Theile  tut das auf überzeugende Weise.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Die politischen Strukturen fehlen</strong></p>
<p>So stellen sie heraus: &#8220;Das erste Jahrzehnt hat gezeigt, dass die Welt zusammenwächst, dass die Abhängigkeiten zunehmen, aber dass die politischen Strukturen dafür fehlen&#8221; (S. 161).</p>
<p>Das bedeutet konkret: &#8220;Es gibt keinen wirksamen Mechanismus, der den Frieden erhält. Es gibt keine gemeinsame Finanzaufsicht. Es gibt kein weltumspannendes Regierungsgremium, das sich permanent um Klimaschutz kümmert&#8221; (S. 161).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Hoffnung auf das Netz</strong></p>
<p>Für die drei SPIEGEL-AutorInnen erwächst Hoffnung auf Behebung dieser weltpolitischen Defizite aus einer &#8220;technologischen Entwicklung&#8221; (S. 154). Gemeint ist das Internet.</p>
<p>Dieses könne - so die AutorInnen weiter - &#8221;eine Weltöffentlichkeit herstellen&#8221; und damit ein Fundament liefern &#8220;für die politischen Entscheidungen in einer Welt, die globales Regieren braucht&#8221; (S. 161).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Rollenverteilung strittig</strong></p>
<p>Tatsächlich ist es kulturpolitisch von zentraler Wichtigkeit, den Zusammenhang zu sehen, der zwischen den großen Transformstionsbewegungen (Sicherheitskrise, Wirtschaftskrise, Klimakrise, Demokratiekrise) und der medientechnologischen Digitalisierung besteht.</p>
<p>Allerdings lässt sich über die Verteilung der Rollen diskutieren.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Das Internet als Mitverursacher der Krisen</strong></p>
<p>Es gibt durchaus ernstzunehmende Argumente dafür, dass die grossen Krisen unserer Zeit in einem gewissen Maße zugleich auch Reaktionen auf die digitale Vernetzung sind.</p>
<p>Dann wäre das Internet nicht nur ein Teil der Lösung, sondern auch ein Teil des Problems. Vielleicht sogar ein Mitverursacher der Krisen.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Unser Gebrauch des Netzes</strong></p>
<p>Genauer formuliert: eine bestimmte Art und Weise das Netz zu nutzen bzw. das Netz nicht zu nutzen hat mit zu einem Teil der Probleme geführt, vor denen wir heute stehen.</p>
<p>Mithilfe der digitalen Computerverbünde wurden zwar die globalen Märkte und Finanzströme eng verzahnt, aber nicht die globale Politik und der weltweite Journalismus.</p>
<p>Aus dieser Perspektive haben PolitikerInnen und JournalistInnen bis heute einen eklatanten Nachholbedarf in Sachen Globalisierung.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Kulturpolitischer Dornröschen-Schlaf</strong></p>
<p>Vielleicht ist &#8220;das verlorene Jahrzehnt&#8221; vor allem deshalb verloren, weil weder die Politik noch der Journalismus aus der nationalsprachlich verfassten Buchdruckkultur schnell genug aufgewacht sind.</p>
<p>Anders als die BankerInnen und die globalen WirtschaftsführerInnen haben die PolitikerInnen und JournalistenInnen in vielen Ländern allzu lange versucht, die transnationale Mediendynamik durch die Verengung auf&#8217;s Nationale zu unterwandern.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Ein Hauch von Passivität</strong></p>
<p>Ein Hauch dieser passiven Strategie findet sich selbst noch in dem sonst vorbildichen Artikel von Kurbjuweit, Steingart und Theile.</p>
<p>So werden die &#8221;vier schweren Krisen&#8221; (S. 154) von ihnen nicht als Prozesse beschrieben, die in sich selbst utopische Veränderungspotentiale bzw. kulturpolitische Gestaltungsoptionen bergen.</p>
<p>Aus Sicht der Autoren ist es statt dessen in erster Linie die externe &#8220;technologische Entwicklung, die Hoffnung macht&#8221; (S. 154).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Das globale Gemeinwesen</strong></p>
<p>Wieso das? Oder mit den Worten von Kurbjuweit, Steingart und Theile selbst gefragt: &#8220;Kann ein interaktives Medium ein Gemeinwesen beleben?&#8221; (S. 160)</p>
<p>Sicherlich nicht von allein. Es sind die Menschen, die mit Hilfe des technischen Mediums das Gemeinwesen einer globalisierten Demokratie gestalten.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Determinismus</strong></p>
<p>So stellen sich die Dinge jedenfalls aus der Sicht eines aktiven Denkens und Handelns dar, das von den neuen Instrumenten einen verantwortungsvollen und selbstbewussten Gebrauch macht.</p>
<p>Demgegenüber gibt es bei den SPIEGEL-AutorInnen einen gewissen Rest deterministischen Denkens.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Die Rückkehr der Geschichte</strong></p>
<p>Streckenweise projizieren sie ihre Hoffnungen allzu sehr auf die technische Eigendynamik des Internet oder eine fast schon religiös anmutende  &#8221;Rückkehr der Geschichte&#8221; (S. 161)</p>
<p>Doch diese ist genauso offen wie die Art und Weise, wie wir von den neuen technologischen Entwicklungen Gebrauch machen.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Menschen machen Geschichte</strong></p>
<p>Menschen machen Geschichte und nutzen Medien zu diesen oder jenen Zwecken.</p>
<p>Es ist nicht &#8220;die Geschichte&#8221;, die handelt. Und es ist nicht &#8220;das Ínternet&#8221;, das die dringend benötigte globale Demokratie aus sich heraus hervorbringt.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Demokratische Staatengemeinschaften</strong></p>
<p>Die Rettung der Demokratie durch Globalisierung der Politik wäre vor allem und in erster Linie eine Aufgabe der demokratischen Staatengemeinschaften. Zum Glück ist das auch den AutorInnen klar:</p>
<p>&#8220;Die ersten Länder, die den Klimaschutz ernst genommen haben, waren die Mitgliedstaaten der Europäischen Union, auch sie zu spät, aber immerhin: Sie sind Vorreiter geworden. Das heißt, dass ein wesentlicher Teil der westlichen Welt die Kraft zur Einsicht und zur Korrektur hat&#8221; (S. 161).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Vorreiter demokratischer Weltpolitik</strong></p>
<p style="text-align: left;">Welche nationalen Parlamente werden Vorreiter dabei sein, sich selbst schrittweise ein wenig zurückzunehmen?</p>
<p style="text-align: left;">Welche Staaten werden dereinst als erste bereit sein, ihren Einfluß zugunsten eines demokratisch zu wählenden Weltparlaments ein Stück weit einzuschränken?</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Was wir haben und was wir brauchen</strong></p>
<p>Wir haben eine globalisierte Wirtschaft. Wir haben globalisierte Finanzströme. Wir haben eine globale Schuldenkrise der Nationalstaaten. Wir haben eine planetarische Klimakrise. Wir haben weltweiten Terrorismus und weltweite Migration.</p>
<p>Was wir brauchen ist ein verantwortungsbewusstes Weltbürgertum und eine globalisierte demokratische Politik.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Sich neu erfinden</strong></p>
<p>Es tut gut, wenn JournalistInnen vor Augen führen, wie man global, langfristig und verantwortungsvoll denkt.</p>
<p>Es wäre noch schöner, wenn BürgerInnen und PolitikerInnen das zum Anlass nähmen, sich selbst in einem planetarischen Rahmen neu zu erfinden.</p>
<p>So könnte die Menschheit im kommenden Jahrzehnt vielleicht lernen, den globalen Problemen gemäß auf veränderte Weise demokratisch intelligent zu handeln.</p>
<p><a href="http://www.sandbothe.net" target="_blank">Mike Sandbothe</a></p>
<p>Der Artikel von Dirk Kurbjuweit, Gabor Steingart und Merlind Theile ist unter dem Titel &#8220;<a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-68074007.html" target="_blank">Zeit der Exzesse</a>&#8221; auf SPIEGEL-Online als digitaler Volltext zugänglich.</p>
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		<title>&#8220;Das Böse lebt in der Tat.&#8221; Ein Gespräch mit Hans-Ludwig Kröber, Deutschland bekanntestem Gerichtspsychiater, Die Zeit, Nr. 44, 22. Oktober 2009, S. 39</title>
		<link>http://www.mediary.org/?p=815</link>
		<comments>http://www.mediary.org/?p=815#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 28 Oct 2009 10:27:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mike</dc:creator>
				<category><![CDATA[Die Zeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Zitat von Hans-Ludwig Kröber (58), mit dem der ZEIT-Wissenschaftsredakteur Ulrich Schnabel (47) sein Interview überschreibt, lässt sich als eine mögliche Antwort auf die Leitfrage des gesamten Heftes lesen. Auf dem ZEIT-Cover Nr. 44 ist diese in fetten roten Lettern wie folgt formuliert: &#8220;Woher kommt das Böse?&#8221;
Immer noch &#8220;böse&#8221;
&#8220;Das Böse lebt in der Tat&#8221; klingt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Zitat von Hans-Ludwig Kröber (58), mit dem der ZEIT-Wissenschaftsredakteur Ulrich Schnabel (47) sein Interview überschreibt, lässt sich als eine mögliche Antwort auf die Leitfrage des gesamten Heftes lesen. Auf dem<a href="http://www.zeit.de/2009/44/index"> </a><a href="http://www.zeit.de/2009/44/index" target="_blank">ZEIT-Cover Nr. 44</a> ist diese in fetten roten Lettern wie folgt formuliert: &#8220;Woher kommt das Böse?&#8221;</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Immer noch &#8220;böse&#8221;</strong></p>
<p>&#8220;Das Böse lebt in der Tat&#8221; klingt wie eine gut geerdete, recht pragmatische Antwort auf eine spekulative Frage. Kröber philosophiert nicht über das Wesen des Menschen, sondern sagt statt dessen etwas über sein Handeln.</p>
<p>&#8220;Man muss kein böser Mensch sein, um böse Taten zu begehen.&#8221; Das klingt unprätentiös. Und doch ist in diesem Satz noch immer vom Bösen die Rede.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Alternative Wortwahl</strong></p>
<p>In der christlichen Welt ist der Begriff des Bösen von Religion und Metaphysik geprägt. Aufgrund der damit verbundenen Assoziationen ist es nicht einfach, ihn aus dem alten Denken gemäß Wesensbestimmungen in ein neues Denken gemäß Handlungskategorien zu übertragen.</p>
<p>Aber Kröber macht einen guten Übersetzungsvorschlag, wenn er schreibt: &#8220;Für den, der Böses erlebt &#8211; also Demütigung, Qual und Zerstörung -, für den ist dieses Erleben unauslöschbar.&#8221;</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Nicht konsequent</strong></p>
<p>Zwar mag die These von der Unauslöschbarkeit den meisten LeserInnen nicht unmittelbar einleuchten. Aber der pragmatische Vorschlag, die Rede vom Bösen durch die konkreten Bestimmungen &#8220;Demütigung, Qual und Zerstörung&#8221; zu ersetzen, wird vermutlich als hilfreich und klärend empfunden.</p>
<p>Körber setzt diesen Vorschlag jedoch nicht wirklich um. Wäre er konsequent, würde er in seinen Kernaussagen die alternative Wortwahl realisieren.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Unauslöschbar</strong></p>
<p style="text-align: left;">Statt: &#8220;Das Böse lebt in der Tat&#8221; hieße es dann: &#8220;Demütigung, Qual und Zerstörung leben in der Tat&#8221;. Und der Satz &#8220;Man muss kein böser Mensch sein, um böse Taten zu begehen&#8221; würde ersetzt durch die alternative Formulierung &#8220;Man muss kein gewalttätiger Mensch sein, um zu demütigen, zu quälen und zu zerstören.&#8221;</p>
<p style="text-align: left;">Kröbers Grund dafür, dass er weiterhin vom Bösen spricht, hat vermutlich damit zu tun, dass er es für unverzichtbar hält, die Erfahrung von Demütigung und Grausamkeit als &#8220;unauschlöschbar&#8221; und &#8220;nicht relativierbar&#8221; zu klassifizieren.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Unmittelbares Erleben</strong></p>
<p>Der Gerichtspsychiater definiert &#8220;das Böse als eine Wahrnehmungskategorie, eine Form des unmittelbaren Erlebens&#8221;. Und er fährt fort: &#8220;So wie wir etwas als schön oder eklig empfinden, so erleben wir auch ein bestimmtes Handeln &#8211; ob wir es wollen oder nicht &#8211; als böse.&#8221;</p>
<p>Demütigung, Qual und Zerstörung sind demgegenüber Worte, deren Anwendung stärker auf intersubjektive Deutungsverhältnisse verweist.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>In Graden</strong></p>
<p>Was als demütigend und als grausam empfunden wird, unterliegt kultureller und historischer Variabilität. Grausames und demütigendes Verhalten kommt in Graden.</p>
<p>Aus diesem Grund können die damit verbundenen Erfahrungen sowohl auf der Seite des Täters als auch auf Seiten des Opfers zumindest partiell therapierbar, löschbar, heilbar sein.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Eine Art innerer Arztkittel</strong></p>
<p>Das aber ist eine Vorstellung, die dem Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie an der Berliner Charité nicht gefällt; was vermutlich wiederum ganz praktische Gründe hat.</p>
<p style="text-align: left;">Sein Beruf zwingt ihn dazu, sich immer wieder mit den Details und den Folgen von hochgradig demütigenden und extrem grausamen Handlungen auseinander zu setzen. Den Begriff des Bösen verwendet er dabei wie &#8220;eine Art inneren Arztkittel&#8221;.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Unterschiedliche Beispielsphären</strong></p>
<p>Psychische und physische Gewaltausübung gegenüber Frauen, Schwarzen und Kindern war lange Zeit ein Teil der christlichen Kultur. Erst unter demokratischen Lebensbedingungen hat sich dies im Zeitalter der Aufklärung in den letzten beiden Jahrhunderten zu ändern begonnen.</p>
<p>Doch diese historischen Einstellungsveränderungen in der kulturellen Wahrnehmung von Gewalt laufen quer zu den Einzelfällen, mit denen der Gerichtspsychiater zu tun hat. Seine Beispielsphäre hat eine andere, eine radikalere Natur.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Nicht leicht, sitzen zu bleiben</strong></p>
<p>Die folgenden Sätze geben Einblick in die berufliche Praxis der forensischen Begutachtung:</p>
<p>&#8220;Es gibt doch Einzelne, die so viel Hass und Vernichtungswillen aufgebaut haben, dass sie sich immer wieder Situationen suchen, in denen sie dies ausleben können. Selbst im späteren Erzählen töten sie ihr Opfer noch einmal genüsslich. Da ist es manchmal nicht leicht, sitzen zu bleiben und brav mitzuschreiben.&#8221;</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Professionsspezifische Grenzen</strong></p>
<p>Die problematische Seite des Gesprächs, das Ulrich Schnabel mit Hans-Ludwig Körber geführt hat, besteht in der Tendenz zur Verallgemeinerung.</p>
<p>Da Kröbers Verwendung des Wortes &#8220;böse&#8221; sich aus seiner individuellen Erfahrung mit Extremsituationen ergibt, stößt sein öffentlicher Beitrag zur Säkularisierung unseres moralischen Vokabulars an private und professionsspezifische Grenzen.</p>
<p>An manchen Stellen im ersten Teil seines Interviews gelingt es Schnabel das auch deutlich werden zu lassen. Im zweiten Teil jedoch überwiegen generalisierende Fragestrategien.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Kulturpolitische Risiken</strong></p>
<p>Aus meiner Sicht macht das ZEIT-Gespräch einen Schritt in die richtige Richtung. Doch das Festhalten am Begriff des Bösen birgt kulturpolitische Risiken.</p>
<p>Zwar erscheint &#8220;das Böse&#8221; nicht länger als objektiver Tatbestand oder gar als personifizierte Instanz. Statt dessen aber wird die Fähigkeit, gewalttätige Handllungen als böse wahrzunehmen, der biologischen Verfassung der menschlichen Art zugeschrieben.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Minimalbedingungen<br />
</strong></p>
<p>In diesem Sinn schreibt Kröber: &#8220;Sofern wir bestimmte Minimalbedingungen des Aufwachsens erleben, funktionieren wir in der Regel leidlich gut und tun uns gegenseitig kein Leid an.&#8221; Und weiter: &#8220;Am Reißbrett hätte man unsere Spezies kaum besser entwerfen können.&#8221;</p>
<p>Für mein Gefühl sind die kulturellen Rahmenbedingungen, die zu erfüllen sind, um Demütigung und Grausamkeit in menschlichen Gesellschaften zu verringern und Solidarität zu stärken, alles andere als minimal.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Kulturelle Plastizität</strong></p>
<p>Es bedarf vielmehr demokratischer Institutionen und vielfältiger edukativer Aktivitäten im Bereich von Kultur, Medien und Politik, um die große Plastizität, die den Menschen evolutionär auszeichnet, in eine gewaltfreie Richtung zu orientieren.</p>
<p>Damit will ich nicht sagen, dass das Menschentier von Natur aus grausam ist. Vielmehr lassen sich auch gewalttätige Gesellschaften (und Menschen) als Ergebnis kultureller Formung beschreiben. Antidemokratische Institutionen, schwarze Pädagogiken und autoritäre Sozialisationsmethoden haben sich dabei als besonders wirksame Formungsinstrumente erwiesen.</p>
<p><a href="http://www.sandbothe.net" target="_blank">Mike Sandbothe</a></p>
<p>Das Gespräch, das Ulrich Schnabel mit Hans-Ludwig Kröber geführt hat, ist als Volltext unter dem Titel &#8220;<a href="http://www.zeit.de/2009/44/Interview-Das-Boese" target="_blank">Das Böse lebt in der Tat</a>&#8221; auf ZEIT-Online zugänglich.</p>
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		<title>&#8220;Der Tod, mein Lebensbegleiter&#8221; (Der Spiegel, Nr. 36, 31. August 2009, S. 32-44)</title>
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		<pubDate>Sun, 13 Sep 2009 11:49:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mike</dc:creator>
				<category><![CDATA[Der Spiegel]]></category>

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		<description><![CDATA[Auf der Titelseite des SPIEGEL Nr. 36 ist der langjährige Spiegeljournalist Jürgen Leinemann (72) abgebildet. Er hat Krebs und darüber ein Buch geschrieben. Der SPIEGEL druckt dreizehn Seiten aus dem am 17.  September erscheinenden Werk als Titelgeschichte unter der Überschrift: &#8220;&#8216;Gestern wollte ich wieder sterben.&#8217; Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann über sein Leben mit Krebs&#8221; (SPIEGEL, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Auf der <a href="http://wissen.spiegel.de/wissen/archiv/inhalt/inhalt.html?q=SP&amp;j=2009&amp;a=36" target="_blank">Titelseite des SPIEGEL Nr. 36</a> ist der langjährige Spiegeljournalist Jürgen Leinemann (72) abgebildet. Er hat Krebs und darüber ein Buch geschrieben. Der SPIEGEL druckt dreizehn Seiten aus dem am 17.  September erscheinenden Werk als Titelgeschichte unter der Überschrift: &#8220;&#8216;Gestern wollte ich wieder sterben.&#8217; Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann über sein Leben mit Krebs&#8221; (SPIEGEL, Nr. 36, 31. August 2009, Titelseite).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Unbarmherzig bis in den Tod?</strong></p>
<p>Eine Woche später, am 7. September, erscheinen die Leserbriefe im SPIEGEL Nr. 37. Das Spektrum der Kommentare reicht von &#8220;gesundheitspolitisch bedeutsam&#8221; (Nr. 37, S. 8 ) und &#8220;nach dem Lesen habe ich geweint&#8221; über &#8220;Wut&#8221; und &#8220;Feudalismus&#8221; bis zu &#8220;Herr Leinemann hat Privilegien, von denen die meisten nur träumen&#8221; und &#8220;eitel bis in den Tod&#8221;.</p>
<p>Tatsächlich bleibt der Autor auch in seiner vermutlich größten Daseinskrise dem Medium seines Lebens treu: &#8220;Jürgen Leinemann, jahrzehntelang SPIEGEL-Reporter, blickte mit Schärfe auf die Politiker des Landes &#8211; nun blickt er mit derselben Unbarmherzigkeit auf seine Krankheit.&#8221; (Nr. 36, S. 32).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Wie privat darf DER SPIEGEL werden?</strong></p>
<p>Man darf vermuten, dass der SPIEGEL seinem hochverdienten Autor auf diesem Weg etwas zurück zu geben versucht. Öffentliches Schreiben als persönliche Krebstherapie. Fraglos eine sehr pragmatische Form des Journalismus. Unmittelbar wirkungsorientiert. Jedenfalls im Privaten. Und da liegt das Problem, auf das die meisten Leserbriefe reagieren. Wie privat darf der SPIEGEL (in seiner Titelgeschichte) werden?</p>
<p>Nun. Das Anliegen &#8211; so legt der ausführliche Untertitel nahe &#8211; ist ja nicht nur ein privates. Es geht nicht nur um Leinemann: &#8220;Was passiert, wenn der Krebs einen Menschen aus dem gewohnten Leben reißt? Fast eine halbe Million Deutsche erleben es jedes Jahr &#8221; (S. 32).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Warum in der ersten Person?</strong></p>
<p>Aber natürlich hat auch Hartmut Neumann aus Aachen einen wichtigen Punkt. Er fragt sich nämlich in seinem Leserbrief: &#8220;Warum schreiben Literaten und Journalisten so etwas in der ersten Person? Das Elend in der dritten Person (&#8230;) wäre für den Leser viel persönlicher.&#8221; (Nr. 37, S. 8).</p>
<p>Vermutlich liegt in diesem Übergang von der journalistisch kalten zur literarisch warmen Form die therapeutische Qualität des Artikels. Für den Autor jedenfalls. Kulturtherapie wäre auch in der dritten Person möglich. Selbsttherapie bedarf der ersten.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Arbeitsbesessenheit</strong></p>
<p>Jetzt zum Text. Leinemann schreibt: &#8220;Es war Zeit, einen prüfenden Blick auf mein ganzes Leben zu werfen. Tatsächlich war ich erschrocken über die Liste schwerer Krankheiten und über die Leichtfertigkeit, mit der ich alle Warnsignale missachtet hatte, die mich zu Veränderungen meines Lebensstils, insbesondere meiner Arbeitsbesessenheit, hätten veranlassen sollen&#8221; (Nr. 36, S. 34).</p>
<p>Schreiben als Symptom? Journalismus und Besessenheit? Öffentliche Unbarmherzigkeit als Kompensation privater Selbstzweifel? Wie hängen Kultur, Journalismus, Krankheit und Therapie zusammen?</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Flucht aus dem Leben<br />
</strong></p>
<p>Dazu Leinemann in der dritten Person: &#8220;Normalerweise ist der Tod kein Thema in unserer Spaßgesellschaft&#8221; (S. 36).</p>
<p>Und weiter in der ersten: &#8220;Von meiner Kindheit an, über die Pubertät und Studentenzeit bis zu meiner Alkoholkrise in der Lebensmitte, war mir in depressiven Phasen oder in Druck- und Krisensituationen der Gedanke an eine Flucht aus dem Leben durch Selbstmord immer geläufig, allzu geläufig, wie ich heute finde&#8221; (S. 37).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Buchstabenmenschen</strong></p>
<p>&#8220;Du bist ein homme de lettres&#8221; (S. 40) hatte der SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein einmal zu Leinemann gesagt. Was als Segen gemeint war, kann rückwirkend wie ein Fluch wirken.</p>
<p>Buchstabenmenschen sind &#8220;Leute, die durch Wörter zu dem wurden, was sie sind&#8221; (S. 40). Leinemann ist einer von ihnen. Er ist ein Mensch, der vom Medium der Sprache abhängig ist, dessen Droge das Reden und Schreiben ist.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Sprachlos</strong></p>
<p>&#8220;Als ich erwachte war ich sprachlos. Ich war entsetzt, überwältigt. Hätte ich noch reden können, wären mir die Worte versiegt. Ich fühlte mich, als hätte man versucht, mich umzubringen&#8221; (S. 40).</p>
<p>Es war ein &#8220;Eingriff ohne Vorankündigung&#8221; (S. 40). Durchgeführt im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus in Berlin. Ein &#8220;Entlastungsschnitt&#8221;, weil die Luft- und Speiseröhre nach der Operation von Leinemanns Zungengrundkarzinom so angeschwollen war, dass es zu körperlicher Schwäche und geistiger Desorientierung kam.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Der Körper lügt nicht<br />
</strong></p>
<p>Alice Miller hat vor ein paar Jahren ein Buch mit dem Titel &#8220;The Body Never Lies&#8221; (2005) geschrieben. Dieser Titel kam mir in den Sinn als ich den dramatischen Höhepunkt von Leinemanns Leidensgeschichte las.</p>
<p>Mit Tränen in den Augen. Denn schließlich bin ich selbst dreißig Jahre lang ein homme de lettres gewesen.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Eine hallende, weite Leere<br />
</strong></p>
<p>&#8220;Wer wäre ich denn, wenn ich nicht mehr reden könnte?&#8221; (S. 41) &#8220;In diesen sprachlosen Nächten im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus wurde mir bewusst, dass der Rest meines Lebens grundlegend anders ablaufen würde als die ersten 70 Jahre&#8221; (S. 41).</p>
<p>&#8220;Eine hallende, weite Leere breitete sich in mir aus&#8221; (S. 40).)</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Jenseits der Sprache<br />
</strong></p>
<p>Diese Leere habe auch ich in meinem Leben kennen gelernt. Mittlerweile empfinde ich sie als durchaus positiv. Ich spüre darin den freien Raum, der sich eröffnet, sobald ein wohl konditioniertes Sprachtier entdeckt, dass es sich auch in anderen Medien als der Sprache selbst erschaffen kann.</p>
<p>Leinemanns Quintessenz aus der von ihm erlebten &#8220;Angst vor einem Leben ohne Sprache&#8221; (S. 41) liest sich so: &#8220;Das hat nicht nur mein Schreiben verändert, sondern auch meinen Blick auf die Politik und meine Profession. Ich habe mir so etwas wie ein inneres Geländer gezimmert&#8221; (S. 41).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Die Haltung des Journalisten<br />
</strong></p>
<p>Das sieht so aus: &#8220;In seiner Haltung hat die Freiheit des Journalisten ihren Rückhalt. Für mich sind zwei Sätze als Leitlinien bestimmend geworden. Der erste heißt: Wirklichkeit ist alles, wo man durchmuss. Der zweite ist eine Gedichtzeile von Peter Rühmkorf: &#8216;Bleib erschütterbar und widersteh&#8217;&#8221; (S. 41).</p>
<p>Gibt es für den Autor Leinemann ein Jenseits seiner Autorschaft? Hat Leinemann sich selbst und die Welt unabhängig von der Macht der Sprache fühlen und lieben gelernt?</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Sylt lieben<br />
</strong></p>
<p>Auch meine erste Liebe habe ich auf Sylt entdeckt. Für das Meer und für ein Mädchen namens Corinna. Das war 1973. Bei Leinemann hieß sie Helga, war Chilenin und es geschah 1956.</p>
<p>Auf Sylt spielt auch die Schluss-Szene von Leinemanns Artikel, die ich unkommentiert zum Abschluss zitieren möchte.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Ich freute mich, dass ich lebte<br />
</strong></p>
<p>&#8220;Das Wunderbarste waren die täglichen kurzen Spaziergänge am Meer. Am letzten Tag hing ein dünner Wolkenschleier über dem trägen Wasser, am Horizont im Südwesten leuchtete ein schmaler heller Streifen. Ich spürte, wie ich sentimental wurde, die Abschiedsstimmung und der flirrende Glanz des Meeres bewegten mich. Doch die Mühsal des Gehens im feuchten Sand ließ kitschige Weihegefühle nicht wirklich aufkommen. Schwer atmend blieb ich stehen und sah in die Ferne. Und ganz unvermittelt durchflutete mich eine warme Welle der Dankbarkeit &#8211; ich freute mich, dass ich lebte&#8221; (S. 44).</p>
<p><a href="http://www.sandbothe.net" target="_blank">MIKE SANDBOTHE</a></p>
<p>Die Titelstory von Jürgen Leinemann ist unter dem Titel &#8220;<a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-66696023.html" target="_blank">Der Tod, mein Lebensbegleiter</a>&#8221; auf SPIEGEL-Online als Volltext zugänglich.</p>
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		<title>freiheit@unendlich.welt (Der Spiegel, Nr. 33, 10.8.2009, S. 68-81)</title>
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		<pubDate>Thu, 13 Aug 2009 17:10:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mike</dc:creator>
				<category><![CDATA[Der Spiegel]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein gut informiertes und beweglich denkendes Autorenteam hat im SPIEGEL Nr. 33 einen intelligenten Coverbeitrag zum Thema &#8220;Netz ohne Gesetz. Warum das Internet neue Regeln braucht&#8221; (SPIEGEL-Titelseite) geschrieben.
Thomas Darnstädt (60), Frank Hornig (40), Martin U. Möller, Marcel Rosenbach (37) und Hilmar Schmundt (43) integrieren zentrale Elemente der aktuellen Internetdebatte und stellen sie in einen weltpolitischen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein gut informiertes und beweglich denkendes Autorenteam hat im SPIEGEL Nr. 33 einen intelligenten Coverbeitrag zum Thema &#8220;Netz ohne Gesetz. Warum das Internet neue Regeln braucht&#8221; (<a href="http://wissen.spiegel.de/wissen/titel/SP/2009/33/312/titel.jpg" target="_blank">SPIEGEL-Titelseite</a>) geschrieben.</p>
<p>Thomas Darnstädt (60), Frank Hornig (40), Martin U. Möller, Marcel Rosenbach (37) und Hilmar Schmundt (43) integrieren zentrale Elemente der aktuellen Internetdebatte und stellen sie in einen weltpolitischen Horizont: &#8220;Nur einer transnationalen Instanz kann es gelingen, Ordnung zu schaffen. Das Ziel: die globale Netzdemokratie&#8221; (S. 68).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Von nationalstaatlichen zu transnationalen Akteuren<br />
</strong></p>
<p>Grundlegender Wandel in den medialen Strukturen einer Gesellschaft führt über kurz oder lang &#8211; das zeigt die Geschichte &#8211; auch zu grundlegenden Veränderungen in den politischen Systemen. Die Geschichte der modernen Demokratien war bisher eng verzahnt mit der Mediengeschichte des Buchdrucks und der Entwicklung der Nationalstaaten.</p>
<p>Die politisch zentrale Frage angesichts globaler Probleme wie der aktuellen Weltwirtschaftskrise und der langfristig wirkenden Klima- und Energiekrise lautet daher: Wie läßt sich das globale Medium Internet nutzen, um produktiv zur Entwicklung einer transnational organisierten Form von Demokratie beizutragen?</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Ominöse Allianz</strong></p>
<p>Ein besonderes Verdienst des Artikels von Darnstädt et.al. liegt darin, deutlich vor Augen zu führen, wie das Festhalten an den althergebrachten politischen Regelungsformen nationalstaatlicher Demokratien in der aktuellen Transformationssituation Gefahr läuft, das Gegenteil dessen zu erreichen, was intendiert ist.</p>
<p>In Deutschland &#8211; so die Autoren &#8211; &#8220;doktert eine ominöse Allianz aus Bundeskriminalamt und privaten Anbietern in einer Grauzone herum&#8221; (S. 73). Mit Blick auf den <em>Vertrag zur Filterung von Kinderpornographie</em>, den Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen in diesem Jahr auf den Weg gebracht hat,  heißt es im SPIEGEL  weiter:</p>
<p>&#8220;Erstmals in der Geschichte des Grundgesetzes würde gesetzlich eine Art Zensurbehörde eingerichtet&#8221; (S. 72).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Verfassungspolitische Konflikte ersten Ranges</strong></p>
<p>Ein weiteres Beispiel des Autorenteams ist das <em>Gesetz zur Neuregelung der Telekommunikationsüberwachung und anderer <span class="mw-redirect">verdeckter Ermittlungsmaßnahmen</span></em><span class="mw-redirect">. Es ist </span>vor zwei Jahren von Innenminister Schäuble gegen großen öffentlichen Widerstand durch den Bundestag gebracht worden.</p>
<p>Mit diesem Gesetz verbunden sind sowohl die Pflicht von Internet- und Telefonprovidern zur &#8220;sogenannten Vorratsdatenspeicherung&#8221; (S. 71) als auch die Eröffnung von neuen Handlungsspielräumen, die das Bundeskriminalamt zur &#8220;heimlichen Online-Untersuchung&#8221; (S. 71) von privaten Computern erhalten hat.</p>
<p>Sowohl hinter von Leyens Vertrag als auch hinter Schäubles Gesetz verbergen sich &#8211; so die Autoren im Rekurs auf den Rechtssoziologen Gunther Teubner &#8211; &#8220;verfassungspolitische Konflikte ersten Ranges&#8221; (S. 71).</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Zwietracht und Rechtsstreit</strong></p>
<p>Weil nationalstaatliche Alleingänge zur gesetzlichen Kontrolle des globalen Mediums Internet schon von der Sache her eine Überforderung national organisierter Kontrollinstrumente darstellen, kommt es zu einer strukturellen Neigung der Akteure, die Macht des Staates über seine grundgesetzlich verankerten Grenzen hinaus zu erweitern. Das ist gefährlich für die Demokratie.</p>
<p>Zusätzlich verbinden sich mit diesem Vorgehen Phänomene der Desintegration des politischen Handlungssystems: &#8220;Zwietracht und Rechtsstreit: Das ist meist alles, was dabei herauskommt, wenn die Politik versucht, in die Netzwelt einzugreifen&#8221; (72). Das gilt jedenfalls für die nationalstaatlich organisierte Politik.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Eine Denkblockade durchbrechen</strong></p>
<p>Wie aber könnte eine transnational organisierte Regelung der Internetkommunikation aussehen? Das ist die Gretchenfrage, der sich das SPIEGEL-Team im Schlussteil seines Artikels widmet.</p>
<p>Um die Frage überhaupt sinnvoll stellen und dann auch eine Antwort finden zu können, muss zunächst &#8220;eine Denkblockade durchbrochen werden: Recht und Ordnung ohne Staat scheinen bislang nicht vorstellbar&#8221; (S. 78). Dabei hilft den SPIEGEL-Autoren die New Yorker Soziologin Saskia Sassen.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Das Vakuum der transnationalen Politik</strong></p>
<p>Sie sieht &#8220;den transnationalen Cyberspace als eines von mehreren Symptomen für die Entstehung einer neuen politischen Ordnung&#8221; (S. 80).</p>
<p>Das Vakuum transnationaler Politik wird derzeit nicht nur von globalen Wirtschafts- und Finanzunternehmen ausgefüllt, sondern auch von stärker demokratisch strukturierten Organisationen wie den NGOs (Greenpeace, Amnesty International u.a.), weltweit agierenden Instituten nach dem Muster der Weltgesundheitsorganisation oder völkerrechtlich ausgerichteten Instanzen wie dem Internationalen Strafgerichtshof.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Digitale Weltöffentlichkeit</strong></p>
<p>Das Internet erscheint der Soziologin vor diesem Hintergrund als Medium einer &#8220;digitalen Weltöffentlichkeit&#8221; (S. 80). Es könne zuammen mit den erwähnten transnationalen Demokratie-Organisationen bei der Kontrolle &#8220;jener globalen Player&#8221; eine wichtige Rolle spielen, &#8220;die von den nationalen Demokratien nicht mehr zu beherrschen sind&#8221; (S. 80).</p>
<p>Daraus folgern die SPIEGEL-Autoren dann weiter: &#8220;Statt nationaler Räuber-und-Gendarm-Aktionen im Weltraum der Kommunikation braucht es ein postnationales Netzregime&#8221; (S. 80). Als weiteren Beleg zitieren sie die EU-Kommisarin Viviane Reding, die &#8220;erst kürzlich eine pluralistisch organisierte Weltaufsichtsbehörde über die gute Ordnung im Netz&#8221; (S. 81) gefordert hat.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>ICANN als Welt-Netzgericht</strong></p>
<p>Aber wie könnte eine &#8220;Lex digitalis&#8221; (S. 81), eine &#8220;Netzweltordnung&#8221; (S. 81) konkret aussehen? Zur Beantwortung dieser Frage stützen sich Darnstädt et. al. auf &#8220;die normative Kraft tatsächlicher Entwicklungen&#8221; (S. 81). Damit ist in diesem Fall die transnationale Regelungspraxis der <em>Internet Corporation for Assigned Names and Numbers </em>(ICANN) gemeint.</p>
<p>Diese Behörde, die über die Vergabe von Internetadressen (Domains) entscheidet, wird von den SPIEGEL-Autoren als &#8220;eine Art Welt-Netzgericht&#8221; (S. 81) gesehen. Als Beispiel zitieren sie eine Entscheidung des Schiedsgremiums der ICANN, die sich auf die Praxis des Kaperns von Domain-Namen bezieht.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Recht ohne Staat</strong></p>
<p>Darin machen die ICANN-Juristen ohne staatliche Autoritätsanrufung einen Vorschlag zur Grundlegung einer transnationalen Internetrechtsprechung: &#8220;Das Internet ist vor allem das Gerüst der globalen Kommunikation, und die Freiheit des Wortes sollte eine der Grundlagen des Internetrechts sein&#8221; (S. 81).</p>
<p>Etwas voreilig jedoch zieht das SPIEGEL-Team daraus den folgenden Schluss: &#8220;Recht ohne Staat: Möglicherweise ist das allmächtige Netz die erste globale Entscheidungsstruktur, die tatsächlich den internationalen Zirkus der von den Staaten angetriebenen Konsenssuche ersetzen kann&#8221; (S. 81).</p>
<p>Das glaube ich nicht.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Global Governance</strong></p>
<p>Meines Erachtens könnte die von Saskia Sassen beschworene &#8220;kritische Öffentlichkeit der Netzbürger&#8221; (S. 80) eine wichtige Grundlage für die Entstehung eines demokratischen Staatenbündnisses werden. Dieses würde dann womöglich handlungsfähige transnationale Institutionen schaffen, in deren Rahmen so etwas wie &#8220;global governance&#8221; in denjenigen Feldern praktiziert würde , in denen es drängende Probleme gibt, die nur global zu lösen sind.</p>
<p>Die von den SPIEGEL-Autoren in den Blick genommene Weltmedienordnung des Internet wäre dann Teil bzw. Nebeneffekt von politischen Aktivitäten, in denen es u.a. um die globale Regulierung der Finanzmärkte und die Lösung der weltumspannenden Klima- und Ressourcenprobleme geht.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Eine weitere Denkblockade</strong></p>
<p>Um diesen Schritt zu gehen, bedarf es der Auflösung einer weiteren Denkblockade. Sie wird von den SPIEGEL-Autoren leider nicht thematisiert und besteht in dem Utopie- oder Totalitarismusverdacht, der  sich mit dem Gedanken eines pragmatisch funktionierenden Weltparlaments verbindet. Dieses könnte von der Weltbevölkerung gewählt und von VertreterInnen aller demokratischen Staaten werden.</p>
<p>Gelingt es den DemokratInnen weltweit, diese &#8220;weltbürgerliche&#8221; Denkblockade schrittweise aufzuheben, dann besteht kein Anlaß mehr, die Idee der &#8220;weltweit gleichberechtigen und diskriminierungsfreien Teilhabe&#8221; (S. 81), für die im SPIEGEL-Artikel die Domainbehörde ICANN steht, auf den virtuellen Raum zu beschränken.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Demokratie neu erfinden</strong></p>
<p>Das bedeutet: Nicht nur die Organisaton von &#8220;Internetgovernance&#8221; ist &#8220;eine dringende Aufgabe&#8221;, die &#8220;auf den Club der guten alten Staaten&#8221; (S. 81) wartet. Das gleiche gilt für die Etablierung von &#8220;global governance&#8221; in einem weiten Sinn des Wortes, der virtuelle und reale Räume gleichermassen umfasst.</p>
<p>Desto eher sich die demokratischen Staaten dieser Aufgabe stellen, um so größer ist die Chance, dass Demokratie in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts nicht noch mehr zu einer Feigenblattveranstaltung global agierender Wirtschaftsunternehmen wird. Statt dessen käme es darauf an, sie im globalen Maßstab auf überzeugende, authentische und wirksame Weise neu zu erfinden.</p>
<p><a href="http://www.sandbothe.net" target="_blank">Mike Sandbothe</a></p>
<p>Der Artikel von Thomas Darnstädt, Martin U. Müller, Marcel Rosenbach und Hilmar Schmundt ist unter dem Titel &#8220;<a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-66360414.html" target="_blank">freiheit@unendlich.welt</a>&#8221; auf SPIEGEL-Online als Volltext zugänglich.</p>
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