GASTBEITRAG von Lars Rademacher (München): Vertrauen in die große Zahl. Eine Pressemeldung der Leipziger Unister GmbH als symptomatischer Aprilscherz
Der 1. April zählt in aller Regel nicht zu den überraschenden Ereignissen. Er ist an sich gut planbar. Umso erstaunlicher, dass immer wieder honorige Redaktionen auf Aprilscherze hereinfallen. In diesem Jahr verkündete die Leipziger Unister GmbH, die in ihrem Besitz befindliche Domain www.preisvergleich .de sei für 15 Mio Dollar an einen Investor aus Dubai verkauft worden. Die Nachricht wurde über die gängigen Ad hoc Dienstleister und elektronischen Presseportale gestreut. Damit erreichen Presseverantwortliche bereits eine Art „Grundrauschen“ im digitalen Blätterwald. Wenn dann noch Online-Ableger seriös recherchierender Zeitungen die Meldung aufgreifen, hat der Urheber gewonnen. Die Nachricht ist durch, sie hat den Status der Seriosität erklommen. Wie konnte es dazu kommen?
Alles passte zusammen
Da passte einfach alles: Die Nachricht hatte hohen Aufmerksamkeitswert. Eine deutsche Domain soll die teuerste der Welt sein! Und da uns in Europa bekanntlich das Geld und die Ideen ausgehen, kommen wir eigentlich nur noch als knausernde Konsumenten in Betracht, die mit jedem Euro rechnen müssen. Das Geld wird längst woanders gemacht und von dort aus investiert. Im alten Europa, wo es früher mal gute Ideen und hohe Dynamik gab, schauen wir beschämt und ein wenig verwundert dem Ausverkauf zu: erst die Automobilwirtschaft, dann die Onlinewelt. Wen wunderts?
Und der Initiator der Wirrwars – stellte sich geschickterweise tot. Man beherrscht bei Unister offenbar die neuen Regeln der Unternehmenskommunikation. Wenn die Redaktionen lange genug nichts hören, können sie sich irgendwann entscheiden: veröffentlichen, um schneller als die Konkurrenz zu sein oder abwarten und weiter nachrecherchieren? Einige gingen Mittelwege und veröffentlichten die Meldung unter Hinweis auf den 1. April mit leisen Zweifeln. Doch die Online-Redaktion der ZEIT plagte sich beispielsweise nicht mit solchen Gedanken. Die Meldung kam ganz nüchtern auf die Seite und behauptet so ihre Faktizität.
Der große Coup
Erst am Abend, nachdem schon Gerüchte die Runde machten, meldete sich Unister erneut über den Ticker der dpa-Tochter „news aktuell“ mit einer Pressemitteilung in den Redaktionen: Das Ganze sei ein Scherz gewesen, Unister-Chef Thomas Wagner habe mit der Falschmeldung erneut „einen großen Coup gelandet“, jubiliert dessen Presseabteilung und vergleicht den Aprilscherz sogar mit dem Kauf der Domain www.kredit.de für 900.000,- Euro. Aha, mag man sich denken. Wie unbedarft man tatsächlich sein kann.
Dass es eine knallig aufgemachte Meldung in die Medien schafft, ist für sich betrachtet noch keine Überraschung. Es ist nicht einmal bemerkenswert. Klar ist mittlerweile auch, dass die Onlinemedien aufgrund des ständigen Aktualitätsdrucks eine höhere Anfälligkeit für Falschmeldungen haben und dem Einfluss der hoch aufgerüsteten PR-Maschinerie zuweilen erliegen. Das Problem ist nicht einmal die Blindheit bei einem so prominenten Datum wie dem 1. April, bei dem wirklich in allen Redaktionen die Warnlichter leuchten sollten.
Newsrooms der Zukunft
Das Problem ist vielmehr die nie aufzuklärende Zahl kleiner und größerer Nachrichtenbetrügereien, die eben nicht so prominent sind, dass sich die Journalisten den Aufwand einer intensiven Recherche gönnen. Die vielen kleinen Meldungen, die Meinungen beeinflussen und Aktienkurse beflügeln. Die journalistischen Kapazitäten schwinden, während der Informationsdruck steigt. Nur bei wenigen, zentralen Themen gelingt es noch, authentisch Bericht zu erstatten.
Die großen Fälle und Fallen kann der Journalismus nach wie vor sauber aufklären. Auch stehen besonders die Qualitätsmedien zu ihren Fehlern. Die ZEIT z.B. lässt die Falschmeldung souverän auf ihrer Homepage stehen. Und praktisch keine Tageszeitung führt die Falschmeldung am folgenden Tag auf ihren Seiten. Entwarnung also? Wohl kaum. Denn was wäre gewesen, wenn Unister sich nicht zu einer zweiten Pressemitteilung am 1. April entschlossen hätte. Dann würden wir uns unter Umständen nicht damit trösten können, dass dies halt bei den ach so flüchtigen Onlinemedien schon mal passieren kann. Dann würden wir vielleicht darüber nachdenken müssen, dass die fortschreitende Verknappung journalistischer Ressourcen und die Einrichtung von Newsrooms bereits erste Effekte erkennbar macht. Dann würden wir uns vielleicht die Frage zu stellen beginnen, wo die wahren Newsrooms bereits heute eigentlich stehen.
LARS RADEMACHER
Lars Rademacher (37) ist Medienwissenschaftler und lehrt an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in München.