Begegnung: Glück ist anstrengend – aber auch nur dann richtig schön, meinen Günther Jauch, Glücksbringer, und Gerhard Schulze, Glücksforscher (Chrismon. Das evangelische Magazin, 06.2009, S. 30-34, in: Die Zeit, Nr. 25, 10. Juni 2009)
Kleinster gemeinsamer Glücksnenner
Eine gute Idee finde ich das: der publikumswirksame Moderator von „Wer wird Millionär?“ (1999 ff) und der nicht nur akademisch bekannte Soziologieprofessor und Autor des Buchs „Die Erlebnisgesellschaft“ (1992) im öffentlichen Dialog über die uns alle privat bewegende Frage: ‚Was ist Glück?’
Und doch war ich am Ende meiner Lektüre enttäuscht über das Ergebnis. Denn der kleinste gemeinsame Glücksnenner, auf den sich Jauch (52) und Schulze (64) nach vier Seiten Konversation einigen können, lautet schlicht: „durch Mühsal zu den Sternen!“
Schwarze Pädagogik
Schulze ist ein Kind der vierziger, Jauch eins der fünfziger Jahre. In dieser Zeit galten „die Erziehungsziele Gehorsam, Pflichtbewusstsein, Unterordnung“ (Schulze, S. 34) als kanonische Wertmaßstäbe sowohl in der Familie als auch in den Bildungsinstitutionen und in den Medien.
Die Zürcher Kindheitsforscherin Alice Miller (86) hat den an solchen Werten orientierten Erziehungsstil als „schwarze Pädagogik“ bezeichnet. In ihren weltweit einflussreichen Büchern (1979ff) zeigt sie auf, wie die Unterdrückung der kindlichen Individualität u.a. zur Herausbildung narzisstischer Persönlichkeiten führen kann.
Krieg, Trauma und Narzissmus
Narzissten sind Miller zufolge Menschen, denen es in ihrer Kindheit an authentischer Elternliebe gefehlt hat. Im Nachkriegsdeutschland konnten die durch den Krieg traumatisierten Eltern ihren Kindern häufig die unbedingte Liebe nicht geben, die kleine Menschenwesen benötigen, um eine einfache, klare und in sich ruhende Selbstachtung aufzubauen.
Als Reaktion haben viele Kinder der Kriegsgeneration angefangen, kompensatorische Formen der Selbstliebe auszubilden. Sie haben das, was die Eltern an ihnen möglicherweise wertschätzen, nicht unmittelbar in ihrem inneren Sein, in ihrer einfachen Präsenz finden können, sondern (vermittelt über ein äußeres Bild) auf ein erst noch zu erreichendes Ich-Ideal projiziert.
Bezogen auf die Glücksthematik bedeutet dies, dass die grundlegende Glückserfahrung, die darin besteht, sich selbst lieben zu können, in einer durch narzisstische Persönlichkeitstypen geprägten Gesellschaft zum Resultat einer außerordentlichen Anstrengung wird.
Ein trauriger Konsens
Dieser Sachverhalt spiegelt sich in dem traurigen Konsens, auf den sich der Glücksbote Jauch und der Glücksforscher Schulze am Ende ihres Gesprächs verständigen.
Das „anstrengungslose Glück“ (Schulze, S. 34) ist für die beiden nur eine Chimäre wie „der ewige Feierabend“ (Jauch, S. 34). Nur wer leidet und sich wirklich anstrengt, konzentriert und immer wieder überfordert, hat die Chance im Erfolgsfall „glückhafte Momente“ (Jauch, S. 32) der „Selbstvergessenheit“ (Schulze, S. 34) zu erleben.
Karriere und Kinder
Als Gesellschaftsdiagnose, also als Symptom ist das sicherlich gut gesehen. Das Problem ist nur, dass die beiden Gesprächspartner die narzisstische Deformation, die sie selbst vermutlich mehr oder weniger erfolgreich leben, zum allgemeinen Ideal erklären.
Alice Miller zufolge gibt es zwei weit verbreitete Standardreaktionen auf den traumatisch induzierten Liebesmangel, durch den die Sozialisation der deutschen Nachkriegsgeneration gekennzeichnet ist: Karriere und Kinder.
Die Liebe, die mir meine Eltern nicht geben konnten
Karriere: die Liebe, die mir meine Eltern nicht geben konnten, erarbeite ich mir durch glänzenden beruflichen Erfolg, der mich nachträglich im Erwachsenenalter dann doch noch irgendwie (für mich selbst und andere) liebenswert machen soll.
Kinder: die Liebe, die mir meine Eltern nicht geben konnten, gebe ich ersatzweise meinen eigenen Kindern. Ich liebe dann in meinen Kindern kompensatorisch genau das, was von meinen Eltern in mir, als ich selbst ein Kind war, übersehen wurde. Auch das ist dann freilich keine authentische Liebe und führt bei meinen eigenen Kindern vermutlich erneut zu narzisstischen Reaktionsbildungen.
Das „Augenstern-Projekt“
Interessanterweise kommt Günther Jauch auf diese zweite Form der narzisstischen Reaktionsbildung selbst zu sprechen:
„Aber wenn Eltern ihr Kind als persönliches Glücksprojekt ansehen, wird das schwierig. Viele wollen ihren Kindern das zu Füßen legen, was ihnen selbst verwehrt geblieben ist. Wenn ich mit meiner Frau Eltern beobachte, die ihrem Kind jeden Wunsch erfüllen, gucken wir uns an und sagen: Schon wieder so ein Augenstern-Projekt. Da werden tendenziell kleine Tyrannen herangezogen“ (Jauch, S. 34).
Ich bin mir nicht sicher, ob der Begriff des Tyrannen hier gut gewählt ist. Aber was Jauch meint, lässt sich mit Alice Millers Überlegungen zur kompensatorischen Wunscherfüllung via Idealisierung der eigenen Kinder gut nachvollziehen.
Miller würde hier jedoch noch einen Schritt weiter gehen. Aus ihrer Sicht wäre der therapeutische Blick, den Jauch und seine Frau auf die Augenstern-Projekte befreundeter Ehepaare richten, auch auf Jauch selbst anzuwenden.
„Auf das Gleis geschubst“
Seiner eigenen Einschätzung zufolge war es Jauchs „größter beruflicher Glücksfall“ (S. 33), dass Thomas Gottschalk ihn einst „auf das Gleis geschubst (hat), auf dem ich heute fahre“ (Jauch, S. 33). Damit meint Jauch seine Medienkarriere, die ihm „eine neue Welt eröffnet hat“ (ebd.).
In dieser Welt der televisionären Wunschträume und Wunscherfüllungen stellt Günther Jauch in „Wer wird Millionär?“ jede Woche erneut das für ihn selbst vermutlich prägende „Drama des begabten Kindes“ (Miller) nach.
Dabei übernimmt er die Position der (eben nicht bedingungslos, sondern nur unter bestimmten Erfolgsbedingungen) liebenden Mutter, die mit ihren liebes-, geld- und anerkennungshungrigen Kindern ein manchmal durchaus grausames Spiel spielt.
Das Glück der Durchbrüche
Sowohl in Jauchs Privatsphäre als auch in seiner Show ist an die Stelle des anstrengungslosen und stillen Glücks, das Menschen kennen, die von ihren Eltern wirklich geliebt worden sind, „das Glück der Durchbrüche“ (Schulze, S. 33) getreten.
Sicherlich: es gibt diese schweißtreibende und disziplinorientierte Glücksform, und sie ist wichtig und bedeutsam. Aber es ist ein Symptom unserer narzisstisch sozialisierten Gesellschaft, dass Prominente wie Jauch diese Art von Glück verabsolutieren.
Der Trost der Mütter
Doch ein Trost bleibt am Ende der Lektüre. Sowohl der mediale Glücksbote als auch der wissenschaftliche Glücksforscher kommen zu guter letzt auf ihre Mütter zu sprechen. Und zwar beim Thema Religion.
So bekennt Jauch, dass es für ihn eine „große Hilfe“ ist, in Momenten der Krise mit einer „höheren Instanz“ zu kommunizieren, von der er weiß: „Die liebt mich, die sieht mich als einzigartig an, die hält ihre schützende Hand über mich und sieht einen Sinn in allem, was ich tue und was mir widerfährt“ (Jauch, S. 34).
Und Schulze erinnert sich am Ende des Gesprächs an einen Traum seiner Mutter, der beschreibt, wie es sich anfühlt zu glauben: „Sie träumte, sie liegt in einer großen Hand.“ (Schulze, S. 34)
Das Leben selbst schon Glück
Aus der Sicht von Alice Miller muss die Erfahrung unbedingter Liebe nicht ein Traum der Religion bleiben. Kinder haben ein Recht auf authentische Liebe. Denn ohne diese können sie auch später nicht spüren, dass das Leben selbst schon als Glück erfahren werden kann. Ganz ohne Anstrengung. In einfacher Präsenz. Ohne Trauma. Ohne Krieg.
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Das Gespräch, das Arnd Brummer (52, Redaktionsleiter und Geschäftsführer von Chrismon) und Nils Husmann (32, Fachredakteur bei Chrismon) mit Günther Jauch und Gerhard Schulze geführt haben, ist unter dem Titel “Glück ist anstrengend” auf der Homepage von Chrismon zugänglich.