Mike's Media Diary

Archive for June, 2009

June 22nd, 2009

Begegnung: Glück ist anstrengend – aber auch nur dann richtig schön, meinen Günther Jauch, Glücksbringer, und Gerhard Schulze, Glücksforscher (Chrismon. Das evangelische Magazin, 06.2009, S. 30-34, in: Die Zeit, Nr. 25, 10. Juni 2009)

Posted in Die Zeit by mike

Kleinster gemeinsamer Glücksnenner

Eine gute Idee finde ich das: der publikumswirksame Moderator von „Wer wird Millionär?“ (1999 ff) und der nicht nur akademisch bekannte Soziologieprofessor und Autor des Buchs „Die Erlebnisgesellschaft“ (1992) im öffentlichen Dialog über die uns alle privat bewegende Frage: ‚Was ist Glück?’

Und doch war ich am Ende meiner Lektüre enttäuscht über das Ergebnis. Denn der kleinste gemeinsame Glücksnenner, auf den sich Jauch (52) und Schulze (64) nach vier Seiten Konversation einigen können, lautet schlicht: „durch Mühsal zu den Sternen!“

Schwarze Pädagogik

Schulze ist ein Kind der vierziger, Jauch eins der fünfziger Jahre. In dieser Zeit galten „die Erziehungsziele Gehorsam, Pflichtbewusstsein, Unterordnung“ (Schulze, S. 34) als kanonische Wertmaßstäbe sowohl in der Familie als auch in den Bildungsinstitutionen und in den Medien.

Die Zürcher Kindheitsforscherin Alice Miller (86) hat den an solchen Werten orientierten Erziehungsstil als „schwarze Pädagogik“ bezeichnet. In ihren weltweit einflussreichen Büchern (1979ff) zeigt sie auf, wie die Unterdrückung der kindlichen Individualität u.a. zur Herausbildung narzisstischer Persönlichkeiten führen kann.

Krieg, Trauma und Narzissmus

Narzissten sind Miller zufolge Menschen, denen es in ihrer Kindheit an authentischer Elternliebe gefehlt hat. Im Nachkriegsdeutschland konnten die durch den Krieg traumatisierten Eltern ihren Kindern häufig die unbedingte Liebe nicht geben, die kleine Menschenwesen benötigen, um eine einfache, klare und in sich ruhende Selbstachtung aufzubauen.

Als Reaktion haben viele Kinder der Kriegsgeneration angefangen, kompensatorische Formen der Selbstliebe auszubilden. Sie haben das, was die Eltern an ihnen möglicherweise wertschätzen, nicht unmittelbar in ihrem inneren Sein, in ihrer einfachen Präsenz finden können, sondern (vermittelt über ein äußeres Bild) auf ein erst noch zu erreichendes Ich-Ideal projiziert.

Bezogen auf die Glücksthematik bedeutet dies, dass die grundlegende Glückserfahrung, die darin besteht, sich selbst lieben zu können, in einer durch narzisstische Persönlichkeitstypen geprägten Gesellschaft zum Resultat einer außerordentlichen Anstrengung wird.

Ein trauriger Konsens

Dieser Sachverhalt spiegelt sich in dem traurigen Konsens, auf den sich der Glücksbote Jauch und der Glücksforscher Schulze am Ende ihres Gesprächs verständigen.

Das „anstrengungslose Glück“ (Schulze, S. 34) ist für die beiden nur eine Chimäre wie „der ewige Feierabend“ (Jauch, S. 34). Nur wer leidet und sich wirklich anstrengt, konzentriert und immer wieder überfordert, hat die Chance im Erfolgsfall „glückhafte Momente“ (Jauch, S. 32) der „Selbstvergessenheit“ (Schulze, S. 34) zu erleben.

Karriere und Kinder

Als Gesellschaftsdiagnose, also als Symptom ist das sicherlich gut gesehen. Das Problem ist nur, dass die beiden Gesprächspartner die narzisstische Deformation, die sie selbst vermutlich mehr oder weniger erfolgreich leben, zum allgemeinen Ideal erklären.

Alice Miller zufolge gibt es zwei weit verbreitete Standardreaktionen auf den traumatisch induzierten Liebesmangel, durch den die Sozialisation der deutschen Nachkriegsgeneration gekennzeichnet ist: Karriere und Kinder.

Die Liebe, die mir meine Eltern nicht geben konnten

Karriere: die Liebe, die mir meine Eltern nicht geben konnten, erarbeite ich mir durch glänzenden beruflichen Erfolg, der mich nachträglich im Erwachsenenalter dann doch noch irgendwie (für mich selbst und andere) liebenswert machen soll.

Kinder: die Liebe, die mir meine Eltern nicht geben konnten, gebe ich ersatzweise meinen eigenen Kindern. Ich liebe dann in meinen Kindern kompensatorisch genau das, was von meinen Eltern in mir, als ich selbst ein Kind war, übersehen wurde. Auch das ist dann freilich keine authentische Liebe und führt bei meinen eigenen Kindern vermutlich erneut zu narzisstischen Reaktionsbildungen.

Das „Augenstern-Projekt“

Interessanterweise kommt Günther Jauch auf diese zweite Form der narzisstischen Reaktionsbildung selbst zu sprechen:

„Aber wenn Eltern ihr Kind als persönliches Glücksprojekt ansehen, wird das schwierig. Viele wollen ihren Kindern das zu Füßen legen, was ihnen selbst verwehrt geblieben ist. Wenn ich mit meiner Frau Eltern beobachte, die ihrem Kind jeden Wunsch erfüllen, gucken wir uns an und sagen: Schon wieder so ein Augenstern-Projekt. Da werden tendenziell kleine Tyrannen herangezogen“ (Jauch, S. 34).

Ich bin mir nicht sicher, ob der Begriff des Tyrannen hier gut gewählt ist. Aber was Jauch meint, lässt sich mit Alice Millers Überlegungen zur kompensatorischen Wunscherfüllung via Idealisierung der eigenen Kinder gut nachvollziehen.

Miller würde hier jedoch noch einen Schritt weiter gehen. Aus ihrer Sicht wäre der therapeutische Blick, den Jauch und seine Frau auf die Augenstern-Projekte befreundeter Ehepaare richten, auch auf Jauch selbst anzuwenden.

„Auf das Gleis geschubst“

Seiner eigenen Einschätzung zufolge war es Jauchs „größter beruflicher Glücksfall“ (S. 33), dass Thomas Gottschalk ihn einst „auf das Gleis geschubst (hat), auf dem ich heute fahre“ (Jauch, S. 33). Damit meint Jauch seine Medienkarriere, die ihm „eine neue Welt eröffnet hat“ (ebd.).

In dieser Welt der televisionären Wunschträume und Wunscherfüllungen stellt Günther Jauch in „Wer wird Millionär?“ jede Woche erneut das für ihn selbst vermutlich prägende „Drama des begabten Kindes“ (Miller) nach.

Dabei übernimmt er die Position der (eben nicht bedingungslos, sondern nur unter bestimmten Erfolgsbedingungen) liebenden Mutter, die mit ihren liebes-, geld- und anerkennungshungrigen Kindern ein manchmal durchaus grausames Spiel spielt.

Das Glück der Durchbrüche

Sowohl in Jauchs Privatsphäre als auch in seiner Show ist an die Stelle des anstrengungslosen und stillen Glücks, das Menschen kennen, die von ihren Eltern wirklich geliebt worden sind, „das Glück der Durchbrüche“ (Schulze, S. 33) getreten.

Sicherlich: es gibt diese schweißtreibende und disziplinorientierte Glücksform, und sie ist wichtig und bedeutsam. Aber es ist ein Symptom unserer narzisstisch sozialisierten Gesellschaft, dass Prominente wie Jauch diese Art von Glück verabsolutieren.

Der Trost der Mütter

Doch ein Trost bleibt am Ende der Lektüre. Sowohl der mediale Glücksbote als auch der wissenschaftliche Glücksforscher kommen zu guter letzt auf ihre Mütter zu sprechen. Und zwar beim Thema Religion.

So bekennt Jauch, dass es für ihn eine „große Hilfe“ ist, in Momenten der Krise mit einer „höheren Instanz“ zu kommunizieren, von der er weiß: „Die liebt mich, die sieht mich als einzigartig an, die hält ihre schützende Hand über mich und sieht einen Sinn in allem, was ich tue und was mir widerfährt“ (Jauch, S. 34).

Und Schulze erinnert sich am Ende des Gesprächs an einen Traum seiner Mutter, der beschreibt, wie es sich anfühlt zu glauben: „Sie träumte, sie liegt in einer großen Hand.“ (Schulze, S. 34)

Das Leben selbst schon Glück

Aus der Sicht von Alice Miller muss die Erfahrung unbedingter Liebe nicht ein Traum der Religion bleiben. Kinder haben ein Recht auf authentische Liebe. Denn ohne diese können sie auch später nicht spüren, dass das Leben selbst schon als Glück erfahren werden kann. Ganz ohne Anstrengung. In einfacher Präsenz. Ohne Trauma. Ohne Krieg.

Mike Sandbothe

—-

Das Gespräch, das Arnd Brummer (52, Redaktionsleiter und Geschäftsführer von Chrismon) und Nils Husmann (32, Fachredakteur bei Chrismon) mit Günther Jauch und Gerhard Schulze geführt haben, ist unter dem Titel “Glück ist anstrengend” auf der Homepage von Chrismon zugänglich.

June 5th, 2009

Na, Freundchen? Mark Zuckerberg hat das Internet-Netzwerk Facebook gegründet … (ZEITmagazin, in: Die Zeit, Nr. 23, 28.5.2009, S. 20-24)

Posted in Die Zeit by mike

Der Redaktionsleiter des ZEITmagazins, Christoph Amend (35), und der ZEIT-Wirtschaftsredakteur Götz Hamann (40) haben in Berlin ein Gespräch mit Mark Zuckerberg (25) geführt, dem Gründer und Vorstandsvorsitzenden von Facebook. Für die Publikation haben die beiden Journalisten nicht die Form des Interviews gewählt, sondern aus ihrem Treffen mit Zuckerberg einen dreiseitigen Kurzessay gebastelt. Darin denken sie darüber nach, ob sich mit dem Freundschaftsnetzwerk in Zukunft viel Geld machen läßt und was Zuckerberg ganz privat eigentlich für ein Mensch ist.

Wenn George Orwell das wüßte!

Irgendwie hat mir Mark Zuckerberg leid getan beim Lesen. Die beiden journalistischen Profis Amend und Hamann gehen ganz schön frech mit ihm um. Das beginnt schon beim Titel (”Na, Freundchen?”) und bei der Vorstellung: “Mark Zuckerberg ist Jahrgang 1984. Wenn George Orwell das wüßte!” (S. 22) Dann machen sie sich darüber lustig, dass er beim Foto-Shooting für die ZEIT-Geschichte nicht recht wußte, welche Klamotten er aus dem mitgebrachten Fundus des ZEIT-Fotografen am liebsten anziehen möchte. Was ist daran so schlimm? Und wen interessiert’s?

Offensichtlich hatte auch Zuckerberg selbst so seine Probleme mit den ZEIT-Redakteuren, z.B. wenn die beiden sich fragen: “Wer ist dieser Junge im Anzug? Wie würde er sich selbst jemandem beschreiben, der ihn nicht kennt?” Dazu Zuckerberg: “Warum stellen Sie mir so eine psychologisierende Frage zu meiner Person?” Aber die Professionellen haken nach: “Kann es sein, dass er nicht gerade dazu neigt, allzu viel über sich selbst nachzudenken?” Darauf einer der Berater, die Mark beim Gespräch begleiten: “Doch, doch, das tut er! Aber das bleibt privat.” (S. 22)

Der Wegweiser geht nicht den Weg, den er weist

Womit wir beim Thema wären. Martin Heidegger hat einmal auf die Frage, ob er seine Philosophie auch selbst persönlich lebe, geantwortet: “Der Wegweiser geht nicht den Weg, den er weist.” Genau damit haben die beiden Journalisten in Sachen Zuckerberg offensichtlich ein Problem.

Sie sind, wie es scheint, der Ansicht, dass ein Mensch, der die interaktive Veröffentlichung des Privaten mit Facebook (im wahrsten Sinn des Wortes) zum “Programm” gemacht hat, keine Geheimnisse mehr haben dürfe. Schon gar nicht im Gespräch mit zwei ZEIT-Journalisten. Hier ihr Argument: “Wenn es aber wirklich stimmt, was Mark Zuckerberg sagt, dass Privates heute längst öffentlich ist und dies kaum noch ein Problem darstellt, dann müsste das auch für Mark Zuckerbergs Leben zutreffen.” (S. 23)

Nächste Frage bitte!

Bekanntlich läßt sich Frechheit immer noch ein bisschen steigern. Und so richtig unschön wird es dann auch eigentlich erst in der folgenden Passage:

“Mister Zuckerberg, Sie haben, so ist zu lesen, seit über zwei Jahren eine Freundin. Ein Reporter der Internet-Klatschseite TMZ hat Sie beide gefilmt, als Sie kürzlich ein Restaurant besuchten und… Ein Berater unterbricht uns: ‘Meine Herren, Sie wollen doch mit Ihren Fragen nicht wirklich so weitermachen, wie Sie das gerade tun.’ Es geht uns um die Frage von Privatleben und Öffentlichkeit. Wie schützen Sie Ihre Privatsphäre? Er lacht, sieht verlegen zu seinen Beratern, einer antwortet für ihn: ‘Indem wir sie privat halten. Nächste Frage bitte.’” (S. 23)

Mit dieser gut nachvollziehbaren Reaktion ist für Amend/Hamann freilich nur der finale Beweis erbracht: “Ausgerechnet der Junge, der Millionen Menschen miteinander verbindet, schottet sich selbst von der Welt ab.” (S. 23)

Versuch’s mal mit Freundschaftlichkeit!

Ist das Aufklärung oder einfach nur journalistische Unverschämtheit? Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist es keine gesunde Kommunikation. Und schon gar keine freundschaftliche. Denn das wäre ja auch eine Möglichkeit gewesen mit Zuckerberg – dem Gründer eines 200 Millionen Menschen starken Freundschaftsnetzwerks, zu dessen Mitgliedern auch Hamann gehört – in Kontakt zu treten: in aller Freundschaft. Warum sollte man nur im Internet mit freundschaftlicher Kommunikation Erfolg haben und nicht auch im ZEITmagazin?

Doch das Thema Freundschaft hat in diesem Essay einen anderen Ort. Dazu die beiden Autoren: “Auf die entscheidende Frage gibt es bis heute keine definitive Antwort: Wie kann man mit der genialen Kommunikationsidee so viel Gewinn machen, dass es sich lohnen würde, Facebook an die Börse zu bringen? Oder lässt sich mit Freundschaft am Ende doch nicht genug Geld verdienen.” (S. 24) Vermutlich nicht. Aber wieso ist das überhaupt so wichtig?

Mike Sandbothe

Der Artikel von Christoph Amend und Götz Hamann ist auf der ZEIT-Homepage online zugänglich und zwar unter dem Titel “Na, Freundchen? Mark Zuckerberg hat das Internet-Netzwerk Facebook gegründet und 200 Millionen Menschen dazu gebracht, ihr Privatleben öffentlich zu führen. Wie offen ist er selbst?