“Das Böse lebt in der Tat.” Ein Gespräch mit Hans-Ludwig Kröber, Deutschland bekanntestem Gerichtspsychiater, Die Zeit, Nr. 44, 22. Oktober 2009, S. 39
Das Zitat von Hans-Ludwig Kröber (58), mit dem der ZEIT-Wissenschaftsredakteur Ulrich Schnabel (47) sein Interview überschreibt, lässt sich als eine mögliche Antwort auf die Leitfrage des gesamten Heftes lesen. Auf dem ZEIT-Cover Nr. 44 ist diese in fetten roten Lettern wie folgt formuliert: “Woher kommt das Böse?”
Immer noch “böse”
“Das Böse lebt in der Tat” klingt wie eine gut geerdete, recht pragmatische Antwort auf eine spekulative Frage. Kröber philosophiert nicht über das Wesen des Menschen, sondern sagt statt dessen etwas über sein Handeln.
“Man muss kein böser Mensch sein, um böse Taten zu begehen.” Das klingt unprätentiös. Und doch ist in diesem Satz noch immer vom Bösen die Rede.
Alternative Wortwahl
In der christlichen Welt ist der Begriff des Bösen von Religion und Metaphysik geprägt. Aufgrund der damit verbundenen Assoziationen ist es nicht einfach, ihn aus dem alten Denken gemäß Wesensbestimmungen in ein neues Denken gemäß Handlungskategorien zu übertragen.
Aber Kröber macht einen guten Übersetzungsvorschlag, wenn er schreibt: “Für den, der Böses erlebt – also Demütigung, Qual und Zerstörung -, für den ist dieses Erleben unauslöschbar.”
Nicht konsequent
Zwar mag die These von der Unauslöschbarkeit den meisten LeserInnen nicht unmittelbar einleuchten. Aber der pragmatische Vorschlag, die Rede vom Bösen durch die konkreten Bestimmungen “Demütigung, Qual und Zerstörung” zu ersetzen, wird vermutlich als hilfreich und klärend empfunden.
Körber setzt diesen Vorschlag jedoch nicht wirklich um. Wäre er konsequent, würde er in seinen Kernaussagen die alternative Wortwahl realisieren.
Unauslöschbar
Statt: “Das Böse lebt in der Tat” hieße es dann: “Demütigung, Qual und Zerstörung leben in der Tat”. Und der Satz “Man muss kein böser Mensch sein, um böse Taten zu begehen” würde ersetzt durch die alternative Formulierung “Man muss kein gewalttätiger Mensch sein, um zu demütigen, zu quälen und zu zerstören.”
Kröbers Grund dafür, dass er weiterhin vom Bösen spricht, hat vermutlich damit zu tun, dass er es für unverzichtbar hält, die Erfahrung von Demütigung und Grausamkeit als “unauschlöschbar” und “nicht relativierbar” zu klassifizieren.
Unmittelbares Erleben
Der Gerichtspsychiater definiert “das Böse als eine Wahrnehmungskategorie, eine Form des unmittelbaren Erlebens”. Und er fährt fort: “So wie wir etwas als schön oder eklig empfinden, so erleben wir auch ein bestimmtes Handeln – ob wir es wollen oder nicht – als böse.”
Demütigung, Qual und Zerstörung sind demgegenüber Worte, deren Anwendung stärker auf intersubjektive Deutungsverhältnisse verweist.
In Graden
Was als demütigend und als grausam empfunden wird, unterliegt kultureller und historischer Variabilität. Grausames und demütigendes Verhalten kommt in Graden.
Aus diesem Grund können die damit verbundenen Erfahrungen sowohl auf der Seite des Täters als auch auf Seiten des Opfers zumindest partiell therapierbar, löschbar, heilbar sein.
Eine Art innerer Arztkittel
Das aber ist eine Vorstellung, die dem Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie an der Berliner Charité nicht gefällt; was vermutlich wiederum ganz praktische Gründe hat.
Sein Beruf zwingt ihn dazu, sich immer wieder mit den Details und den Folgen von hochgradig demütigenden und extrem grausamen Handlungen auseinander zu setzen. Den Begriff des Bösen verwendet er dabei wie “eine Art inneren Arztkittel”.
Unterschiedliche Beispielsphären
Psychische und physische Gewaltausübung gegenüber Frauen, Schwarzen und Kindern war lange Zeit ein Teil der christlichen Kultur. Erst unter demokratischen Lebensbedingungen hat sich dies im Zeitalter der Aufklärung in den letzten beiden Jahrhunderten zu ändern begonnen.
Doch diese historischen Einstellungsveränderungen in der kulturellen Wahrnehmung von Gewalt laufen quer zu den Einzelfällen, mit denen der Gerichtspsychiater zu tun hat. Seine Beispielsphäre hat eine andere, eine radikalere Natur.
Nicht leicht, sitzen zu bleiben
Die folgenden Sätze geben Einblick in die berufliche Praxis der forensischen Begutachtung:
“Es gibt doch Einzelne, die so viel Hass und Vernichtungswillen aufgebaut haben, dass sie sich immer wieder Situationen suchen, in denen sie dies ausleben können. Selbst im späteren Erzählen töten sie ihr Opfer noch einmal genüsslich. Da ist es manchmal nicht leicht, sitzen zu bleiben und brav mitzuschreiben.”
Professionsspezifische Grenzen
Die problematische Seite des Gesprächs, das Ulrich Schnabel mit Hans-Ludwig Körber geführt hat, besteht in der Tendenz zur Verallgemeinerung.
Da Kröbers Verwendung des Wortes “böse” sich aus seiner individuellen Erfahrung mit Extremsituationen ergibt, stößt sein öffentlicher Beitrag zur Säkularisierung unseres moralischen Vokabulars an private und professionsspezifische Grenzen.
An manchen Stellen im ersten Teil seines Interviews gelingt es Schnabel das auch deutlich werden zu lassen. Im zweiten Teil jedoch überwiegen generalisierende Fragestrategien.
Kulturpolitische Risiken
Aus meiner Sicht macht das ZEIT-Gespräch einen Schritt in die richtige Richtung. Doch das Festhalten am Begriff des Bösen birgt kulturpolitische Risiken.
Zwar erscheint “das Böse” nicht länger als objektiver Tatbestand oder gar als personifizierte Instanz. Statt dessen aber wird die Fähigkeit, gewalttätige Handllungen als böse wahrzunehmen, der biologischen Verfassung der menschlichen Art zugeschrieben.
Minimalbedingungen
In diesem Sinn schreibt Kröber: “Sofern wir bestimmte Minimalbedingungen des Aufwachsens erleben, funktionieren wir in der Regel leidlich gut und tun uns gegenseitig kein Leid an.” Und weiter: “Am Reißbrett hätte man unsere Spezies kaum besser entwerfen können.”
Für mein Gefühl sind die kulturellen Rahmenbedingungen, die zu erfüllen sind, um Demütigung und Grausamkeit in menschlichen Gesellschaften zu verringern und Solidarität zu stärken, alles andere als minimal.
Kulturelle Plastizität
Es bedarf vielmehr demokratischer Institutionen und vielfältiger edukativer Aktivitäten im Bereich von Kultur, Medien und Politik, um die große Plastizität, die den Menschen evolutionär auszeichnet, in eine gewaltfreie Richtung zu orientieren.
Damit will ich nicht sagen, dass das Menschentier von Natur aus grausam ist. Vielmehr lassen sich auch gewalttätige Gesellschaften (und Menschen) als Ergebnis kultureller Formung beschreiben. Antidemokratische Institutionen, schwarze Pädagogiken und autoritäre Sozialisationsmethoden haben sich dabei als besonders wirksame Formungsinstrumente erwiesen.
Das Gespräch, das Ulrich Schnabel mit Hans-Ludwig Kröber geführt hat, ist als Volltext unter dem Titel “Das Böse lebt in der Tat” auf ZEIT-Online zugänglich.