Mike's Media Diary
June 5th, 2009

Na, Freundchen? Mark Zuckerberg hat das Internet-Netzwerk Facebook gegründet … (ZEITmagazin, in: Die Zeit, Nr. 23, 28.5.2009, S. 20-24)

Posted in Die Zeit by mike

Der Redaktionsleiter des ZEITmagazins, Christoph Amend (35), und der ZEIT-Wirtschaftsredakteur Götz Hamann (40) haben in Berlin ein Gespräch mit Mark Zuckerberg (25) geführt, dem Gründer und Vorstandsvorsitzenden von Facebook. Für die Publikation haben die beiden Journalisten nicht die Form des Interviews gewählt, sondern aus ihrem Treffen mit Zuckerberg einen dreiseitigen Kurzessay gebastelt. Darin denken sie darüber nach, ob sich mit dem Freundschaftsnetzwerk in Zukunft viel Geld machen läßt und was Zuckerberg ganz privat eigentlich für ein Mensch ist.

Wenn George Orwell das wüßte!

Irgendwie hat mir Mark Zuckerberg leid getan beim Lesen. Die beiden journalistischen Profis Amend und Hamann gehen ganz schön frech mit ihm um. Das beginnt schon beim Titel (”Na, Freundchen?”) und bei der Vorstellung: “Mark Zuckerberg ist Jahrgang 1984. Wenn George Orwell das wüßte!” (S. 22) Dann machen sie sich darüber lustig, dass er beim Foto-Shooting für die ZEIT-Geschichte nicht recht wußte, welche Klamotten er aus dem mitgebrachten Fundus des ZEIT-Fotografen am liebsten anziehen möchte. Was ist daran so schlimm? Und wen interessiert’s?

Offensichtlich hatte auch Zuckerberg selbst so seine Probleme mit den ZEIT-Redakteuren, z.B. wenn die beiden sich fragen: “Wer ist dieser Junge im Anzug? Wie würde er sich selbst jemandem beschreiben, der ihn nicht kennt?” Dazu Zuckerberg: “Warum stellen Sie mir so eine psychologisierende Frage zu meiner Person?” Aber die Professionellen haken nach: “Kann es sein, dass er nicht gerade dazu neigt, allzu viel über sich selbst nachzudenken?” Darauf einer der Berater, die Mark beim Gespräch begleiten: “Doch, doch, das tut er! Aber das bleibt privat.” (S. 22)

Der Wegweiser geht nicht den Weg, den er weist

Womit wir beim Thema wären. Martin Heidegger hat einmal auf die Frage, ob er seine Philosophie auch selbst persönlich lebe, geantwortet: “Der Wegweiser geht nicht den Weg, den er weist.” Genau damit haben die beiden Journalisten in Sachen Zuckerberg offensichtlich ein Problem.

Sie sind, wie es scheint, der Ansicht, dass ein Mensch, der die interaktive Veröffentlichung des Privaten mit Facebook (im wahrsten Sinn des Wortes) zum “Programm” gemacht hat, keine Geheimnisse mehr haben dürfe. Schon gar nicht im Gespräch mit zwei ZEIT-Journalisten. Hier ihr Argument: “Wenn es aber wirklich stimmt, was Mark Zuckerberg sagt, dass Privates heute längst öffentlich ist und dies kaum noch ein Problem darstellt, dann müsste das auch für Mark Zuckerbergs Leben zutreffen.” (S. 23)

Nächste Frage bitte!

Bekanntlich läßt sich Frechheit immer noch ein bisschen steigern. Und so richtig unschön wird es dann auch eigentlich erst in der folgenden Passage:

“Mister Zuckerberg, Sie haben, so ist zu lesen, seit über zwei Jahren eine Freundin. Ein Reporter der Internet-Klatschseite TMZ hat Sie beide gefilmt, als Sie kürzlich ein Restaurant besuchten und… Ein Berater unterbricht uns: ‘Meine Herren, Sie wollen doch mit Ihren Fragen nicht wirklich so weitermachen, wie Sie das gerade tun.’ Es geht uns um die Frage von Privatleben und Öffentlichkeit. Wie schützen Sie Ihre Privatsphäre? Er lacht, sieht verlegen zu seinen Beratern, einer antwortet für ihn: ‘Indem wir sie privat halten. Nächste Frage bitte.’” (S. 23)

Mit dieser gut nachvollziehbaren Reaktion ist für Amend/Hamann freilich nur der finale Beweis erbracht: “Ausgerechnet der Junge, der Millionen Menschen miteinander verbindet, schottet sich selbst von der Welt ab.” (S. 23)

Versuch’s mal mit Freundschaftlichkeit!

Ist das Aufklärung oder einfach nur journalistische Unverschämtheit? Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist es keine gesunde Kommunikation. Und schon gar keine freundschaftliche. Denn das wäre ja auch eine Möglichkeit gewesen mit Zuckerberg – dem Gründer eines 200 Millionen Menschen starken Freundschaftsnetzwerks, zu dessen Mitgliedern auch Hamann gehört – in Kontakt zu treten: in aller Freundschaft. Warum sollte man nur im Internet mit freundschaftlicher Kommunikation Erfolg haben und nicht auch im ZEITmagazin?

Doch das Thema Freundschaft hat in diesem Essay einen anderen Ort. Dazu die beiden Autoren: “Auf die entscheidende Frage gibt es bis heute keine definitive Antwort: Wie kann man mit der genialen Kommunikationsidee so viel Gewinn machen, dass es sich lohnen würde, Facebook an die Börse zu bringen? Oder lässt sich mit Freundschaft am Ende doch nicht genug Geld verdienen.” (S. 24) Vermutlich nicht. Aber wieso ist das überhaupt so wichtig?

Mike Sandbothe

Der Artikel von Christoph Amend und Götz Hamann ist auf der ZEIT-Homepage online zugänglich und zwar unter dem Titel “Na, Freundchen? Mark Zuckerberg hat das Internet-Netzwerk Facebook gegründet und 200 Millionen Menschen dazu gebracht, ihr Privatleben öffentlich zu führen. Wie offen ist er selbst?

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One comment

  1. Rolf Staudt says:

    „Das ist unanständig“
    würde Helmut Schmidt dazu sagen

    „Auf die entscheidende Frage gibt es bis heute keine definitive Antwort: Wie kann man mit der genialen Kommunikationsidee so viel Gewinn machen, dass es sich lohnen würde, Facebook an die Börse zu bringen? Oder lässt sich mit Freundschaft am Ende doch nicht genug Geld verdienen?“ (Zeit Magazin Nr. 23 28.5.2009 S. 24, Hervorhebungen Rolf Staudt)
    Das eine – Geldverdienen ist „busines as usual“, das andere – die Kommunikation ist vom Grundgesetz aus geschützte Demokratiegrundlage.
    Dass sich mehr und mehr Menschen für „Unterhaltung“ interessieren und weniger für seriöse, gut recherchierte Presseinformationen, hat etwas mit der Bildung, der Bildungspolitik und der zunehmenden Aufspaltung in Arm und Reich, in Präkariat und Karnevalskapitalismus unserer (weltweiten) Gesellschaft zu tun.
    Dies aufzuzeigen hat Deutschlands Presse bisher nicht hinreichend erbracht.
    Wer sich zu sehr anpasst, verliert schnell sein Profil!
    Der Beruf eines Journalisten ist ein besonderer und er genießt einen besonderen Schutz des Staates, durch das Grundgesetz, er ist eben kein Unternehmer, dessen höchstes Ziel die Gewinnmarge ist, ob mit Butter oder Kanonen, ob mit Banken oder dem neuen Werkzeug der Unterhaltungsform: dem Internet. Selbst ein Verleger, respektive Herausgeber ist nicht nur Unternehmer, sondern der besonderen demokratieabsichernden Form seiner Arbeit verpflichtet. Mit unterschiedlicher Qualität und mehr oder weniger Ernsthaftigkeit, näher oder ferner an Unterhaltung oder an seriöser Pressearbeit. Hierin unterscheiden sich neue und alte Formen von Information wenig.
    Das eine ist „Meinungsindustrie“, das andere investigative Pressearbeit zur Meinungsbildung für mündige Bürger.
    Andere würden das, was die beiden Journalisten Christoph Amend und Götz Hamann schreiben, „Neiddiskussion“ nennen. Wenn das so ist, dann haben die beiden aber den falschen Beruf gewählt. Dann hätten sie „Businessmen“ werden müssen.
    Mehr Selbst- und Fachbewusstsein könnte nicht schaden! Mehr Professionalität auch nicht!
    „Er (Mark Zuckerberg R.St.) programmierte eine virtuelle Version einer Idee aus der realen Welt“ (Zeit Magazin Nr. 23 28.5.2009 S. 24) Das Reale ist bereits ein Konstrukt der Wirklichkeit, um die aber geht es!
    Warum drücken sich die beiden Journalisten um ihre klare Meinung herum? Warum sagen sie nicht vor oder nach der Beweisführung klar und deutlich, dass es nicht „Freundschaft“ ist, was da im Internet programmiert und virtuell realisiert wurde? Warum sagen sie nicht klar und deutlich: Es ist Geschäft und hat nichts mit Freundschaft zu tun? Ist es weil auch im Printmedienbereich Informationen gesammelt und verkauft werden? Es ist im Printmedienbereich schwieriger, komplizierter Daten für Werbung so zielgruppengenau zu ermitteln und zu verkaufen, und das schlägt sich im Preis im Werbegeschäft deutlich nieder. Nicht nur Zuckerberg hat keine Idee wie mit den Daten richtig Geld zu verdienen ist. Wohl auch die Zeitungsverlage weltweit nicht. Von New York bis München bringen sie nicht genug Rendite, schon gar keine 25 % wie bei der Deutschen Bank, um im „Investitionswettbewerb“ mithalten zu können. Ist es möglicherweise diese „Dilemmasituation“, für die wohl auch Amend und Hamann keinen Ausweg wissen? Werbung geht den meisten Menschen auf den Wecker. Auch wenn Marketingstrategen und Anzeigenverkäufer das nicht wahr haben wollen. Und das gilt print und online. Der Informationsgehalt von Werbung ist gering und zumeist irreführend.

    Die entscheidende Frage lautet meiner Meinung deswegen anders: wie können Pressefreiheit wirklich mit Inhalt gefüllt werden und bleiben, gut recherchierte Inhalte durch investigativen Journalismus an den Nutzer herangeführt werden, um sich an der demokratiewichtigen Aufgabe der Information und Bildung des mündigen Bürgers zu beteiligen?
    Es gibt immer mehr Menschen, die auf die Freiheit der Information und der Kommunikation, schnell weltweit und interaktiv immer mehr wert legen. Dabei wollen sie sich weder von Werbung, noch von Ausforschung abhalten lassen. Sie legen größten Wert auf informelle Selbtstbestimmung. Information ist genauso wie Bildung keine Ware, schon gar nicht im üblichen Sinne. Damit keinen Profit zu machen, muss noch nicht heißen, dass es kostenlos ist. So wie die Bildung ein Grundanliegen des Staates ist, für das Steuergelder verwendet werden, so ist auch Information ein Grundanliegen des Staates. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist auch nicht kostenlos für den Nutzer. Vielleicht liegt darin der Schlüssel auch für die Zukunft von Presse und Internet als weiteres Instrument der Kommunikation, Information und Bildung. Um Frage wie diese drücken sich Amend und Hamann. Die Ratlosigkeit macht agressiv und führt zu einer ungebührlichen Darstellung ihresgleichen.
    Um zum wesentlichen zu kommen: „Der stärkste Trieb in der menschlichen Natur ist der Wunsch, bedeutend zu sein“ (John Dewey, US amerikanischer pragmatistischer Philosoph und Pädagoge). Dies lässt sich doch auch und gerade im Sinne Dewey´s so sehen: Seinem Leben eine Bedeutung zu geben, heißt sich in die Gesellschaft einzubringen. An Facebook oder ähnlichen digitalen Plattformen lässt sich doch aufzeigen, wie groß der Wunsch und die Kreativität gerade auch von jungen Menschen ist, sich in unsere Gesellschaft einzubringen. Diese neue Qualität konnten Printmedien nicht leisten, so gerne sie es auch gewollt hätten.
    Es ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft, Menschen dabei zu unterstützen, Mitbestimmungsfähigkeit und Solidaritätsfähigkeit zu entfalten und dabei das informationelle Selbstbesimmungsrecht nicht nur der eigenen Daten zu wahren. Dabei spielen Medien und Bildungseinrichtungen eine zentrale Rolle.

    July 1st, 2009 at 19:58

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