Mike's Media Diary
August 4th, 2009

Ich will doch nur spielen (Zeit-Magazin, Nr. 32, 30.7.2009, S. 10-14)

Posted in Die Zeit by mike

Tanja Stelzer (38) ist studierte Germanistin, professionell ausgebildete Journalistin und Textchefin des Zeitmagazins. In ihrem Cover-Beitrag geht es um den “Wahn vieler Eltern, dass ihre Kinder alles können müssen – und den bösen Folgen, die das nach sich zieht” (Die Zeit, 30.7.2009, Köpfe der ZEIT, S. 10).

Welcher Wahn? Welche Folgen?

Am Ende meiner Lektüre erwischte ich mich beim Nachdenken über den Wahn vieler JournalistInnen, dass sie selbst alles können müssen – und den bösen Folgen, die das nach sich zieht. Wie ist es zu dieser von Stelzer sicherlich nicht intendierten Lektüre-Nebenwirkung gekommen?

Nicht nur der werdende Vater in mir, sondern auch der therapeutische Medienphilosoph hätten sich wohl gefreut, wenn die Autorin und zweifache Mutter ihre Gedanken im entspannten Stil eines persönlichen Erfahrungsberichts formuliert hätte. Aber sie selbst scheint der Überforderungslogik ein Stück weit erlegen zu sein, die sie in ihrem Artikel elternkritisch anprangert.

Statt eines einfachen Erfahrungsberichts hat Stelzer ein komplexes Referate-Potpourri von Expertengesprächen zusammen gestellt, die sie in der Schweiz und an verschiedenen Orten in Deutschland geführt hat. Auch das ist natürlich interessant und klingt ungefähr so:

Völlig ohne Programm

Die Schulleiterin der Hamburger Gorch-Fock-Grundschule läßt Kinder auf der Klassenfahrt eine Woche “völlig ohne Programm” (S. 12). Weil sie “das Runterkommen” (S. 12) lernen müssen.

Denn die Eltern haben die Freizeit ihrer Kinder zu einer Termin-Rallye umfunktioniert: “Sie gehen zum Hockey, zum Tennis, zum Segeln, zur Musikstunde, machmal haben sie an einem Nachmittag zwei bis drei Programmpunkte zu absolvieren.” (S. 12)

Der Berliner Jugendforscher Klaus Hurrelmann sieht “eine Welle von Autismus- und Depressionsdiagnosen” (S. 12) voraus. Denn, so referiert die Autorin weiter, “wir haben noch nie einen medizinischen Trend aus Amerika ausgelassen” (S. 12)

Das Chauffeurdasein der Eltern

Und jetzt kommt für eine lange Artikelstrecke nur noch Remo Largo. Denn Stelzer findet: “Der Mann ist eine Institution” (S. 12). Er war 35 Jahre lang Professor am Zürcher Kinderspital und hat die Entwicklung von 800 gesunden Kindern dokumentiert, von der Geburt bis zum Alter von 20 Jahren.

Dabei hat Largo u.a. festgestellt, dass intelligente Eltern zumeist weniger intelligente Kinder haben und “dumme Eltern mit hoher Wahrscheinlichkeit ein weniger dummes Kind” (S. 12f).

Außerdem weiß der Mann mit dem tollen Namen, dass Väter im Schnitt pro Tag nur 20 Minuten Zeit für ihre Kinder aufbringen und dass Mütter allzu häufig dem Mißverständis erliegen, “dass das Chauffeurdasein der Eltern etwas mit Zuneigung zu tun haben könnte” (S. 14).

Das Recht des Kindes

Aber damit nicht genug. Die Ärztin Inge Flehmig, die noch mit 84 Jahren das Hamburger Zentrum für Kindesentwicklung leitet, hat der Autorin erzählt, dass hyperaktive Kinder – bei 10 bis 11 Prozent eines Jahrgangs wird ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) festgestellt – so zappeln, weil sie die innere Balance verloren haben und sich so fühlen “als wären sie aus der Schwerelosigkeit des Weltraums ins Schwerefeld der Erde zurückgekehrt” (S. 14).

Den Hirnforscher Gerald Hüther überspringe ich jetzt einfach mal. Denn er kommt später noch dran.

Aber den “großen alten Mann der Pädagogik” (S. 14) wollen wir im Stelzer-Referat doch noch zu Wort kommen lassen. Janusz Korczak heißt er und forderte schon vor siebzig Jahren “erstens das Recht des Kindes auf seinen eigenen Tod (…), zweitens das Recht des Kindes auf den heutigen Tag (…) und drittens das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist (…)” (S. 14).

Schule als Verbrechen

Fast hätte ich Ulrike Kegler vergessen. Sie ist Leiterin einer Montessorischule in Potsdam. Das ist eine Schule, “wo es keine Noten gibt und kein Melden und Drannehmen oder Nichtdrannehmen, wo die Kinder am Boden liegen dürfen, wenn sie schreiben oder malen oder rechnen” (S. 14).

Das – so hat Stelzer gehört – ist viel besser als die sonst übliche “Einheitsschule”. Letztere ist nämlich – und jetzt kommt der oben übersprungene Hirnfoscher Hüther doch noch zum Zuge – “ein Verbrechen, das an den Kindern begangen wird” (S. 14).

Denn, so referiert Stelzer den Kinderhirnexperten weiter: “Gut in Mathe sind (…) nicht die Kinder, die besonders viel Mathe üben, sondern die auch gut auf Balken balancieren können” (S. 14).

Der werdende Vater in mir

Hm. Der werdende Vater in mir fühlt sich ein wenig hilflos und ziemlich verwirrt.

Was können wir Elternanwärter aus dem Artikel von Frau Stelzer konkret lernen? Und was bedeutet das alles für wirkliche Eltern und wirkliche Kinder heute?

Zum Glück läßt die Autorin uns mit den von ihr eloquent verbundenen Expertenansichten nicht gänzlich allein stehen. Sie hat durchaus eine eigene Meinung und äußert diese auch – an zwei Stellen ihres Textes.

Aus eigener Muttererfahrung

Die erste Stelle findet sich im Abspann und lautet: “Irgendwie scheinen wir Erwachsene eine ziemlich simple Sache vergessen zu haben: Kinder wollen doch nur spielen. Vielleicht sollten wir sie zur Abwechselung einfach mal lassen. Und, wenn es sein muss, selber zum Therapeuten gehen” (S. 14).

Die zweite Stelle ist auf der gleichen Seite in der Mitte oben. Auch hier verbirgt sich Tanja Stelzer nicht hinter Autoritäten, sondern schöpft direkt aus ihrer eigenen Muttererfahrung.

Das Räderwerk, in dem wir selbst stecken

Sie schreibt: “Der Satz. ‘Warte mal, ich muss noch schnell…’ – die Autorin spricht ihn selbst viel zu häufig. Wie oft sehen wir unsere Kinder an und halten das, was wir sehen, für ein Spiegelbild unserer selbst? Wie oft denken wir den Satz: ‘Warum macht er das jetzt nicht? Ich hab das doch in dem Alter schon lange gekonnt!’”

Und Stelzer fährt fort: “Wir müssen lernen, dass Kinder nicht Abziehbilder von uns selbst sind, nicht die Leinwand für unsere Projektionen. Sie gehören uns nicht – wir müssen sie verteidigen gegen das Räderwerk, in dem wir selbst stecken” (S. 14).

Und jetzt auch noch der Medienphilosoph

Das stimmt. Aber wäre es zusätzlich nicht auch noch gut, dieses Räderwerk, in dem wir selbst stecken, Schritt für Schritt zum Besseren zu verändern?

Dabei kann ein guter Therapeut und Coach helfen. Oder ein sensibler Heiler und Schamane. Oder einfach helfende und wissende Zeugen, Kollegen, Freunde, Verwandte, Bekannte.

Das gilt natürlich auch für das Räderwerk des journalistischen Betriebes, für die erstarrte Professionalität von Expertengesprächen, für das Chauffeurdasein der länderübergreifend recherchierenden Journalistin.

Less is more

Auch hier gilt: Less is more! Einfach mal locker lassen! Einfach mal auf’s eigene Leben schauen! Nicht immer nur zitieren und referieren! Einfach mal das geschriebene Wort aus der eigenen Erfahrung heraus mit Gefühl aufladen!

Na klar. Tanja Stelzer tut das. Hier und da. Es ist eine Frage der Grade.

Den Lebensstil ändern, den Schreibstil ändern

Sowohl der werdende Vater als auch der therapeutische Medienphilosoph – und nicht nur diese – wären vermutlich um ein paar hilfreiche Veränderungsvorschläge und konkrete Verbesserungsideen reicher, wenn die erfahrene Mutter Tanja Stelzer nicht nur zweimal, sondern vielleicht dreimal, viermal, fünfmal – oder sogar sechsmal – über die von der professionellen Journalistin interviewten Experten gesiegt hätte.

Wenn das, was wir mit unseren Kindern tun, “die zwangsläufige Folge eines Lebensstils ist, der menschliche Bedürfnisse ständig verletzt” (S. 14), dann wird es Zeit, dass wir nicht nur darüber klagen, sondern beginnen, diesen Lebensstil Schritt für Schritt zu verändern. Und unser Schreibstil ist ein Ausdruck unseres Lebensstils.

Mike Sandbothe

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Der Artikel von Tanja Stelzer (38) ist unter dem Titel “Ich will doch nur spielen” auf Zeit-Online zugänglich.

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