Mike's Media Diary
August 10th, 2009

Kinder der Angst (Der Spiegel, Nr. 32, 3.8.2009, S. 38-48)

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Die SPIEGEL-Redakteurin Kerstin Kullmann (30) plädiert “für mehr Gelassenheit in der Erziehung”(SPIEGEL-Titelseite).

Wie wenige Tage zuvor schon ihre ZEIT-Kollegin Tanja Stelzer (38) – vgl. den entsprechenden Mediary-Kommentar vom 4. August 2009 – diagnostiziert auch Kullmann in ihrer 10-seitigen SPIEGEL-Titelstory eine zunehmende Hilflosigkeit der aktuellen Elterngeneration.

Expertenwissen statt Eigenerfahrung

“Die neuen Eltern hören nicht mehr auf ihr Bauchgefühl. Sie misstrauen ihrem Instinkt. Mit Hilfe von Ratgebern und Ärzten überprüfen sie stattdessen, ob sie fachgerecht handeln” (S. 42).

Ähnlich wie Stelzer für die ZEIT befragte auch Kullmann für den SPIEGEL Ärzte, Historiker, Pädagogen und Therapeuten. Anders als diese jedoch recherchierte sie darüber hinaus “in Krabbelgruppen und Geburtsvorbereitungskursen, auf Spielplätzen und in Kinderkliniken” (SPIEGEL-Hausmitteilung, S. 3)

Sie praktizieren, was sie beklagen

Beide Autorinnen beklagen den Sachverhalt, dass in unserer Gesellschaft das Expertenwissen zunehmend an die Stelle der eigenen Erfahrung, die Autorität des fremden Kopfes zunehmend an die Stelle des eigenen Gefühls getreten sei.

Mein Eindruck bei der vergleichenden Lektüre der beiden Artikel: Die zwei journalistischen Profis praktizieren über weite Strecken genau das, was sie beklagen.

Die neuen Journalistinnen hören nicht mehr auf ihr Bauchgefühl

Oder in freier Anlehung an Kullmann (und daher begrifflich etwas überpointiert) formuliert:

Die neuen Journalistinnen hören nicht mehr auf ihr Bauchgefühl. Sie misstrauen ihrem Instinkt. Mit Hilfe von Expertengesprächen und Spielplatzrecherchen überprüfen sie stattdessen, ob sie fachgerecht publizieren.

Muttererfahrungen

Während Stelzer in der ZEIT immerhin an zwei Stellen ihres Artikels auf ihre eigenen Lebenserfahrungen als Mutter Bezug nimmt, findet sich in dem SPIEGEL-Beitrag von Kullmann keinerlei Referenz auf ihre persönlichen Erfahrungen.

Den einzigen Bezug auf die Mutterschaft der Autorin stellt die SPIEGEL-”Hausmitteilung” her. Diese ist als vertiefender Wegweiser dem Inhaltsverzeichnis des SPIEGEL vorangestellt, hat also einen sehr prominenten Platz im Blatt.

Das Geschrei hört irgendwann von allein auf

Dort wird berichtet, dass “Kullmann, Mutter eines Zweijährigen (…) für manche überforderte Eltern (…) sogar selbst zur Beraterin wurde.”

Dazu wird Kullmann im O-Ton zitiert: “Als mich eine Mutter fragte, ob Fencheltee ihren brüllenden Säugling wirklich beruhige, konnte ich nur sagen: ‘Das Geschrei hört irgendwann von allein auf.’ Das stand in keinem Buch, aber sie war damit hochzufrieden” (S. 3).

Schwarze Pädagogik

Tatsächlich steht so etwas heute in keinem guten Buch mehr.

Aber in Zeiten der schwarzen Pädagogik gehörte es durchaus zum Repertoire der Ratgeberliteratur, dass Kinder sich ausschreien müssen und es daher wichtig ist, dass die Mutter möglichst früh eine emotionale und räumliche Distanz zu ihrem Baby aufbaut.

Was Kullmann als ihr Bauchgefühl empfindet, ist vermutlich das Produkt eines Ratgeberwissens, das durch praktische Umsetzung über Generationen hinweg zur Erfahrung geronnen ist und heute mit gutem Recht als veraltet gilt.

Gedanken machen Bauchschmerzen

Damit bin ich bei einem begrifflichen Grundproblem von Kullmanns Artikel. Ihr Vokabular ist von der polaren Gegenüberstellung zwischen Bauch und Kopf, Gefühl und Gedanke, Erfahrung und Wissen geprägt. Dieser abstrakte Gegensatz ist alles andere als erfahrungsgesättigt.

Wenn wir einmal in uns selbst hineinspüren, stellen wir fest, dass Kopf und Bauch im Regelfall eng miteinander verbunden sind. Bestimmte Gedanken machen mir Bauchschmerzen. Und wenn ich hungrig bin, habe ich andere Gedanken als wenn ich satt bin, wenn mir übel ist, andere als wenn ich mich wohl fühle.

Das Nullgefühl

Das gleiche gilt für das Verhältnis von Gefühl und Gedanke. Kein Gedanke, der nicht auch mit einem Gefühl verbunden wäre.

Selbst die Bedeutung eines so abstrakten Gedankenzeichens wie “0″ oder “1″ löst emotionale Assoziationen in uns aus. Beim Zahlzeichen “0″ assoziere ich zum Beispiel das Gefühl von Mangel, von Leere, von Stillstand, aber auch von Neubeginn.

Freude als Freude und Wut als Wut

Und andersherum ist es so, dass die meisten Gefühle nicht gedankenlos sind.

Denn schon in dem Moment, in dem ich meine Freude als Freude oder meine Wut als Wut identifiziere, bringe ich diffuse Empfindungen auf einen Begriff.

Man könnte sogar sagen, dass ein in aller Tiefe als es selbst empfundenes Gefühl immer auch eine ganzheitliche Beteiligung meines Denkens im Fühlen voraussetzt.

Wissens- statt Erfahrungsgesellschaft

Ähnlich ist es um das Verhältnis von Erfahrung und Wissen bestellt. Erfahrung ohne Wissen ist blind, Wissen ohne Erfahrung leer.

Andreas Rödder, Professor für Neuere Geschichte an der Uni Mainz, hat Kullmann in einem Expertengespräch wissen lassen: “Die Eltern geben nichts mehr auf ihre eigenen Erfahrungen. Gar nichts. Auch ohne Kind – aber besonders mit. Der Wert unserer Erfahrungen sinkt. Wir sind eine Wissens- und keine Erfahrungsgesellschaft mehr” (S. 42).

Probleme mit dem Vokabular

Auch der Geschichtswissenschaftler hat offensichtlich seine Probleme mit dem Vokabular.

Einerseits formuliert er vorsichtig und in Graden: “Der Wert unserer Erfahrungen sinkt.” – Das ist verständlich. Denn wir befinden uns mitten in einem Prozess globaler Transformation, der Kultur, Medien, Politik und Wirtschaft umfasst.

Andererseits neigt auch Rödder zur begrifflichen Polarisierung: “Die Eltern geben nichts mehr auf ihre eigenen Erfahrungen. Gar nichts.” – Das ist fraglos überspitzt. Ein Mensch, der nichts mehr auf seine eigenen Erfahrunge geben würde, wäre vermutlich nicht lebensfähig. Und Wissen, das nicht auf Erfahrungen beruht, ist kein Wissen.

Die Mischung macht’s

Gerade in Phasen historischer Transformation ist es sinnvoll und hilfreich, das Verhältnis von Bauch und Kopf, Gefühl und Gedanke, Erfahrung und Wissen nicht immer nur in der strengen Logik des “Entweder-Oder”, sondern auch einmal im entspannten Vokabular des “Sowohl-Als-Auch” zu formulieren.

Abstrakte Wesensfragen nach dem Muster “Ist das Erfahrung oder Wissen?” lassen sich so in liberalere Fragen nach Graden und Mischungsverhältnissen umformulieren: “Wieviel Erfahrung mischt sich mit wieviel Wissen?

Die Elternschaft meiner Eltern

Wenn ich auf mich selbst als werdenden Vater schaue, stelle ich fest, dass bei mir tatsächlich das Verhältnis von Erfahrung und Wissen ein anderes ist als noch bei meinen Eltern.

Natürlich haben auch meine Eltern schon Erziehungsratgeber gelesen. Aber es gab noch kein Fernsehen und kein Internet. Der Wissensanteil meines sich entwickelnden Vatergefühls ist fraglos höher als er es bei meinem Vater war als ich 1961 geboren wurde.

Kullmanns relatives Recht

In dieser Veränderung der Mischungsverhältnisse liegt das relative Recht von Kullmanns Artikel.

Aber muss diese graduelle Verschiebung tatsächlich dazu führen, dass Eltern – wie Kullmann unterstellt – “aufhören, ihren gesunden Menschenverstand zu benutzen?” (S. 42)

Bescheidwisserei unter Deutschlands Eltern

Schärfer formuliert: Ist es angesichts der aktuellen Transformationsdynamik angemessen, sich über zunehmende “Bescheidwisserei unter Deutschlands Eltern” (S. 42) zu beklagen?

Mehr noch: Ist es angemessen, sich über Lisa Mohr (23) lustig zu machen, die “einen Zahnpflege-, einen Ernährungs- und einen Babykochkurs” (S. 42) besucht, obwohl – wie Kullmann bissig bemerkt – “ihre Tochter weder Zähne im Mund noch jemals Brei gegessen hat”?

Anti-Ratgeber als höchste Autorität

Worauf will die Autorin eigentlich hinaus? Interessanterweise zieht sie ihr Fazit mithilfe desselben “Anti-Ratgebers” (S. 47), der auch schon in Stelzers ZEIT-Artikel als höchste Autorität auftrat.

Remo Largo hat als Arzt und Professor 35 Jahre lang die Abteilung Wachstum und Entwicklung des Zürcher Kinderspitals geleitet. In der begrifflichen Welt von Kullmann steht er deshalb für den Pol der Erfahrung.

Man kann gar nichts machen

Largos Leitsätze lauten: “Nichts kann das Kind in seiner Entwicklung beschleunigen. Und nichts kann das Kind in seiner Entwicklung verbessern” (S. 47). In Kullmanns Reformulierung wird daraus: “Alles wird gut. Man muss gar nichts machen. Man kann gar nichts machen” (S. 47).

Das erscheint mir wie eine Überreaktion auf das von Kullmann zurecht kritisierte “Rattenrennen ums Superkind” (S. 47). Die beste Alternative zur Selbstüberforderung ist nicht notwendig die Resignation. Insgeheim weiß die Autorin und Mutter das auch selbst.

Emotionalität, Stabilität, bedingungslose Zuwendung

Denn obwohl der bereits zitierte Historiker Andreas Rödder meint: “Emotionalität, Stabilität, bedingungslose Zuwendung. Alles überhaupt nicht mehr zeitgemäß” (S. 42f). So gilt laut Kullmann doch: “Väter und Mütter müssen diese Werte verteidigen in einer Gesellschaft, in der sie schnell als gefühlsduselig und verbohrt gelten” (S. 43).

Ich hätte mich gefreut, wenn die Autorin von dieser Einsicht in ihrem Artikel mehr Gebrauch gemacht hätte.

Eine demokratische Balance

Sowohl Kerstin Kullmanns SPIEGEL-Titelstory als auch die ZEIT-Covergeschichte von Tanja Stelzer zeigen, wie schwer es ist eine demokratische Balance zu finden zwischen den professionellen Standards journalistischer Magazinarbeit und dem Erfahrungswissen eigener Elternschaft.

Zukünftige Autorinnen und Autoren können aus beiden Texten sicherlich vieles lernen. Im Guten wie im Schlechten.

Mike Sandbothe

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Der Artikel von Kerstin Kullmann ist unter dem Titel “Kinder der Angst” als Volltext auf SPIEGEL-Online zugänglich.

August 4th, 2009

Ich will doch nur spielen (Zeit-Magazin, Nr. 32, 30.7.2009, S. 10-14)

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Tanja Stelzer (38) ist studierte Germanistin, professionell ausgebildete Journalistin und Textchefin des Zeitmagazins. In ihrem Cover-Beitrag geht es um den “Wahn vieler Eltern, dass ihre Kinder alles können müssen – und den bösen Folgen, die das nach sich zieht” (Die Zeit, 30.7.2009, Köpfe der ZEIT, S. 10).

Welcher Wahn? Welche Folgen?

Am Ende meiner Lektüre erwischte ich mich beim Nachdenken über den Wahn vieler JournalistInnen, dass sie selbst alles können müssen – und den bösen Folgen, die das nach sich zieht. Wie ist es zu dieser von Stelzer sicherlich nicht intendierten Lektüre-Nebenwirkung gekommen?

Nicht nur der werdende Vater in mir, sondern auch der therapeutische Medienphilosoph hätten sich wohl gefreut, wenn die Autorin und zweifache Mutter ihre Gedanken im entspannten Stil eines persönlichen Erfahrungsberichts formuliert hätte. Aber sie selbst scheint der Überforderungslogik ein Stück weit erlegen zu sein, die sie in ihrem Artikel elternkritisch anprangert.

Statt eines einfachen Erfahrungsberichts hat Stelzer ein komplexes Referate-Potpourri von Expertengesprächen zusammen gestellt, die sie in der Schweiz und an verschiedenen Orten in Deutschland geführt hat. Auch das ist natürlich interessant und klingt ungefähr so:

Völlig ohne Programm

Die Schulleiterin der Hamburger Gorch-Fock-Grundschule läßt Kinder auf der Klassenfahrt eine Woche “völlig ohne Programm” (S. 12). Weil sie “das Runterkommen” (S. 12) lernen müssen.

Denn die Eltern haben die Freizeit ihrer Kinder zu einer Termin-Rallye umfunktioniert: “Sie gehen zum Hockey, zum Tennis, zum Segeln, zur Musikstunde, machmal haben sie an einem Nachmittag zwei bis drei Programmpunkte zu absolvieren.” (S. 12)

Der Berliner Jugendforscher Klaus Hurrelmann sieht “eine Welle von Autismus- und Depressionsdiagnosen” (S. 12) voraus. Denn, so referiert die Autorin weiter, “wir haben noch nie einen medizinischen Trend aus Amerika ausgelassen” (S. 12)

Das Chauffeurdasein der Eltern

Und jetzt kommt für eine lange Artikelstrecke nur noch Remo Largo. Denn Stelzer findet: “Der Mann ist eine Institution” (S. 12). Er war 35 Jahre lang Professor am Zürcher Kinderspital und hat die Entwicklung von 800 gesunden Kindern dokumentiert, von der Geburt bis zum Alter von 20 Jahren.

Dabei hat Largo u.a. festgestellt, dass intelligente Eltern zumeist weniger intelligente Kinder haben und “dumme Eltern mit hoher Wahrscheinlichkeit ein weniger dummes Kind” (S. 12f).

Außerdem weiß der Mann mit dem tollen Namen, dass Väter im Schnitt pro Tag nur 20 Minuten Zeit für ihre Kinder aufbringen und dass Mütter allzu häufig dem Mißverständis erliegen, “dass das Chauffeurdasein der Eltern etwas mit Zuneigung zu tun haben könnte” (S. 14).

Das Recht des Kindes

Aber damit nicht genug. Die Ärztin Inge Flehmig, die noch mit 84 Jahren das Hamburger Zentrum für Kindesentwicklung leitet, hat der Autorin erzählt, dass hyperaktive Kinder – bei 10 bis 11 Prozent eines Jahrgangs wird ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) festgestellt – so zappeln, weil sie die innere Balance verloren haben und sich so fühlen “als wären sie aus der Schwerelosigkeit des Weltraums ins Schwerefeld der Erde zurückgekehrt” (S. 14).

Den Hirnforscher Gerald Hüther überspringe ich jetzt einfach mal. Denn er kommt später noch dran.

Aber den “großen alten Mann der Pädagogik” (S. 14) wollen wir im Stelzer-Referat doch noch zu Wort kommen lassen. Janusz Korczak heißt er und forderte schon vor siebzig Jahren “erstens das Recht des Kindes auf seinen eigenen Tod (…), zweitens das Recht des Kindes auf den heutigen Tag (…) und drittens das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist (…)” (S. 14).

Schule als Verbrechen

Fast hätte ich Ulrike Kegler vergessen. Sie ist Leiterin einer Montessorischule in Potsdam. Das ist eine Schule, “wo es keine Noten gibt und kein Melden und Drannehmen oder Nichtdrannehmen, wo die Kinder am Boden liegen dürfen, wenn sie schreiben oder malen oder rechnen” (S. 14).

Das – so hat Stelzer gehört – ist viel besser als die sonst übliche “Einheitsschule”. Letztere ist nämlich – und jetzt kommt der oben übersprungene Hirnfoscher Hüther doch noch zum Zuge – “ein Verbrechen, das an den Kindern begangen wird” (S. 14).

Denn, so referiert Stelzer den Kinderhirnexperten weiter: “Gut in Mathe sind (…) nicht die Kinder, die besonders viel Mathe üben, sondern die auch gut auf Balken balancieren können” (S. 14).

Der werdende Vater in mir

Hm. Der werdende Vater in mir fühlt sich ein wenig hilflos und ziemlich verwirrt.

Was können wir Elternanwärter aus dem Artikel von Frau Stelzer konkret lernen? Und was bedeutet das alles für wirkliche Eltern und wirkliche Kinder heute?

Zum Glück läßt die Autorin uns mit den von ihr eloquent verbundenen Expertenansichten nicht gänzlich allein stehen. Sie hat durchaus eine eigene Meinung und äußert diese auch – an zwei Stellen ihres Textes.

Aus eigener Muttererfahrung

Die erste Stelle findet sich im Abspann und lautet: “Irgendwie scheinen wir Erwachsene eine ziemlich simple Sache vergessen zu haben: Kinder wollen doch nur spielen. Vielleicht sollten wir sie zur Abwechselung einfach mal lassen. Und, wenn es sein muss, selber zum Therapeuten gehen” (S. 14).

Die zweite Stelle ist auf der gleichen Seite in der Mitte oben. Auch hier verbirgt sich Tanja Stelzer nicht hinter Autoritäten, sondern schöpft direkt aus ihrer eigenen Muttererfahrung.

Das Räderwerk, in dem wir selbst stecken

Sie schreibt: “Der Satz. ‘Warte mal, ich muss noch schnell…’ – die Autorin spricht ihn selbst viel zu häufig. Wie oft sehen wir unsere Kinder an und halten das, was wir sehen, für ein Spiegelbild unserer selbst? Wie oft denken wir den Satz: ‘Warum macht er das jetzt nicht? Ich hab das doch in dem Alter schon lange gekonnt!’”

Und Stelzer fährt fort: “Wir müssen lernen, dass Kinder nicht Abziehbilder von uns selbst sind, nicht die Leinwand für unsere Projektionen. Sie gehören uns nicht – wir müssen sie verteidigen gegen das Räderwerk, in dem wir selbst stecken” (S. 14).

Und jetzt auch noch der Medienphilosoph

Das stimmt. Aber wäre es zusätzlich nicht auch noch gut, dieses Räderwerk, in dem wir selbst stecken, Schritt für Schritt zum Besseren zu verändern?

Dabei kann ein guter Therapeut und Coach helfen. Oder ein sensibler Heiler und Schamane. Oder einfach helfende und wissende Zeugen, Kollegen, Freunde, Verwandte, Bekannte.

Das gilt natürlich auch für das Räderwerk des journalistischen Betriebes, für die erstarrte Professionalität von Expertengesprächen, für das Chauffeurdasein der länderübergreifend recherchierenden Journalistin.

Less is more

Auch hier gilt: Less is more! Einfach mal locker lassen! Einfach mal auf’s eigene Leben schauen! Nicht immer nur zitieren und referieren! Einfach mal das geschriebene Wort aus der eigenen Erfahrung heraus mit Gefühl aufladen!

Na klar. Tanja Stelzer tut das. Hier und da. Es ist eine Frage der Grade.

Den Lebensstil ändern, den Schreibstil ändern

Sowohl der werdende Vater als auch der therapeutische Medienphilosoph – und nicht nur diese – wären vermutlich um ein paar hilfreiche Veränderungsvorschläge und konkrete Verbesserungsideen reicher, wenn die erfahrene Mutter Tanja Stelzer nicht nur zweimal, sondern vielleicht dreimal, viermal, fünfmal – oder sogar sechsmal – über die von der professionellen Journalistin interviewten Experten gesiegt hätte.

Wenn das, was wir mit unseren Kindern tun, “die zwangsläufige Folge eines Lebensstils ist, der menschliche Bedürfnisse ständig verletzt” (S. 14), dann wird es Zeit, dass wir nicht nur darüber klagen, sondern beginnen, diesen Lebensstil Schritt für Schritt zu verändern. Und unser Schreibstil ist ein Ausdruck unseres Lebensstils.

Mike Sandbothe

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Der Artikel von Tanja Stelzer (38) ist unter dem Titel “Ich will doch nur spielen” auf Zeit-Online zugänglich.

June 22nd, 2009

Begegnung: Glück ist anstrengend – aber auch nur dann richtig schön, meinen Günther Jauch, Glücksbringer, und Gerhard Schulze, Glücksforscher (Chrismon. Das evangelische Magazin, 06.2009, S. 30-34, in: Die Zeit, Nr. 25, 10. Juni 2009)

Posted in Die Zeit by mike

Kleinster gemeinsamer Glücksnenner

Eine gute Idee finde ich das: der publikumswirksame Moderator von „Wer wird Millionär?“ (1999 ff) und der nicht nur akademisch bekannte Soziologieprofessor und Autor des Buchs „Die Erlebnisgesellschaft“ (1992) im öffentlichen Dialog über die uns alle privat bewegende Frage: ‚Was ist Glück?’

Und doch war ich am Ende meiner Lektüre enttäuscht über das Ergebnis. Denn der kleinste gemeinsame Glücksnenner, auf den sich Jauch (52) und Schulze (64) nach vier Seiten Konversation einigen können, lautet schlicht: „durch Mühsal zu den Sternen!“

Schwarze Pädagogik

Schulze ist ein Kind der vierziger, Jauch eins der fünfziger Jahre. In dieser Zeit galten „die Erziehungsziele Gehorsam, Pflichtbewusstsein, Unterordnung“ (Schulze, S. 34) als kanonische Wertmaßstäbe sowohl in der Familie als auch in den Bildungsinstitutionen und in den Medien.

Die Zürcher Kindheitsforscherin Alice Miller (86) hat den an solchen Werten orientierten Erziehungsstil als „schwarze Pädagogik“ bezeichnet. In ihren weltweit einflussreichen Büchern (1979ff) zeigt sie auf, wie die Unterdrückung der kindlichen Individualität u.a. zur Herausbildung narzisstischer Persönlichkeiten führen kann.

Krieg, Trauma und Narzissmus

Narzissten sind Miller zufolge Menschen, denen es in ihrer Kindheit an authentischer Elternliebe gefehlt hat. Im Nachkriegsdeutschland konnten die durch den Krieg traumatisierten Eltern ihren Kindern häufig die unbedingte Liebe nicht geben, die kleine Menschenwesen benötigen, um eine einfache, klare und in sich ruhende Selbstachtung aufzubauen.

Als Reaktion haben viele Kinder der Kriegsgeneration angefangen, kompensatorische Formen der Selbstliebe auszubilden. Sie haben das, was die Eltern an ihnen möglicherweise wertschätzen, nicht unmittelbar in ihrem inneren Sein, in ihrer einfachen Präsenz finden können, sondern (vermittelt über ein äußeres Bild) auf ein erst noch zu erreichendes Ich-Ideal projiziert.

Bezogen auf die Glücksthematik bedeutet dies, dass die grundlegende Glückserfahrung, die darin besteht, sich selbst lieben zu können, in einer durch narzisstische Persönlichkeitstypen geprägten Gesellschaft zum Resultat einer außerordentlichen Anstrengung wird.

Ein trauriger Konsens

Dieser Sachverhalt spiegelt sich in dem traurigen Konsens, auf den sich der Glücksbote Jauch und der Glücksforscher Schulze am Ende ihres Gesprächs verständigen.

Das „anstrengungslose Glück“ (Schulze, S. 34) ist für die beiden nur eine Chimäre wie „der ewige Feierabend“ (Jauch, S. 34). Nur wer leidet und sich wirklich anstrengt, konzentriert und immer wieder überfordert, hat die Chance im Erfolgsfall „glückhafte Momente“ (Jauch, S. 32) der „Selbstvergessenheit“ (Schulze, S. 34) zu erleben.

Karriere und Kinder

Als Gesellschaftsdiagnose, also als Symptom ist das sicherlich gut gesehen. Das Problem ist nur, dass die beiden Gesprächspartner die narzisstische Deformation, die sie selbst vermutlich mehr oder weniger erfolgreich leben, zum allgemeinen Ideal erklären.

Alice Miller zufolge gibt es zwei weit verbreitete Standardreaktionen auf den traumatisch induzierten Liebesmangel, durch den die Sozialisation der deutschen Nachkriegsgeneration gekennzeichnet ist: Karriere und Kinder.

Die Liebe, die mir meine Eltern nicht geben konnten

Karriere: die Liebe, die mir meine Eltern nicht geben konnten, erarbeite ich mir durch glänzenden beruflichen Erfolg, der mich nachträglich im Erwachsenenalter dann doch noch irgendwie (für mich selbst und andere) liebenswert machen soll.

Kinder: die Liebe, die mir meine Eltern nicht geben konnten, gebe ich ersatzweise meinen eigenen Kindern. Ich liebe dann in meinen Kindern kompensatorisch genau das, was von meinen Eltern in mir, als ich selbst ein Kind war, übersehen wurde. Auch das ist dann freilich keine authentische Liebe und führt bei meinen eigenen Kindern vermutlich erneut zu narzisstischen Reaktionsbildungen.

Das „Augenstern-Projekt“

Interessanterweise kommt Günther Jauch auf diese zweite Form der narzisstischen Reaktionsbildung selbst zu sprechen:

„Aber wenn Eltern ihr Kind als persönliches Glücksprojekt ansehen, wird das schwierig. Viele wollen ihren Kindern das zu Füßen legen, was ihnen selbst verwehrt geblieben ist. Wenn ich mit meiner Frau Eltern beobachte, die ihrem Kind jeden Wunsch erfüllen, gucken wir uns an und sagen: Schon wieder so ein Augenstern-Projekt. Da werden tendenziell kleine Tyrannen herangezogen“ (Jauch, S. 34).

Ich bin mir nicht sicher, ob der Begriff des Tyrannen hier gut gewählt ist. Aber was Jauch meint, lässt sich mit Alice Millers Überlegungen zur kompensatorischen Wunscherfüllung via Idealisierung der eigenen Kinder gut nachvollziehen.

Miller würde hier jedoch noch einen Schritt weiter gehen. Aus ihrer Sicht wäre der therapeutische Blick, den Jauch und seine Frau auf die Augenstern-Projekte befreundeter Ehepaare richten, auch auf Jauch selbst anzuwenden.

„Auf das Gleis geschubst“

Seiner eigenen Einschätzung zufolge war es Jauchs „größter beruflicher Glücksfall“ (S. 33), dass Thomas Gottschalk ihn einst „auf das Gleis geschubst (hat), auf dem ich heute fahre“ (Jauch, S. 33). Damit meint Jauch seine Medienkarriere, die ihm „eine neue Welt eröffnet hat“ (ebd.).

In dieser Welt der televisionären Wunschträume und Wunscherfüllungen stellt Günther Jauch in „Wer wird Millionär?“ jede Woche erneut das für ihn selbst vermutlich prägende „Drama des begabten Kindes“ (Miller) nach.

Dabei übernimmt er die Position der (eben nicht bedingungslos, sondern nur unter bestimmten Erfolgsbedingungen) liebenden Mutter, die mit ihren liebes-, geld- und anerkennungshungrigen Kindern ein manchmal durchaus grausames Spiel spielt.

Das Glück der Durchbrüche

Sowohl in Jauchs Privatsphäre als auch in seiner Show ist an die Stelle des anstrengungslosen und stillen Glücks, das Menschen kennen, die von ihren Eltern wirklich geliebt worden sind, „das Glück der Durchbrüche“ (Schulze, S. 33) getreten.

Sicherlich: es gibt diese schweißtreibende und disziplinorientierte Glücksform, und sie ist wichtig und bedeutsam. Aber es ist ein Symptom unserer narzisstisch sozialisierten Gesellschaft, dass Prominente wie Jauch diese Art von Glück verabsolutieren.

Der Trost der Mütter

Doch ein Trost bleibt am Ende der Lektüre. Sowohl der mediale Glücksbote als auch der wissenschaftliche Glücksforscher kommen zu guter letzt auf ihre Mütter zu sprechen. Und zwar beim Thema Religion.

So bekennt Jauch, dass es für ihn eine „große Hilfe“ ist, in Momenten der Krise mit einer „höheren Instanz“ zu kommunizieren, von der er weiß: „Die liebt mich, die sieht mich als einzigartig an, die hält ihre schützende Hand über mich und sieht einen Sinn in allem, was ich tue und was mir widerfährt“ (Jauch, S. 34).

Und Schulze erinnert sich am Ende des Gesprächs an einen Traum seiner Mutter, der beschreibt, wie es sich anfühlt zu glauben: „Sie träumte, sie liegt in einer großen Hand.“ (Schulze, S. 34)

Das Leben selbst schon Glück

Aus der Sicht von Alice Miller muss die Erfahrung unbedingter Liebe nicht ein Traum der Religion bleiben. Kinder haben ein Recht auf authentische Liebe. Denn ohne diese können sie auch später nicht spüren, dass das Leben selbst schon als Glück erfahren werden kann. Ganz ohne Anstrengung. In einfacher Präsenz. Ohne Trauma. Ohne Krieg.

Mike Sandbothe

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Das Gespräch, das Arnd Brummer (52, Redaktionsleiter und Geschäftsführer von Chrismon) und Nils Husmann (32, Fachredakteur bei Chrismon) mit Günther Jauch und Gerhard Schulze geführt haben, ist unter dem Titel “Glück ist anstrengend” auf der Homepage von Chrismon zugänglich.

June 5th, 2009

Na, Freundchen? Mark Zuckerberg hat das Internet-Netzwerk Facebook gegründet … (ZEITmagazin, in: Die Zeit, Nr. 23, 28.5.2009, S. 20-24)

Posted in Die Zeit by mike

Der Redaktionsleiter des ZEITmagazins, Christoph Amend (35), und der ZEIT-Wirtschaftsredakteur Götz Hamann (40) haben in Berlin ein Gespräch mit Mark Zuckerberg (25) geführt, dem Gründer und Vorstandsvorsitzenden von Facebook. Für die Publikation haben die beiden Journalisten nicht die Form des Interviews gewählt, sondern aus ihrem Treffen mit Zuckerberg einen dreiseitigen Kurzessay gebastelt. Darin denken sie darüber nach, ob sich mit dem Freundschaftsnetzwerk in Zukunft viel Geld machen läßt und was Zuckerberg ganz privat eigentlich für ein Mensch ist.

Wenn George Orwell das wüßte!

Irgendwie hat mir Mark Zuckerberg leid getan beim Lesen. Die beiden journalistischen Profis Amend und Hamann gehen ganz schön frech mit ihm um. Das beginnt schon beim Titel (”Na, Freundchen?”) und bei der Vorstellung: “Mark Zuckerberg ist Jahrgang 1984. Wenn George Orwell das wüßte!” (S. 22) Dann machen sie sich darüber lustig, dass er beim Foto-Shooting für die ZEIT-Geschichte nicht recht wußte, welche Klamotten er aus dem mitgebrachten Fundus des ZEIT-Fotografen am liebsten anziehen möchte. Was ist daran so schlimm? Und wen interessiert’s?

Offensichtlich hatte auch Zuckerberg selbst so seine Probleme mit den ZEIT-Redakteuren, z.B. wenn die beiden sich fragen: “Wer ist dieser Junge im Anzug? Wie würde er sich selbst jemandem beschreiben, der ihn nicht kennt?” Dazu Zuckerberg: “Warum stellen Sie mir so eine psychologisierende Frage zu meiner Person?” Aber die Professionellen haken nach: “Kann es sein, dass er nicht gerade dazu neigt, allzu viel über sich selbst nachzudenken?” Darauf einer der Berater, die Mark beim Gespräch begleiten: “Doch, doch, das tut er! Aber das bleibt privat.” (S. 22)

Der Wegweiser geht nicht den Weg, den er weist

Womit wir beim Thema wären. Martin Heidegger hat einmal auf die Frage, ob er seine Philosophie auch selbst persönlich lebe, geantwortet: “Der Wegweiser geht nicht den Weg, den er weist.” Genau damit haben die beiden Journalisten in Sachen Zuckerberg offensichtlich ein Problem.

Sie sind, wie es scheint, der Ansicht, dass ein Mensch, der die interaktive Veröffentlichung des Privaten mit Facebook (im wahrsten Sinn des Wortes) zum “Programm” gemacht hat, keine Geheimnisse mehr haben dürfe. Schon gar nicht im Gespräch mit zwei ZEIT-Journalisten. Hier ihr Argument: “Wenn es aber wirklich stimmt, was Mark Zuckerberg sagt, dass Privates heute längst öffentlich ist und dies kaum noch ein Problem darstellt, dann müsste das auch für Mark Zuckerbergs Leben zutreffen.” (S. 23)

Nächste Frage bitte!

Bekanntlich läßt sich Frechheit immer noch ein bisschen steigern. Und so richtig unschön wird es dann auch eigentlich erst in der folgenden Passage:

“Mister Zuckerberg, Sie haben, so ist zu lesen, seit über zwei Jahren eine Freundin. Ein Reporter der Internet-Klatschseite TMZ hat Sie beide gefilmt, als Sie kürzlich ein Restaurant besuchten und… Ein Berater unterbricht uns: ‘Meine Herren, Sie wollen doch mit Ihren Fragen nicht wirklich so weitermachen, wie Sie das gerade tun.’ Es geht uns um die Frage von Privatleben und Öffentlichkeit. Wie schützen Sie Ihre Privatsphäre? Er lacht, sieht verlegen zu seinen Beratern, einer antwortet für ihn: ‘Indem wir sie privat halten. Nächste Frage bitte.’” (S. 23)

Mit dieser gut nachvollziehbaren Reaktion ist für Amend/Hamann freilich nur der finale Beweis erbracht: “Ausgerechnet der Junge, der Millionen Menschen miteinander verbindet, schottet sich selbst von der Welt ab.” (S. 23)

Versuch’s mal mit Freundschaftlichkeit!

Ist das Aufklärung oder einfach nur journalistische Unverschämtheit? Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist es keine gesunde Kommunikation. Und schon gar keine freundschaftliche. Denn das wäre ja auch eine Möglichkeit gewesen mit Zuckerberg – dem Gründer eines 200 Millionen Menschen starken Freundschaftsnetzwerks, zu dessen Mitgliedern auch Hamann gehört – in Kontakt zu treten: in aller Freundschaft. Warum sollte man nur im Internet mit freundschaftlicher Kommunikation Erfolg haben und nicht auch im ZEITmagazin?

Doch das Thema Freundschaft hat in diesem Essay einen anderen Ort. Dazu die beiden Autoren: “Auf die entscheidende Frage gibt es bis heute keine definitive Antwort: Wie kann man mit der genialen Kommunikationsidee so viel Gewinn machen, dass es sich lohnen würde, Facebook an die Börse zu bringen? Oder lässt sich mit Freundschaft am Ende doch nicht genug Geld verdienen.” (S. 24) Vermutlich nicht. Aber wieso ist das überhaupt so wichtig?

Mike Sandbothe

Der Artikel von Christoph Amend und Götz Hamann ist auf der ZEIT-Homepage online zugänglich und zwar unter dem Titel “Na, Freundchen? Mark Zuckerberg hat das Internet-Netzwerk Facebook gegründet und 200 Millionen Menschen dazu gebracht, ihr Privatleben öffentlich zu führen. Wie offen ist er selbst?

April 7th, 2009

GASTBEITRAG von Lars Rademacher (München): Vertrauen in die große Zahl. Eine Pressemeldung der Leipziger Unister GmbH als symptomatischer Aprilscherz

Posted in Mediary Special by mike

Der 1. April zählt in aller Regel nicht zu den überraschenden Ereignissen. Er ist an sich gut planbar. Umso erstaunlicher, dass immer wieder honorige Redaktionen auf Aprilscherze hereinfallen. In diesem Jahr verkündete die Leipziger Unister GmbH, die in ihrem Besitz befindliche Domain www.preisvergleich .de sei für 15 Mio Dollar an einen Investor aus Dubai verkauft worden. Die Nachricht wurde über die gängigen Ad hoc Dienstleister und elektronischen Presseportale gestreut. Damit erreichen Presseverantwortliche bereits eine Art „Grundrauschen“ im digitalen Blätterwald. Wenn dann noch Online-Ableger seriös recherchierender Zeitungen die Meldung aufgreifen, hat der Urheber gewonnen. Die Nachricht ist durch, sie hat den Status der Seriosität erklommen. Wie konnte es dazu kommen?

Alles passte zusammen

Da passte einfach alles: Die Nachricht hatte hohen Aufmerksamkeitswert. Eine deutsche Domain soll die teuerste der Welt sein! Und da uns in Europa bekanntlich das Geld und die Ideen ausgehen, kommen wir eigentlich nur noch als knausernde Konsumenten in Betracht, die mit jedem Euro rechnen müssen. Das Geld wird längst woanders gemacht und von dort aus investiert. Im alten Europa, wo es früher mal gute Ideen und hohe Dynamik gab, schauen wir beschämt und ein wenig verwundert dem Ausverkauf zu: erst die Automobilwirtschaft, dann die Onlinewelt. Wen wunderts?

Und der Initiator der Wirrwars – stellte sich geschickterweise tot. Man beherrscht bei Unister offenbar die neuen Regeln der Unternehmenskommunikation. Wenn die Redaktionen lange genug nichts hören, können sie sich irgendwann entscheiden: veröffentlichen, um schneller als die Konkurrenz zu sein oder abwarten und weiter nachrecherchieren? Einige gingen Mittelwege und veröffentlichten die Meldung unter Hinweis auf den 1. April mit leisen Zweifeln. Doch die Online-Redaktion der ZEIT plagte sich beispielsweise nicht mit solchen Gedanken. Die Meldung kam ganz nüchtern auf die Seite und behauptet so ihre Faktizität.

Der große Coup

Erst am Abend, nachdem schon Gerüchte die Runde machten, meldete sich Unister erneut über den Ticker der dpa-Tochter „news aktuell“ mit einer Pressemitteilung in den Redaktionen: Das Ganze sei ein Scherz gewesen, Unister-Chef Thomas Wagner habe mit der Falschmeldung erneut „einen großen Coup gelandet“, jubiliert dessen Presseabteilung und vergleicht den Aprilscherz sogar mit dem Kauf der Domain www.kredit.de für 900.000,- Euro. Aha, mag man sich denken. Wie unbedarft man tatsächlich sein kann.

Dass es eine knallig aufgemachte Meldung in die Medien schafft, ist für sich betrachtet noch keine Überraschung. Es ist nicht einmal bemerkenswert. Klar ist mittlerweile auch, dass die Onlinemedien aufgrund des ständigen Aktualitätsdrucks eine höhere Anfälligkeit für Falschmeldungen haben und dem Einfluss der hoch aufgerüsteten PR-Maschinerie zuweilen erliegen. Das Problem ist nicht einmal die Blindheit bei einem so prominenten Datum wie dem 1. April, bei dem wirklich in allen Redaktionen die Warnlichter leuchten sollten.

Newsrooms der Zukunft

Das Problem ist vielmehr die nie aufzuklärende Zahl kleiner und größerer Nachrichtenbetrügereien, die eben nicht so prominent sind, dass sich die Journalisten den Aufwand einer intensiven Recherche gönnen. Die vielen kleinen Meldungen, die Meinungen beeinflussen und Aktienkurse beflügeln. Die journalistischen Kapazitäten schwinden, während der Informationsdruck steigt. Nur bei wenigen, zentralen Themen gelingt es noch, authentisch Bericht zu erstatten.

Die großen Fälle und Fallen kann der Journalismus nach wie vor sauber aufklären. Auch stehen besonders die Qualitätsmedien zu ihren Fehlern. Die ZEIT z.B. lässt die Falschmeldung souverän auf ihrer Homepage stehen. Und praktisch keine Tageszeitung führt die Falschmeldung am folgenden Tag auf ihren Seiten. Entwarnung also? Wohl kaum. Denn was wäre gewesen, wenn Unister sich nicht zu einer zweiten Pressemitteilung am 1. April entschlossen hätte. Dann würden wir uns unter Umständen nicht damit trösten können, dass dies halt bei den ach so flüchtigen Onlinemedien schon mal passieren kann. Dann würden wir vielleicht darüber nachdenken müssen, dass die fortschreitende Verknappung journalistischer Ressourcen und die Einrichtung von Newsrooms bereits erste Effekte erkennbar macht. Dann würden wir uns vielleicht die Frage zu stellen beginnen, wo die wahren Newsrooms bereits heute eigentlich stehen.

LARS RADEMACHER

Lars Rademacher (37) ist Medienwissenschaftler und lehrt an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in München.

March 23rd, 2009

GASTKOMMENTAR VON ROLF STAUDT (München) zum SZ-Interview von Jens-Christian Rabe: Zwischen diesen Deckeln liegt weder Fisch noch Fleisch. Der Erfurter Medienforscher Michael Giesecke über das E-Book und wirklich bedeutsame Veränderungen unserer Wissenskultur (Süddeutsche Zeitung, Nr. 61, 14.03.2009, S. 19)

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Die folgende medienpädagogische Feststellung von Michael Giesecke kann ich aus meiner jüngsten Erfahrung in Seminaren mit Auszubildenden aus der Medienbranche und anderen Berufsfeldern nur bestätigen:

„Wenn die elektronischen Medien nun etwa der Hintergrund für Präsentationen in Seminaren sind, passiert Folgendes: Die Studenten lesen nicht mehr vor, was sie geschrieben haben, sondern müssen das, was sie vortragen, anders verknüpfen. An diesem Punkt entscheidet nur ihre Persönlichkeit und Performance. Referate werden Live-Shows. Es gibt einen Trend zur Synästhesie und Mehrmedialität, in den die elektronischen Medien eingebaut sind.“

Ein merkwürdiges Gefühl

Ja, die Performance macht Spaß! Es ist eine Live-Show in der alle Fähigkeiten der menschlichen Persönlichkeit präsentiert und dargeboten werden. Nicht nur der Umgang mit neuen Medien, sondern mit viel Leiblichkeit und viel Persönlichkeit, eine Vielfalt an sprühenden Ideen, Kreativität und Freude.

Neben meiner großen und ehrlichen Freude am Geschehen als Lehrer empfinde ich jedoch zugleich ein merkwürdiges Gefühl. Es hat etwas zu tun mit einer zweiten medienpädagogischen Beobachtung, die Giesecke im SZ-Interview zum Ausdruck bringt.

Diese Beobachtung besteht darin, dass „es möglich, wenn auch noch nicht üblich (ist), dass man am Ende dieses Studiums kein einziges Buch vollständig gelesen hat, auch kein E-Book. Das bedeutet einen tiefen Einschnitt, weil alle neuzeitlichen Bildungsinstitutionen aus dem typografischen Wissen ihre Ideale abgeleitet haben: Linearität, Widerspruchsfreiheit, Kohärenz, intersubjektive Überprüfbarkeit. Jetzt gehen diese Ideale verloren.“

Die Frage Wozu

Mein Gefühl von Unwohlsein entspringt irgendwo zwischen den „neuzeitlichen Bildungsinstitutionen“ und der Entwicklung der „Persönlichkeit“, für die unsere Bildungsinstitutionen zuständig sein sollen. Insbesondere nachdem andere Erziehungs- und Entwicklungsinstanzen wie Eltern, Beruf, soziales Umfeld (auch als soziale Kontrollinstanz) und die alte Form der Peer Groups im Verhältnis zu den neuen Medien durch alle Schichten an Bedeutung verlieren.

Wo und wie lernen Menschen, die neuen Medien in ihr Leben einzubauen, als Werkzeug zu integrieren und professionell einzusetzen?

Fragen wir noch einmal grundsätzlicher: einzusetzen wozu? Die Antwort ist klar und einfach wie seit Jahrhunderten: um eine erweiterte individuelle und gesellschaftliche Reproduktion zu gewährleisten!

Wenn Gieseckes Feststellung richtig ist, dass Menschen ein Studium (oder eine Ausbildung) abschließen können, ohne auch nur ein einziges Buch (print oder digital) vollständig gelesen zu haben, wäre zu fragen, ob sie mit dem, was sie gelernt haben, eine erweiterte individuelle Reproduktion vollziehen und einen Beitrag zur erweiterten gesellschaftlichen Reproduktion leisten können?

Die Kunst (neue) Zusammenhänge herzustellen

Das vollständige Lesen von Büchern ist sicherlich nicht der ausschlaggebende Punkt, aber Zusammenhänge zu verstehen, Sachverhalte zu begreifen und aus diesen heraus sinnvoll zu handeln. Wenn dies nicht zu vermitteln gelingt, dann – so scheint mir – haben unsere Bildungsinstitutionen versagt.

Die Kunst Zusammenhänge herzustellen ist von zentraler Bedeutung für jede Art von anspruchsvoller Mediennutzung, ob es sich dabei um die orale, die literale oder die digitale Medienkultur handelt.

Neue Medien sind komplexer und mit einer anderen Geschwindigkeit versehen. Aufgabe der Bildungsstätten heute ist es, der hochgradig vernetzten und interaktiven Form von Weltkommunikation Rechnung zu tragen und auf diesem Weg dem Ziel einer umfassenden und gleichberechtigten Teilhabe an gesellschaftlicher Reproduktion näher zu kommen.

Genügte es im vorigen Jahrhundert noch, mit Hilfe des Kulturguts der Printmedien – also dem im nationalen Herausbildungsprozess wesentlichen Leitmedium – zusammenhängendes Denken herzustellen, so kann dies in der globalisierten Weltgesellschaft nicht mehr hinreichen. Zu den klassischen Medien kommt jetzt zum Begreifen der Welt das multimediale Internet hinzu.

Von den Nationalstaaten zur globalen Demokratie

War für die Geschichte der gedruckten Medien die nationale Identität und die kommunikative Gestaltung im nationalsprachlichen Kulturrahmen der entscheidende Zusammenhang, so ist es heute die Weltgesellschaft. Viele maßgebliche Probleme unserer Zeit sind globale Probleme und lassen sich mit nationalen Eingriffen allein nicht mehr regulieren.

Deswegen muss das handelnde Individuum Zusammenhänge im Weltmaßstab denken und regeln. Dieses Regeln geht genauso wie im nationalen Rahmen auch im Weltmaßstab am besten demokratisch auf der Grundlage solidarischen Kommunizierens und Handelns. Das wiederum setzt das Begreifen von komplexen Zusammenhängen und die Fähigkeit differenzierten Handelns voraus.

Unsere Reproduktion – nicht zuletzt auch unserer geistigen und kulturellen Fähigkeiten – ist heute vorrangig im weltgesellschaftlichen, im gemeinsamen Rahmen denkbar, verstehbar und perspektivisch entwickelbar. Eine Gesellschaft kann nur als soziales Gefüge „gut“ funktionieren. Das ist es, was wir unter einem mündigen Bürger und einer mündigen Bürgerin verstehen: Selbst- und Mitbestimmungsfähigkeit sowie Bereitschaft zur Solidarität mit Mensch und Natur.

Wer gestaltet? Wer bestimmt?

Ist es nicht wie beim Zauberlehrling, dass wir als staatliches Gesamtgebilde die Geister, die wir riefen, an der entscheidenden Schnittstelle von Mensch und Medium nicht beherrschen, sondern diese uns? Nein, nicht die Maschinen, die können uns nicht beherrschen, sondern die Geister der Maschinen, genauer gesagt: die Meister der Maschinen.

Sind es nicht ganze Industriezweige, die inzwischen z.B. mit Computergaming mehr Profit machen als jemals mit der ganzen Filmindustrie gemacht wurde, geschweige denn mit Printmedien? Ist es nicht eine gigantische Medien- und Werbeindustrie die pausenlos auf unser Idealselbst einwirkt und eine Fassade aufrichtet, die sich immer weiter von unserem tatsächlichen Selbstkonzept entfernt?

Haben nicht sämtliche jüngst geplatzten „Blasen“ bis zur tiefsten Weltwirtschaftskrise genau damit zu tun, dass sich die fiktiven Wirtschaftsformen viel zu sehr von der Realwirtschaft abgekoppelt haben, dass es nicht nur in der USA, sondern auch bei den eifrigsten Nacheiferern gängig ist, Dinge zu besitzen, ohne jemals in der Lage zu sein die Rechnung zu zahlen?

Irgendwer hat es immer in der Tasche

Persönlichkeitstheoretiker und Psychotherapeuten wissen, wenn sich Idealselbst und Realselbst zu weit voneinander entfernen, treten „Störungen“ auf.

Genauso wie Betriebswirtschaftswissenschafter wissen, dass Störungen auftreten, wenn die Eigenkapitaldecke im Verhältnis zum Fremdkapital zu gering ist. Genauso wie die Volkswirtschaftler, die wissen, dass Wirtschaftsströme in einem weltweiten Zusammenhang stehen und nichts verloren geht!

Irgendwer hat es immer in der Tasche. Warum handeln wir dann nicht nach unserem kollektiv tatsächlich vorhandenen Wissen?

Um die Welt zu verstehen, brauchen wir mehr ökonomisch–philosophisches Verständnis für globale Zusammenhänge, dazu gibt es neben neuen Medien auch alte Manuskripte.

Persönlichkeitsbildung und neue Lernformen

Giesecke tut so, als hätten wir an unseren staatlichen Bildungsinstitutionen – und da gehören die Universitäten noch dazu – nichts mit der Herausbildung menschlicher Persönlichkeiten zu tun. Als gäbe es keine Verpflichtung des Staates zu Bildung und Erziehung.

Zur Herausbildung menschlich reifer und verantwortungsbewusster Persönlichkeiten gehört die Beherrschung der Werkzeuge, die eine erweiterte Reproduktion auf jeweils aktuellem Stand der Wissenschaft nicht nur zulassen, sondern fördern. Dazu gehört an erster Stelle eine neue Form von Schule und zwar von der Frühförderung bis zur Hochschule!

Das schließt nicht nur multimediale Formen von Didaktik ein, sondern setzt Lernformen voraus, die – den neuen Anforderungen einer komplexen Weltgesellschaft entsprechend – differenziertes Denken, Fühlen und Arbeiten mit allen Medien (inklusive Körper, Geist und Gefühl) integrieren.

Störungen haben Vorrang

Gute ManagerInnen gehen heutzutage, wenn „Störungen“ auftreten, also wenn neue Aufgaben mit alten Mitteln nicht mehr bewältigbar sind, oft in Therapie bzw. lassen sich coachen. Das ist gut so! Dort lernen sie, ihr Denken und Handeln in den Weltprozess adäquat und verantwortungsbewusst zu integrieren.

Das gehört zum unabdingbaren Bestandteil der Herausbildung einer zeitgemäßen Persönlichkeit. Also gehört es auch zum unabdingbaren Bestandteil einer jeden modernen Schule, in der SchülerInnen gemeinsam mit ihren LehrerInnen für das Leben lernen.

Dazu gehört Verantwortung der Institutionen und der handelnden Akteure.

Sogar in der Bayerischen Verfassung

In der gültigen Bayerischen Verfassung lese ich zum Thema „Die Wirtschaftsordnung“ im Artikel 151:

Bindung wirtschaftlicher Tätigkeit an das Gemeinwohl; Grundsatz der Vertragsfreiheit
(1) Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl, insbesondere der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle und der allmählichen Erhöhung der Lebenshaltung aller Volksschichten.
(2) Innerhalb dieser Zwecke gilt Vertragsfreiheit nach Maßgabe der Gesetze. Die Freiheit der Entwicklung persönlicher Entschlusskraft und die Freiheit der selbständigen Betätigung des einzelnen in der Wirtschaft wird grundsätzlich anerkannt. Die wirtschaftliche Freiheit des einzelnen findet ihre Grenze in der Rücksicht auf den Nächsten und auf die sittlichen Forderungen des Gemeinwohls. Gemeinschädliche und unsittliche Rechtsgeschäfte, insbesondere alle wirtschaftlichen Ausbeutungsverträge sind rechtswidrig und nichtig.

In den Lehrplanrichtlinien für berufsbildende Schulen ist zu lesen: „Lernen hat die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit zum Inhalt und zum Ziel.“

Backstage

Professor Giesecke hat recht, wenn er darlegt: „Der Mensch hat begrenzte Aufmerksamkeits-Ressourcen, begrenzte Möglichkeiten, Informationen parallel zu verarbeiten. Alles, was wir tun können, ist, die Gewichte zu verschieben. Die Frage ist dann, wie die Balance zu gestalten ist.“

Wir Lehrer und unsere Bildungsinstitutionen sind dafür verantwortlich, dafür zu sorgen, dass Menschen in der Lage sind, diese „Balance“, diesen Akt bewusst und gezielt im Sinne eines global zu denkenden Gemeinwohles (der Menschengattung auf dem Planten Erde) durchzuführen.

Das wird nur funktionieren, wenn wir gemeinsam mit unseren SchülerInnen wohlwollend nicht nur hinter den Vorhang, sondern hinter die Bühne schauen und mit ihnen den Prozess verstehen lernen, dann kommt zur Show auch Leben hinzu.

ROLF STAUDT (München)

Rolf Staudt (54) ist Studienleiter an der Studienstätte für Politik und Zeitgeschehen München. Er schreibt regelmäßig Gastkommentare für mediary.org.

March 16th, 2009

Die Statistik des Leids (Süddeutsche Zeitung, Nr. 62, 16. März 2009, S. 2)

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Frank Robertz (38) arbeitet freiberuflich als Leiter seines eigenen, wirtschaftlich ausgerichteten “Instituts für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie” in Berlin. In dem SZ-Artikel, den er zum Thema Statistik des Leids geschrieben hat, stellt der promovierte Kriminologe einen Konsens in Frage, der die aktuelle Debatte über das “School Schooting” in Winnenden bisher über weite Strecken beherrscht hat.

Geräuschlose Zeitbomben

Viele PolitikerInnen, PsychotherapeutInnen, PolizistInnen, JournalistInnen und Menschen von der Straße scheinen gemeinsam davon überzeugt zu sein, dass niemand die Zeitbombe, die in einem zukünftigen Amokläufer tickt, zu hören vermag bevor es zu spät ist.

Zu diesem resignativen Konsens ist es gekommen, da es sich bei “School Shootern” meist um sehr introvertierte Täter handelt, die ihre Frustration und Verzweifelung so lange in ihrem eigenen Herzen wachsen lassen bis es einfach nicht mehr geht und erst dann – im letzten Moment, ohne jedes Vorwarnzeichen – explodieren.

So das bisher vorherrschende Bild, das Robertz ein Stück weit in Frage stellt. Schon der Untertitel seines Artikels macht klar, in welche Richtung der Autor unsere Aufmerksamkeit lenken möchte: “Amokläufer wählen ihre Schule als Tatort aus, weil sie dort tiefe Verletzungen erfahren haben.”

Schulen als “Orte größter Kränkung”

School Schooting ist in den USA, Kanada und Deutschland seit 1974 in 99 Fällen an verschiedenen Schulen mit einer statistischen Durchschnittszahl von 1,3 Toten und 3,2 Verletzten aufgetreten. In Deutschland ist das Phänomen seit 1999 bekannt. Es ist hier seither sechsmal zu einem School Schooting gekommen.

Winnenden gehört mit seinen 16 Todesopfern (inklusive dem Täter selbst) zu den fünf weltweit schwersten Fällen seit 1974, bei denen mehr als 10 Menschen erschossen wurden. Das Durchschnittsalter der in der Regel männlichen Täter der letzten dreieinhalb Jahrzehnte liegt statistisch bei knapp 16 Jahren.

Vor dem Hintergrund der 99 untersuchten Fälle kommt Robertz aufgrund der vorliegenden kriminologischen Studien zu dem erschütternden (aber durchaus naheliegenden) Ergebnis: “Schulen werden gezielt als Tatort gewählt. Sie sind der ‘Ort der größten Kränkung’, an dem jugendliche Täter demonstrativ ihre subjektive Handlungsunfähigkeit und das Gefühl von Kontrollmangel vor den Augen der Weltöffentlichkeit wettmachen wollen.”

Im Vorfeld erkennbar

Was daraus folgt, ist klar. Wenn die Schulen einen durchaus bedeutsamen Anteil an der Verursachung und/oder der Auslösung des Phänomens explodierender Amokgewalt haben, dann sollte es auch Möglichkeiten der Vorbeugung, Verhinderung und Vermeidung geben. Und zwar nicht zuletzt auch an den Schulen selbst.

Einfach gesagt würde es wohl schlicht darum gehen, die seelischen Kränkungspotentiale schulischer Arbeit deutlich zu reduzieren und darüber hinaus eine besondere Aufmerksamkeit für SchülerInnen zu entwickeln, die sich nach Negativerfahrungen (Niederlagen, Demütigungen, Verletzungen, Bestrafungen, Beschämungen, Kontrollverlust etc.) zunehmend in sich selbst zurückziehen.

Denn dem Berliner Kriminologen zufolge geschehen Amokläufe “nicht plötzlich, sondern sind im Vorfeld erkennbar.” Dazu weiter Robertz: “Kurz vor der Tat gibt es oft ein Ereignis, das als schwere persönliche Niederlage erlebt wurde, und den Taten ging jeweils eine Grübelphase voraus, in der auf verschiedenste Art Hinweise auf die Tat gegeben wurden.”

Irritierender Beigeschmack

Der Artikel von Robertz erscheint mir als ein überaus wichtiger Beitrag zur aktuellen Debatte. Es ist interessant, dass dieser Anstoss und die Fortbildungsprogramme, die Robertz in seinem Institut – also seiner Firma – für LehrerInnen und SchulleiterInnen zur Verfügung stellt, nicht von einer öffentlichen bzw. staatlichen Institution, sondern von einem kleinen Wirtschaftsunternehmen stammen.

Während in den USA das Militär unter Bush partiell privatisiert worden ist, erleben wir in Deutschland an diesem und anderen Beispielen die Privatisierung der Bekämpfung und Vermeidung von Gewalt. Das ist fraglos humaner, aber hinterläßt gleichwohl einen irritierenden Beigeschmack.

Robertz’ beendet seinen Artikel mit den folgenden Sätzen: “Wann übernehmen unsere Schulen also endlich die Verantwortung und betreiben eine konsequente Prävention? Ausgefeilte Fortbildungsangebote gibt es genug; sie müssen allerdings genutzt werden.” Das klingt aus dem Munde eines tüchtigen Geschäftsmannes, dessen Unternehmen sich auf genau diese Angebote spezialisiert hat, unvermeidlich wie Werbung.

Verstaatlichtung der Gewaltprävention

Vermutlich ist es nicht so gemeint. Aller Wahrscheinlichkeit nach geht es dem Autor tatsächlich vor allem um die Sache und nicht primär um’s Geld. Aber das war eben doch das Schöne an den alten Zeiten als hervorragende WissenschaftlerInnen ihr Wissen und ihre Weiterbildungsangebote kostenlos zur Verfügung stellen konnten. Da kam ein solcher Nebengeschmack einfach nicht auf.

Derzeit befinden sich Fachhochschulen und Universitäten weltweit im Umbruch. Es bleibt zu hoffen, dass es gelingt, Programme wie das von Robertz schrittweise wieder zu verstaatlichen, d.h. an öffentliche Institutionen zurückzubinden und damit kostenlos für die Schulen zur Verfügung zu stellen. Auch das wäre ein Stück erfolgreich wiederbelebte “soziale” Marktwirtschaft!

Mike Sandbothe

Der Artikel von Frank Robertz ist in der Rubrik “Außenansicht” in der Süddeutschen Zeitung erschienen und auf deren Homepage – umrahmt von bunten Werbeanzeigen mit wechselnden Inhalten – unter dem Titel Die Statistik des Leids online einzusehen.

March 14th, 2009

Die verletzliche Schule (Süddeutsche Zeitung, Nr. 60, 13. März 2009, S. 4)

Posted in Süddeutsche Zeitung by mike

In seinem Artikel “Die verletzliche Schule” kommentiert Tanjev Schultz (34) den Amoklauf von Winnenden aus medienpädagogischer Perspektive. Eine seiner Grundthesen finde ich sehr einleuchtend. Sie lautet: “Schulen sind keine therapeutischen Einrichtungen; doch die Frage, wie es ihren Schülern geht, können Pädagogen nicht einfach ignorieren.”

Einen zweiten Grundgedanken von Schultz halte ich als Erklärung von Winnenden für zu spekulativ und als verallgemeinerte Aussage über Amokläufe für unzutreffend: “Die Welt außerhalb des Computers lässt sich nicht ausschalten, auch wenn ein Amokläufer genau dies versucht.”

Destruktive Trance

Amokläufer gab es schon als es noch keine Computer gab. Darüber hinaus gilt, dass wir der individuellen Genese und komplexen Persönlichkeit eines bestimmten einzelnen Amokläufers nicht gerecht werden, wenn wir seine Tat auf den abstrakten Versuch reduzieren, “die Welt auszuschalten”.

Beim Amoklauf handelt es sich um einen evolutionär bis in die Tierwelt zurückreichenden Versuch, eine lebensbedrohlich und ausweglos erscheinende Situation in einem Akt destruktiver Trance zu einem (meist fatalen) Ende zu bringen.

Eben deshalb sind Amokläufe, die im Kontext von Schule geschehen, so erschütternd für die gesamte Gesellschaft. Tatsächlich gilt, was Schultz in seiner dritten Grundidee hervorhebt: “Die Schulen liegen im Zentrum der Gesellschaft; fast alles Übel, unter dem diese leidet, befällt auch die Schulen.”

Weltpolitische Starre

Nimmt man diesen dritten Gedanken ernst, dann schließt sich der bildungspolitische Kreis. Unsere Weltgesellschaft leidet an dem Auseinanderklaffen zwischen globalen Problemdimensionen und lokal, regional oder national ansetzenden Problemlösungsversuchen.

Die großen Banken und Wirtschaftsunternehmen operieren weltweit, das Internet hat mit dem Englischen eine Weltsprache und – damit verbunden – ein Weltbewußtsein für national lange verdrängte Sachverhalte etabliert: Weltklimakrise, Weltenergiekrise, Weltwirtschaftskrise.

Aber die politischen ProblemlöserInnen verharren im Zustand nationaler Institutionalisierung. Ihnen gelingt es bisher nicht, sich selbst und ihre nationalen Interessen auf intelligente Weise zurückzunehmen und mit demokratischen Mitteln einen handlungsfähigen Rahmen weltpolitischer Verantwortung zu schaffen. Daran leiden unsere Gesellschaften. Das wird auch in den Schulen spürbar.

Kulturpolitischer Ausnahmezustand

Damit will ich keinesfalls den Amoklauf von Winnenden erklären. Ganz und gar nicht. Wie sollte ich das auch tun? Nein, mir geht es nur darum, die erste Grundthese von Schultz aufzunehmen und einen Schritt weiterzuführen. Der Autor hat sicherlich Recht, wenn er schreibt: “Schulen sind keine therapeutischen Einrichtungen.” Aber – so möchte ich vorsichtig hinzufügen – sie könnten es ja noch werden!

LehrerInnen unterrichten heute in einer kulturellen Gesamtsituation, in der sie selbst, ihre SchülerInnen und deren Eltern zunehmend spüren, dass die (partei-)politischen Strukturen, die sich in Deutschland (und anderen Nationalstaaten) in den letzten Jahrzehnten (bzw. Jahrhunderten) bewährt haben, angesichts der globalen Krisenherde selbst zu einem Teil des Problems werden.

Insofern erscheint es mir nicht übertrieben zu sagen, dass sich Schulen und Universitäten derzeit in einem kulturpolitischen Ausnahmezustand befinden. Ein besonderer, zusätzlicher Teil ihrer weitreichenden Bildungsverantwortung könnte in dieser Situation darin bestehen, den SchülerInnen und StudentInnen dabei zu helfen, die Einzigartigkeit der welthistorischen Situation zu verstehen und zu verarbeiten, in der wir alle uns gegenwärtig befinden.

Kollektiver Amoklauf?

Das griechische Wort “therapeia” bedeutet “Dienst, Heilung und Pflege”. In diesem ursprünglichen Sinn, so meine ich, brauchten sich Schulen und Universitäten heute nicht zu schämen, wenn sie sich (zumindest für eine Übergangszeit, vielleicht aber auch auf lange Sicht) dem krisenhaften Orientierungsbedarf ihrer SchülerInnen und StudentInnen therapeutisch verpflichtet fühlten.

In Zeiten einer ökonomisch sich selbst überlassenen und politisch deregulierten Globalisierung tut bildungspolitisch organisierte Kulturtherapie dringend Not. Wenn es unserer demokratischen Kultur nicht gelingt, sich (via Bildung) selbst zu therapieren, droht womöglich eines Tages eine Art kollektiver Amoklauf.

Mike Sandbothe

Der Artikel von Tanjev Schultz ist auf der Homepage der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel “Die verletzliche Schule” online zugänglich; mehr oder weniger gut vernetzt mit einer ziemlichen Dosis (von Besuch zu Besuch immer wieder wechselnder) Reklamebildchen. Oh, wie schön!

February 26th, 2009

Unser Gott, die Quote (Die Zeit, 9/2009, 19. Februar 2009, S. 13-17

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In ihrem vierseitigen Dossier geben die beiden Zeit-Journalisten Stephan Lebert (47) und Stefan Willeke (44) eine nicht wirklich überraschende Antwort auf die medienphilosophische Gretenfrage der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts: “Warum ist das Fernsehen nicht besser?” (Titelseite, Die Zeit, 9/2009) “Unser Gott, die Quote” – es ist dieses immer wiederkehrende Mantra vieler ProgrammdirektorInnen, welches dazu führt, dass im Zweifelsfall die Quantität über die Qualität siegt. Und der Zweifelsfall ist in den Redaktionen längst zum Alltag geworden. Nicht nur bei den privaten Sendern, sondern auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Ein medienpolitischer Staatsstreich?

Dass die Privaten den audience flow immer im Auge behalten müssen, ist strukturell bedingt. Sie leben von den Werbeeinahmen. Aber warum äffen die Öffentlich-Rechtlichen den privaten Quotenwahn nach? Sich diese Frage so zu stellen, grenzt für viele öffentlich-rechtliche FernsehmacherInnen schon an einen medienpolitischen Staatsstreich.

Die Argumentation von Lebert/Willeke ist einfach und klar. ARD und ZDF haben im Jahr 2008 zusammen acht Milliarden Euro eingenommen; davon stammen sieben Milliarden aus “Zwangsgebühren” (S. 14). Diese Gelder sind von der Konjunktur weitgehend unabhängig. Sie haben den Sinn und Zweck, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vom Marktmechanismus ein Stück weit freizustellen, damit er seinem kulturpolitischen Auftrag nachkommen kann.

Dieser lautet gemäß Staatsvertrag für Rundfunk und Telemedien (1991/2008; Paragraf 11, Absatz 2): “Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben in ihren Angeboten der Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung zu dienen. Sie haben Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten” (S. 13). Wie kommt es, so fragen die Autoren, dass nicht nur bei den TV-MacherInnen, sondern auch in der Bildungs- und Kulturpolitik “der Sinn dieses Massenmediums in Vergessenheit geraten” (S. 13) ist?

Das Interessante an ihrer Antwort besteht in der pragmatistischen Art und Weise, wie Lebert und Willeke vor Augen führen, dass es sich beim Fernsehen nicht einfach um ein abstraktes “System” (Luhmann) handelt, das einer unveränderlichen Logik folgt, sondern um Menschen in Redaktionen, die auf diese oder jene Weise fühlen, denken und handeln. Die beiden Medienjournalisten zeichnen in ihrem Dossier Portraits und skizzieren Psychogramme von Personen, die Verantwortung tragen und damit so oder so umgehen können.

Bloß keine Brüche!

Thomas Bellut, zum Beispiel, trohnt im 14. Stock des ZDF-Hochhauses am Mainzer Lerchenberg hoch über den Dingen. Er ist Programmdirektor und damit Chef von 3600 ZDF-MitarbeiterInnen. Seine “Philosophie einer Fernsehwoche” (S. 14) dreht sich um “Schlüsselwörter” wie “Gefühle, Familie, Frauen, Schmonzette und Krimi” (S. 14).

Der Mann glaubt an die magische Kraft der Unterhaltung. Seiner Auffassung zufolge besteht sie darin, die Massen ans “Programm” (S. 14) zu binden. Erst in einem zweiten, dritten oder vierten Schritt dürfen diese dann – ganz vorsichtig und in homöopathischen Dosen! – auch einmal mit kulturpolitisch relevanten Substanzen in Kontakt kommen. Aber, um Gottes willen, nicht zuviel davon! Das könnte “den Flow” unterbrechen. “Bloß keine Brüche!” (S. 14)

“Die Quote macht süchtig!” (S. 14) – sagen viele im Fernsehgeschäft. Volker Herres, oberster Programmorganisator der ARD (23.000 MitarbeiterInnen), machte sich “als politischer Journalist (…) einen Namen, war für die Sendung Brennpunkt (…) mitverantwortlich. Jetzt sitzt er in seinem Zimmer im Münchner ARD-Haus und rutscht auf seinem schwarzen Ledersofa hin und her. Nur die Einschaltquoten, die über dem Fernsehapparat in seinem Büro laufen, geben seinem suchenden Blick einen gewissen Halt” (S. 17).

Auch der ZDF-Boss Bellut war mal ein richtiger Journalist, bevor er sich selbst dazu verdammte, “Qualität [zu] organisieren” (S. 14). Man kann verstehen, dass sich viele wirklich gute (Ex-)JournalistInnen nicht in diese Ämter begeben wollen. Das ist ähnlich wie in der Politik. Und doch: auch als Chef hat man Handlungsspielräume!

So hofft der WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn, dass die Wirtschaftskrise dazu beitragen möge, dass sich “die ARD wieder vom Nutzen des Journalismus überzeugen” (S. 17) lässt. Noch quoten-ketzerischer formuliert seine Intendantin Monika Piel: “Ich könnte auch gut damit leben, wenn das Erste bei den Marktanteilen auf Platz zwei oder Platz drei stehen würde” (S. 17).

Viele andere RedakteurInnen wollen nicht offen sprechen und nicht namentlich genannt werden. Die Agression gegen die Quotengötzen hat sich bei ihnen selbstquälerisch und fatalistisch nach innen gewendet: “Hauen Sie in der Zeitung ruhig auf uns ein. Was anderes hilft uns nicht mehr” (S. 15). Eine Art letzter Aufschrei des gesunden Menschverstandes gegen die “Sprache der Planungsherrlichkeit” (S. 17)! Denn “das Mischpult der Nation” (S. 17) – Volker Herres – “redet über das Fernsehen wie über ein Naturgesetz” (S. 17).

Quotensucht als Krankheitsbild

Tatsächlich könnte ein ausgefuchster Psychiater oder eine findige Psychotherapeutin auf die Idee kommen, hier ein neues Krankheitsbild zu definieren. Und zwar ein professionenspezifisches: Quotensucht bei FernsehmacherInnen! Das ist durchaus ernst gemeint. Liest man das Dossier der beiden Zeit-Journalisten cum grano salis, kommt es einem tatsächlich so vor, als ob hier bei einigen Verantwortlichen auf der psychodynamischen Ebene etwas schiefläuft.

Die wirklich paradigmatischen Fälle wären dann vermutlich in den Programmdirektionen der privaten Fernsehunternehmen zu finden: “Rüdiger Schawinski, ehemaliger Chef des privaten Senders Sat.1, beginnt noch heute seinen Tag damit, die Quoten anzuschauen, obwohl es ihm schon lange egal sein könnte” (S. 14). Und “der erfolgreiche Produzent Oliver Berben lässt sich immer schon nachts um drei die Quoten mailen, wenn einer seiner Filme am Abend vorher lief” (S. 14).

Neben den vielen Psycho-Studien, die mittlerweile zum Thema “Internet-, Computer- und Spielesucht von Jugendlichen” vorliegen, wäre der wissenschaftliche Blick auf die professionellen Deformationen der verschiedenen Leistungseliten sicherlich auch mal ein paar Forschungsmillionen wert! Die Quotensucht der FernsehmacherInnen würde dann zusammen mit der pathologischen Gier von BankmanagerInnen und dem WählerInnenstimmenwahn unserer PolitikerInnen einen wichtigen Platz im ICD (International Classification of Diseases) einnehmen. Am Ende gäbe es vielleicht sogar wirksame Therapien. —- Und das Fernsehen würde womöglich: besser. Warum eigentlich nicht?

Mike Sandbothe

Das Zeit-Dossier von Stephan Lebert und Stefan Willeke ist als Volltext unter dem Tiel “Unser Gott, die Quote” auf Zeit-Online zugänglich.

February 24th, 2009

“Der Körper vergisst nicht” (Der Spiegel, Nr. 9/2009, 21.2.09, S. 46-48)

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Die beiden Spiegel-RedakteurInnen Ulrike Demmer und Alfred Weinzierl interviewen den Leiter der Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik der Psychiatrischen Universitätsklinik München, Professor Dr. Michael Ermann (65). Thema: die seelischen Spätfolgen (Traumatisierungen), die bei Menschen auftreten, die zur Zeit des Zweiten Weltkrieges im Kindesalter waren. Damit verbunden die Frage nach den Folgen, die sich darüber hinaus auch noch bei den “Kinder[n] der Kriegskinder” (S. 48) finden. Damit ist die Generation derjenigen gemeint, die jetzt zwischen 30 und 50 Jahre alt sind und deren Eltern im Krieg aufwuchsen.

Hart wie Krupp-Stahl

Fraglos ein wichtiges, aber (trotz Alice Miller) noch immer etwas unterbelichtetes Thema! Bei der Lektüre ist mir vor allem die latente Aggressivität und eigenartige Gefühlslosigkeit (Unachtsamkeit) einiger Fragen aufgefallen, die Demmer und Weinzierl Ermann stellen. Diese Eigenschaften lassen sich meines Erachtens nicht allein durch die professionalisierte Polemik erklären, die für eine bestimmte Form von journalistischer Rhetorik im “Spiegel” manchmal (aber zum Glück nicht immer) charakteristisch ist. Hier ein paar Beispiele:

1) “Sie wollen behaupten, dass Babys und Kleinkinder von solchen Kriegsgeschehnissen nachhaltig beeinflusst werden?”
2) “Wie hoch ist denn unter den Kriegskindern der Anteil derer, die ein Trauma mit sich herumschleppen?”
3)”Hart wie Krupp-Stahl, zäh wie Leder – nach diesen Leitbildern sind viele Kriegskinder erzogen worden. Ist es derart von Verdrängung geprägten Menschen überhaupt möglich, sich später mit dem eigenen Seelenleben auseinanderzusetzen?”
4)”Was ist daran [,dass die Mütter im Krieg ihre Söhne zum Familienoberhaupt und ihre Töchter zur Vertrauten und Freundin gemacht haben - M.S.] so schlimm? Stärken solche Erfahrungen nicht die Persönlichkeit?”
5)”Wann werden die Deutschen das Trauma denn endlich überwunden haben?”
6) “Eltern geben ihre traumatischen Erfahrungen als Kriegskind über die Erziehung weiter?”
7) “Die Kriegskinder sind heute 64 Jahre oder älter. Ist es für sie überhaupt noch sinnvoll, sich mit den Erlebnissen von einst zu beschäftigen?”

Nimmt man die letzte Frage und die Fragen 3-5 gemeinsam in den Blick, fällt auf, dass die beiden JournalistInnen darin versuchen, gewissermaßen stellvertretend für die Kriegskinder (und vermutlich als Mitglieder der Kriegsenkelgeneration) die Sache herunter zu spielen. Die Fragen 3 und 7 folgen dem gleichen (etwas perfiden) Schema einer Relativierung durch Überhöhung: Sind die entstandenen Traumatisierungen nicht so groß bzw. die Traumatisierten schon so alt, dass eine Befassung mit den Traumen sinnlos und überflüssig ist? Die Fragen 4 und 5 realisieren eine andere Verdrängungsstrategie. In Nr. 4 versuchen die JournalistInnen den Traumatisierungen ihren traumatischen Charakter abzusprechen und in Nr. 5 beschwören sie die Hoffnung auf eine schnelle Überwindung der Traumen.

Zusammengefasst haben die JournalistInnen also die folgenden “polemischen” Fragen gestellt: Kann es nicht sein, dass die Traumen einfach zu groß waren, um sie überhaupt wahrnehmen zu können? Oder kann es nicht sein, dass die Traumatisierten längst zu alt sind, um sich damit noch sinnvoll zu beschäftigen? Oder waren die Traumen vielleicht gar keine Traumen und alles war nur halb so schlimm oder sogar hilfreich für die Ausbildung der Persönlichkeit? Und wenn es doch Traumen gibt, kann man die nicht irgendwie schnell überwinden?

Vor diesem Hintergrund erscheinen die Fragen 1,2 und 6 in einem veränderten Licht. In den Fragen 1 und 6 tritt eine gespielte Naivität zutage, die sich manchmal wie Ignoranz anfühlt, vermutlich aber mit dem Wunsch nach Aufrechterhaltung der Verdrängung zu tun hat. Das wollen Sie wirklich behaupten? Dass es Kindern nicht gut getan hat, im Krieg aufzuwachsen! Das wollen Sie behaupten? Und dann meinen Sie auch noch ernsthaft, dass diese Kriegskinder ihre Traumen an ihre eigenen Kinder über die Erziehung weiter gegeben haben? Das kann doch wohl nicht wahr sein, dass Sie das behaupten wollen!

Göttliche Klima-Affen

Natürlich ist es sinnvoll in einem Interview kritisch zu sein und grundlegende Fragen zu stellen. Aber dabei gibt es Gradunterschiede, Argumentationsanforderungen und Kontextsensibilitäten: Wie sinnvoll wäre es zum Beispiel, heute noch einen Evolutionsbiologen verwundert zu fragen, ob er wirklich glaubt, dass wir vom Affen abstammen (und nicht von Gott geschaffen wurden)? Wie sinnvoll wäre es, eine Klimaforscherin scheinbar irritiert zu fragen, ob sie wirklich meint, dass “global warming” ein wissenschaftliches Faktum ist (und nicht eine Medienerfindung)?

Wenn man als WissenschaftsjournalistIn den Stand einer Wissenschaft kennt, operiert man im Normalfall auf der Basis eines anerkannten Konsenses und versucht den LeserInnen die Bedeutung dieses Konsenses für ihr Alltagsleben in einfachen Worten zu erläutern. Dabei lassen sich durchaus kritische Detailfragen stellen. Aber wenn man darüber hinaus Grundlagenkritik üben möchte – also den anerkannten Wissensstand selbst in Frage stellen will! – sollte es dafür gute Gründe geben, die mit zu thematisieren sind. Solche Gründe nennen Demmer und Weinzierl jedoch nicht. Sie polemisieren nur.

Als Beispiel für eine wissenschaftsjournalistische Detailfrage, die den Wissensbestand der Traumatisierung grundsätzlich anerkennt und auf dieser Basis dann genauer nachfragt, darf die Frage Nr. 2 gelten. Sie lautet: “Wie hoch ist denn unter den Kriegskindern der Anteil derer, die ein Trauma mit sich herumschleppen?” Aber auch hier klingt das Verdrängungsinteresse der JournalistInnen durch. Und zwar in dem provozierenden und sogar ein wenig demütigenden Wort “herumschleppen”.

Wenn man sich die psychischen Schrecken und physischen Qualen vergegenwärtigt, mit denen Kriegskinder und Kriegsenkel umzugehen haben, tritt in dieser Formulierung ein Mangel an Respekt gegenüber dem Leiden der Betroffenen hervor. Ein äußerlicher Mangel an Respekt, in dem sich vielleicht sogar ein innerer Mangel an Akzeptanz angesichts des eigenen Schicksals spiegelt, durch das die beiden JournalistInnen möglicherweise ihrerseits gezeichnet sind, sofern sie selbst zur Generation der deutschen KriegsenkelInnen gehören sollten.

Fremd im eigenen Leben

Über das Alter der beiden Interviewenden (oder gar ihren Lebensweg) erfährt man im Artikel (und in anderen herangezogenen Quellen) nichts; während das Alter und der Lebensweg des Interviewten mehrfach erwähnt und immer wieder argumentativ ins Gespräch einbezogen werden. Das spricht für die psychische Offenheit des Psychologieprofessors, der sogar seine eigene Berufswahl mit traumatischen Erfahrungen in Zusammenhang bringt, die er selbst als Kind im Krieg machen musste.

Zur Verteidigung der “journalistischen” Fragetechniken kann man anführen, dass die beiden FragenstellerInnen mit ihrer Respekt- und Gefühlslosigkeit (gegenüber anderen und gegenüber sich selbst) schlicht und einfach dem Common Sense entsprechen. Die polemischen Verdrängungsverfahren, die Demmer und Weinzierl bewußt oder unbewußt einsetzen, erscheinen dann als repräsentativ für diejenigen Gewohnheiten, die sich bei vielen Betroffenen im Umgang mit dem Thema eingeschliffen haben und von Ermann untersucht werden.

Mit Blick auf die Kriegskinder schreibt der Münchner Psychologe: “Heute, als Erwachsene, haben diese Menschen Schwierigkeiten, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, das eigene Leid überhaupt zu erkennen” (S. 47). Und in Bezug auf die Kriegsenkel fährt er fort: “Die Kinder der Kriegskinder fühlen sich oft genauso fremd im eigenen Leben wie ihre Eltern und nehmen den eigenen Kummer, die eigenen Bedürfnisse nicht ernst” (S. 48).

Medien-Therapie?

Damit komme ich zuguterletzt auf eine medienphilosophische Frage zu sprechen. Dürfen oder sollen Medien therapeutisch sein? Sollen sie den Menschen helfen, sich selbst mehr zu achten und zu spüren, respektvoller mit sich und anderen umzugehen und in the long run vielleicht sogar ein glücklicheres Leben zu führen? Oder sind Medien nur dazu da, den Status quo, die aktuelle Situation möglichst wahrheitsgetreu wiederzugeben? Reine Beschreibung der Verhältnisse oder Therapie und Veränderung der Wirklichkeit? Was ist die Aufgabe von Medien heute?

Meines Erachtens sind wir im 21. Jahrhundert auf dem Weg zu einem “pragmatistischen” Medienverständnis. Damit ist eine Praxis gemeint, in deren Rahmen Bild, Sprache, Schrift, Musik, Fernsehen, Radio, Presse und Internet zunehmend bewußter für die schrittweise Verbesserung demokratischer Lebensverhältnisse eingesetzt werden.

Desto globaler das Mediensystem sich entwickelt, um so zentraler wird seine demokratische Bildungsfunktion. Die drei großen globalen Krisen, die wir gegenwärtig erleben – die Finanz-, die Energie- und die Klimakrise – tragen mit dazu bei, dass immer mehr MedienunternehmerInnen einsehen, dass kurzfristige ökonomische Wachstums-Imperative allein die weltweite Zukunft der Demokratie nicht sichern können.

Im “Spiegel” schlägt sich dieser Prozess ebenfalls nieder. Das gilt zumindest teilweise auch für den hier von mir kommentierten Artikel. So fordert Ermann am Ende des Gesprächs dazu auf: “Man sollte versuchen, eine ‘positive Kriegskindheitsidentität’ zu entwickeln. Dazu ist es nie zu spät.” Das gilt vermutlich auch für die beiden JournalistInnen. Immerhin haben sie Ermann das letzte Wort gegeben, seine Message öffentlich gemacht und sich bei ihm freundlich bedankt. Weiter so!

Mike Sandbothe

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Das Spiegel-Interview von Ulrike Demmer und Alfred Weinzierl ist als Volltext unter dem Titel “Der Körper vergisst nicht. Der Münchner Psychoanalytiker Michael Ermann im Gespräch (…)” auf Spiegel-Online zugänglich. Ein älteres Spiegel-Gespräch zum selben Thema und mit fast dem gleichen Aufmacher findet sich hier: “Der Körper vergisst nichts. Trauma-Therapeutin Luise Reddemann über die Spätfolgen von Kriegserlebnissen